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Der Nachlass Albert Behrings (1864 - 1913)

Die Vorgeschichte

Am 1. Juli 2013 stattete der Enkel des Behring-Bruders Albert (1864-1913), Christian-Ulrich Behring (1945-2015), dem Marburger Behring-Archiv einen Besuch ab, in dessen Verlauf er den Mitarbeiterinnen der Emil-von-Behring-Bibliothek Dr. Kornelia Grundmann und Dr. Ulrike Enke ein verschnürtes, von Packpapier ummanteltes Bündel überreichte, das Dutzende handgeschriebener Briefe enthielt, welche die Behring-Geschwister untereinander austauschten. Hauptadressat war der in Hansdorf (heute: Ławice, Polen) wohende Bruder Albert, der die Familientradition der Behrings fortsetzte und im örtlichen Schulhaus als Lehrer tätig war. Der im Juni 2015 nach Christian-Ulrichs plötzlichem Tod übermittelte Nachlass seines Großvaters Albert enthält außerdem Familienfotos der Familien Behring und Neuber. Alberts Ehefrau Anna Behring (* am 16. Februar 1878 in Gramten) war eine geborene Neuber.

Bedeutung der Briefe für die Behring-Forschung

Die kurzen Briefe aus den frühen 1890er Jahren, zumeist aus der Feder Emma Behrings (1869-1926), die ihrem Bruder Emil den Haushalt in Johannisthal bei Berlin, in Berlin selbst (Treptower Chaussee 8,I) und auch für ein Jahr in Marburg führte, geben aufschlussreiche Einblicke in den Alltag des in dieser Zeit weltberühmt werdenden Arztes und Forschers .

Neue Erkenntnisse für die Forschung bieten beispielsweise Schilderungen Emmas, die zeigen, dass es durchaus nicht ärmlich im Geschwisterhaushalt zuging. Das Haus in der Treptower Chaussee verfügte über 8 Zimmer, man gab Tanzbälle, Diners, zu denen Stabsärzte, aber auch Adlige eingeladen wurden. Der Haushalt verfügte über eine Köchin und eine "Gouvernante", deren Aufgaben im Dunkeln bleiben (wurde die 23-jährige Emma nach dem Tod der Mutter im Jahr 1892 in Berlin durch die Gouvernante in Französisch und Italienisch unterrichtet?). Ins Haus kam auch eine Frau, die die "Große Wäsche" machte. Man besuchte die Oper, das Theater (Le Postillion den Lonjoumeau) und mietete Logenplätze beim Besuch des italienischen Königs in Berlin. Im Sommer machte man Ausflüge in den Spreewald, im Winter trug Emil einen Pelz. Als Fortbewegungsmittel wird die Pferdebahn gewählt: Man nimmt die (bessere) zweite Klasse, da man am Bahnhof ja gesehen werden könnte!

Emma beschreibt den 15 Jahre älteren Bruder als überarbeitet, ihn plagt die Gicht, dann ist er unleidlich und "gnarrig". Er macht viele Reisen und erhält, nachdem sein erstes Buch*) erschienen ist, tägliche viele Briefe und Depeschen. Er liebt Bouillonkartoffeln und "Kartoffelpflinzen", die Emma ihm kochen muss. Er reist nach Paris, um französische Kollegen zu treffen, oder nach Neapel und Capri, wo er seit 1895 eine eigene Villa besitzt: ein Rückzugsort, der auch zur intensiven und störungsfreien Arbeit genutzt wird. Und, wie man aus Emmas Schilderungen auch erfährt, war Emil öfter verliebt ...

*) Die Blutserumtherapie. Die practischen Ziele der Blutserumtherapie und die Immunisirungsmethoden zum Zweck der Gewinnung von Heilserum von Stabsarzt Emil Behring. Leipzig: Thieme, 1892. - 66 Seiten

Sämtliche Briefe wurden im Rahmen des DFG-Projekts "Behring-Biographie" erfasst und von der Verfasserin transkribiert.

Dr. Ulrike Enke, Juni 2015