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Der Nachlass Emil von Behrings und das Behring-Archiv in Marburg

Zur Geschichte des Nachlasses

Nach Behrings Tod verblieb sein Nachlass zunächst im Familienbesitz in Marburg und stand unter der Obhut seiner Witwe Else von Behring, geb. Spinola (1876–1936). Else von Behring begann noch in Behrings Todesjahr 1917 den Nachlass zu ordnen, Bilder und Dokumente zu beschriften und erhaltene Briefe abzuheften und aufzubewahren. Zeugnis ihrer Bemühungen, das Andenken ihres Mannes für die Nachwelt zu bewahren, sind zwei Fotoalben für die Söhne mit dem Titel "Dem Andenken des Vaters Weihnachten 1917".

Etwa zehn Jahre später bemühte sie sich, die Briefe Behrings an die Korrespondenzpartner in aller Welt zurückzuerhalten oder zumindest eine Kopie oder Abschrift zu bekommen. Ihrer Initiative ist es zu verdanken, dass Marburg zahlreiche Originalbriefe Behrings besitzt. Hervorzuheben sind die Briefe Behrings an Rudolf von Hoesslin aus den 1910er Jahren, die dieser 1933 nach Marburg zurückgab (Vgl. Brief Hoesslins vom 19.02.1933, Behring-Archiv Marburg, EvB/ F1/ 6.)Mit der Rückführung der Behring-Briefe wurden zwei Ziele verfolgt: Zum einen sollte aus dem Nachlass ein Behring-Archiv mit angeschlossenem Behring-Museum werden, zum anderem plante man eine auf breitem Fundament stehende wissenschaftliche Biographie, wozu authentisches biographisches Material benötigt wurde - Erinnerungen der Zeitgenossen und Schüler und die Originalbriefe aus Behrings Hand waren besonders erwünscht. Zahlreiche Anschreiben Else von Behrings an Kollegen und ehemalige Schüler ihres Mannes, in denen sie diesen Wunsch vorträgt, sind erhalten. Eine umfangreiche Biographie erschien 1940 aus Anlass des 50. Jubiläums der Entdeckung des Diphtherieheilserums. Tatsächlich konnten die Autoren Heinz Zeiss und Richard Bieling auf zahlreiche Briefe Behrings und auf nachträglich verfasste Erinnerungen zurückgreifen.

Nach dem Ableben Else von Behrings wurde das Archiv auf Initiative der Behring-Söhne, insbesondere Hans von Behrings (1903–1982), und der beiden Werksarchivare Alexander von Engelhardt (1885–1960) und Joseph Stärk, durch weitere Zugänge und Zukäufe ergänzt. Insbesonder von Engelhardt verstand das Archiv „als Hüter des Nachlasses Behrings“ (aus einem Brief Alexander von Engelhardts an Irmgard Muttray vom 02.06.1941). Das letzte dem Behring-Archiv einverleibte Autograph aus Behrings Hand, ein dreiseitiger Brief des Nobelpreisträgers an den französischen Kollegen Émile Roux (1853–1933) vom 29. November 1895, wurde am 13. August 1996 vom Auktionshaus Kronenberg in Basel für 4370 Schweizer Franken (umgerechnet damals 5385,90 DM) erworben.

Im Rahmen des DFG-Projekts zur Erschließung des Nachlasses Emil von Behrings kamen nach Anschreiben an deutsche Universitätsarchive und andere wissenschaftliche Einrichtungen ab 2009 weitere Briefe Behrings vom Deutschen Museum und der Staatsbibliothek in München sowie von der Staatsbibliothek in Berlin, Preußischer Kulturbesitz, als Kopien hinzu. Einige Schriftstücke stammen aus dem Nachlass Friedrich Althoffs, auch das Paul-Ehrlich-Institut in Langen stellte Briefe aus dem Nachlass Paul Ehrlichs zur Verfügung. 

Portrait Alexander von Engelhardts (Behring-Archiv Marburg)
Nach dem Tod Else von Behrings im Jahr 1936 gelangte der Nachlass über eine testamentarische Verfügung der Witwe an die Behring-Werke. Der damalige Archivar des Werkes, Dr. Alexander von Engelhardt, von 1923 bis 1948 Wissenschaftlicher Sekretär der Behring-Werke A.G., übernahm die Ordnung und Katalogisierung des Bestandes, den er im Laufe der Jahre durch die erwähnten Zukäufe bzw. Schenkungen erweiterte. Er stellte damit das Material für die umfangreiche Biographie über Leben und Werk Emil von Behrings bereit (Heinz Zeiss, Richard Bieling: Behring. Gestalt und Werk. Berlin 1940, 2. Aufl. 1941).

Dem persönlichen und wissenschaftlichen Nachlass des Nobelpreisträgers wurde später auch das Werksarchiv angegliedert. Beide Archivkörper waren bis 1999 in der werkseigenen Bibliothek untergebracht und wurden von Dr. Joseph Stärk betreut. Nach dem Verkauf der früheren Unternehmensteile wurde die Bibliothek aufgelöst, das gesamte Archiv wurde der Philipps-Universität als Depositum übergeben. Es ist dem damaligen kommissarischen Leiter der Emil-von-Behring-Bibliothek, Herrn Professor Dr. Gerhard Aumüller, zu verdanken, dass das Archiv im Jahr 2000 in den Räumen des Instituts für Zytobiologie, Standort Robert-Koch-Straße 6 deponiert werden konnte. Seitdem wird das Archiv von den Mitarbeiterinnen der Emil-von-Behring-Bibliothek, Arbeitsstelle für Geschichte der Medizin der Philipps-Universität, betreut. Seit Juni 2011 gehört das Behring-Archiv nach einer Schenkung durch den früheren Besitzer Sanofi-Aventis der Philipps-Universität Marburg.

Der Bestand wurde seit 2009 durch eine Förderung der DFG (LIS) wissenschaftlich erschlossen und digitalisiert und damit der internationalen Medizin- und Wissenschaftsgeschichte als Quelle zugänglich gemacht. Die 2011 beantragte Projektverlängerung wurde bewilligt, die Erschließung wurde im Juni 2013 abgeschlossen und steht nun in Form einer Datenbank mit Digitalisaten und Regesten den Nutzern zur Verfügung.

Durch Schenkungen wird das Behring-Archiv stetig erweitert, zuletzt 2013 und 2015 durch die großzügige Überlassung des Nachlasses von Albert Behring (1864-1913) durch seinen Enkel Christian-Ulrich Behring (1945-2015), siehe dazu der Nachlass Albert Behrings (1864-1913).

Der Bestand im Überblick

Der Bestand umfasst Dokumente aus Behrings Schul- und Studienzeit, wissenschaftliche Unterlagen wie Labortagebücher und -protokolle, Notizhefte, Kurvenblätter von Serumpferden, Versuchsprotokolle und Fachliteraturexzerpte, Werk- und Vorlesungsmanuskripte, aber auch Reisetagebücher und Fotografien, mehrere Aktenordner der Behringwerk-Korrespondenz, dazu eine sehr umfangreiche und interessante Sonderdrucksammlung noch aus Behrings Besitz (es handelt sich um ca. 5000 Drucke), die sich mit seinen Arbeitsschwerpunkten Sepsis, Desinfektion, Diphtherie, Tetanus, Tuberkulose, medizinische Forschung und Methoden (Statistik in der Medizin) und so weiter beschäftigen. Diese Sonderdrucke sind zum Teil mit Widmungen versehen, zum Teil von Behring durchgearbeitet oder mit der Bitte, gegenzulesen, an die Mitarbeiter weitergereicht worden.

Außerdem ist Behrings Arbeitszimmer mit Original-Mobiliar erhalten, das im ehemaligen Behringwerk in Marburg als Behring-Gedächtniszimmer aufgebaut ist. Von wissenschaftlichem Interesse ist seine mehr als 1.000 Bände umfassende Privatbibliothek, die nach wie vor in dem Arbeitszimmer in den Bücherschränken steht (siehe dazu Behrings Bibliothek). Etwa 120 Bücher – zur Kinderheilkunde, Allgemeiner Medizin und Pathologie, aber auch philosophische Schriften – sind regelrecht durchgearbeitet, mit zahlreichen Anmerkungen versehen, zum Teil sind auch Seiten ausgeschnitten und wurden, um sich das Abschreiben beim Zitieren zu ersparen, der Einfachheit halber in die eigenen Manuskripte eingeklebt.