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Thoraxschmerz-Projekt

Hintergrund

Für Brustschmerz Patienten ist der Hausarzt normalerweise der Erstkontakt im Bereich des offiziellen Gesundheitssystems, abgesehen von den Fällen, in denen sich ein so dramatischer Thoraxschmerz äußert, der gleich zu einer direkten Krankenhauseinweisung, in der Regel durch einen Notarzt, führt. Hausärzte sind mit dem kompletten Spektrum bevölkerungsbezogener gesundheitlicher Probleme konfrontiert und arbeiten im sogenannten Niedrigprävalenzbereich, d.h. Patienten präsentieren sich mit einer großen Bandbreite von Krankheitssymptomen, denen in den meisten Fällen benigne Ursachen zugrunde liegen. In vielen Fällen kann eine klassische Lehrbuch-Diagnose überhaupt nicht gestellt werden. Potentiell schwerwiegende Erkrankungen wie die Koronare Herzkrankheit (KHK) sind im Vergleich zu dem Hochprävalenzbereich eines Kreiskrankenhausen oder sogar einer Universitätsklinik selten; dort werden nämlich Patienten gesehen, die bereits den ‚primärmedizischen Filter‘ durchlaufen haben.

Methoden

In Zusammenarbeit mit 74 Hausarztpraxen wurde eine symptomevaluierende Studie eingebettet in eine diagnostische Querschnittstudie bei 1355 konsekutiven Patienten (ab 35J.) mit dem Beratungsanlass Brustschmerz durchgeführt. In einer telefonischen Befragung (6 Monate nach Rekrutierung) wurden Daten zur weiteren ärztlichen Betreuung und diagnostischen Abklärung erhoben. Diese Informationen dienten einem Referenz-Komitee zur Entscheidung, ob zum Zeitpunkt des Patienteneinschlusses eine KHK vorgelegen hatte. Die adjustierten Odds ratios relevanter Prädiktoren dienten zur Entwicklung der Entscheidungsregel. Interne Validierung erfolgte mittels Bootstrapping.
Die externe Validierung wurde am Datensatz einer ähnlichen Studie aus der Schweiz und in der Folge mit den Daten einer zusätzlichen von unserem Institut durchgeführten Folgestudie (gleiche Einschlusskriterien, 880 Patienten) durchgeführt.

Ergebnisse

Die Prävalenz von Brustschmerz in der Hausarztpraxis über den Erhebungszeitraum betrug 0,65%.    Die Mehrzahl (56,1%) der Brustschmerzpatienten waren Frauen. Das durchschnittliche Alter lag bei 61 Jahren (Spannweite 36-95 Jahre).  52,8% der Patienten hatten Brustschmerzen zum Zeitpunkt der Konsultation. 30.1% der Patienten präsentierten sich mit akutem (während der letzten 48 Stunden erstmalig aufgetretenem) Brustschmerz.

Für das Patientenkollektiv ergaben sich in absteigender Reihenfolge folgende ursächliche Krankheiten: 45,5% Brustwanderkrankungen, 10.9% stabile KHK, 9.3% Psychogene Beschwerden, 7.9% Respiratorische Infekte, 3.8% Hypertonie, 3.4% Refluxkrankheit, 3.3% Akutes Koronarsyndrom, 2.1% Benigne Magenerkrankungen.

Der aus dem Projekt hervorgegangene Marburger Herz-Score erlaubt eine Stratifizierung von Patienten in 3 Risikogruppen. In der Niedrigrisikogruppe (Score 0-2 Punkte), die 2/3 der Patienten umfasst, kann eine KHK mit einer sehr niedrigen Missklassifikationsrate ausgeschlossen werden.

 Literatur

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