16.12.2019 Eine Woche vor Angela Merkel besuchen Lehramtsstudierende das ehemalige Vernichtungslager Auschwitz

Foto: Hennim Tönger

Durch die steigende Anzahl heterogener Lerngruppen, in denen Schüler*innen unterschiedlicher Nationen zusammenkommen und mit ihren diversen Sprachen, Ideologien und Religionen konfrontiert werden, ergeben sich neue Chancen aber auch Herausforderungen für die Institution Schule und ihre Lehrkräfte. Dass das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen nicht zwangsläufig ein friedliches und gewinnbringendes Nebeneinander gewährleistet, zeigen jüngste politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Diese fordern einen veränderten Bildungsauftrag an deutschen Schulen: Zunehmender Fremdenfeindlichkeit muss entgegengewirkt werden. Ziel ist diesbezüglich, ein demokratisches und menschenrechtsachtendes Wertebewusstsein zu etablieren. Lehrkräfte sind demnach mehr denn je dazu angehalten, humanitäre Werte wie Toleranz, Empathie, Alteritätsoffenheit sowie die Wertschätzung kultureller Vielfalt zu vermitteln und zu fördern.

Auschwitz, Symbol des Holocaust und Ort des Gedenkens an die Opfer eines der größten Verbrechen gegen die Menschheit, an dem jene zu vermittelnden Werte missachtet und systematisch ausgelöscht wurden, wird seit Jahrzehnten als Ort der außerschulischen Lehre genutzt. Aktuelle Tendenzen zeigen jedoch, dass sich die mit dem Ort Auschwitz verbundene Didaktisierung einem Wandel unterziehen muss, der die Bedürfnisse der Lernenden berücksichtigt, um ihnen auf diese Weise die außerordentliche Bedeutsamkeit des Lernortes zu verdeutlichen.

Zu diesem Zweck und anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 2020 hat eine Gruppe Lehramtsstudierender der Philipps-Universität Marburg vom 21. bis 27. November 2019 die Gedenkstätte besucht. Im Vordergrund stand die 1) interkulturelle, 2) mediale und 3) handlungsorientierte Auseinandersetzung mit dem Lernort – drei Schlüsselkompetenzen, die für die zeitgenössische Weltbegegnung zentral sind und als überfachliche Kompetenzen in den hessischen Kerncurricula verankert sind.

1)     Auschwitz war und ist noch heute ein konfliktbehafteter Ort der Begegnung unterschiedlicher Kulturen. Die Bildungsreise diente also dazu, Vorurteile und Stereotype gegenüber dem Fremden abzubauen und auch das Eigene neu zu definieren. Dieses Potenzial wurde konkret durch die Kooperation mit der Internationalen Jugendbegegnungsstätte (IJBS) ausgeschöpft. Durch einen Aufenthalt in Krakau, der nicht zuletzt auch als Fenster für die Verarbeitung der belastenden Eindrücke in Auschwitz diente, wurde ein Einblick in das Leben des gegenwärtigen Polen ermöglicht und der Kontakt zu polnischen Schüler*innen hergestellt.

2)     Bildmedien sind mittlerweile ein essentieller Teil gesellschaftlicher und politischer Kommunikation, die im Alltag der Jugendlichen in vielfältigen Formen zunehmend präsent werden. Durch die zeitlichen Diskrepanzen wird es künftig vor allem über den medialen Zugang möglich sein, sich der Thematik zu nähern. Daher haben die Studierenden in Kleingruppen Kurzvideos gedreht, in denen sie ihre sehr individuelle Begegnung mit dem Lernort und den Menschen vor Ort als zukünftige Lehrkräfte medial festgehalten haben. Beispielsweise wurde Kontakt zu einer österreichischen Schülergruppe aufgenommen, die gleichzeitig in der IJBS untergebracht war, um ihre Empfindungen in Interviews aufzuzeichnen und sie auf diese Weise zu reflektieren, zu verarbeiten und auch Dritten zugänglich zu machen.

3)     Aus dem Alltag ausbrechen, Neues erleben oder die Sinne schärfen sind elementare Faktoren für den Gewinn neuer Perspektiven. Die Schule und Universität als Institutionen des Wissenserwerbes sind dafür verantwortlich, ihrem Klientel einerseits eine theoretische Basis zu verschaffen und andererseits praxisorientierte Individuen auszubilden, die künftig eigenständig und mündig an der Gesellschaft teilhaben können. Diese Bildungsreise knüpfte an eine Reihe jährlich stattfindender interkultureller Begegnungsseminare am FB Erziehungswissenschaften (Institut für Schulpädagogik) an.

Laut der IJBS in Oświęcim, in der die Gruppe die meisten Tage ihres Reise- und Begegnungsseminars verbracht hat, war sie die erste Gruppe der Philipps-Universität Marburg, die sich entschieden hat, sich vor Ort nahe des ehemaligen Konzentrationslagers mehrere Tage mit der konfliktbehafteten Thematik zu beschäftigen. Die Stiftung für die IJBS wurde am 14. Juni 1994 von der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste Berlin sowie der Stadtgemeinde Oświęcim gegründet. Seitdem dient sie als Begegnungsstätte für unterschiedlichste Gruppen und vor allem Schülerklassen.

Abgesehen davon hat die Gruppe der Lehramtsstudierenden von einer achtstündigen professionellen Führung von Wieslaw Swiderski, einem ehemaligen polnischen Deutschlehrer, durch das Stammlager und Auschwitz-Birkenau profitiert. Herr Swiderski vermittelte nicht nur faktenbasierte Informationen und individuelle Schicksale der Häftlinge, sondern auch seine mehrjährige Erfahrung bei die Arbeit mit Schüler*innengruppen und ihren Problematiken.

Zudem wurde eine Ausstellung in einem franziskanischen Kloster besucht, in der das Werk des ehemaligen Häftlings Kolodzej ausgestellt ist. Detailgenau bieten seine Bilder, die der Bühnenbildner noch vor seinem Tod im Kloster selbst inszeniert hatte, einen schonungslosen Einblick in das Leben im Lager, seine Gefühle und das menschenverachtende Verhalten der Nationalsozialisten. Der Pfarrer Thomasz führte uns durch die Ausstellung und erzählte auch über die Zusammenarbeit mit dem Künstler kurz vor seinem Tod und die Entstehungsgeschichte dieser Bilder.

Abschließend erfolgte in Krakau eine Führung durch das jüdische Viertel sowie ein Besuch in einer polnischen Schule – dem II. Liceum Ogólnokształcące im Króla Jana III Sobieskiego. Diese Schule haben viele berühmte Wissenschaftler und Politiker besucht, u.a. auch der amtierende polnische Präsident Andrzej Sebastian Duda. Die Deutschlehrerin Ilona Zych zeigte uns mit ihrer Klasse die Schule und anschließend hatten wir die Möglichkeit, uns mit den Schüler*innen intensiv auszutauschen.

Das Seminar wurde in Zusammenarbeit der Lehrenden Victoria Storozenko und zwei Lehramtsabsolventinnen – Pauline Hofmann und Marlene Helmling, die in ihren Staatsexamensarbeiten relevante Aspekte für das Seminar erforscht haben – organisiert und durchgeführt. Im Vorfeld des Seminars wurde ein Interview mit einer Auschwitz-Überlebenden Sinti und Roma aus Marburg geführt und aufgezeichnet, die im Alter von zwölf Jahren mit ihrer ganzen Familie nach Auschwitz deportiert wurde.

Der Mehrwert des Seminars erschöpft sich vor allem aus einer demokratischen Form der Projektführung, in der Studierende selbst an der Planung beteiligt sind. Durch den Erwerb der Handlungskompetenz wird idealerweise ein stufenartiger Aufbau eines Verantwortungsbewusstseins ermöglicht. Am außerschulischen Lernort Auschwitz ist hierbei explizit die Verantwortung gemeint, zukünftige Verbrechen gegen die Menschheit zu verhindern. Lehramtsstudierende der Naturwissenschaften und Fremdsprachen haben am Seminar teilgenommen und zu einer erfolgreichen Fahrt in hohem Maße beigetragen: Jannik Fröhlich, Tim Koring, Gerda Mittag, Anna Mumenthaler, Tabea Nauschütz, Christian Pfaff, Marius Ruppel, Juana Torralbo Higuera, Hennim Tönges und Hanna Wenzel.

Die Reise wurde von der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung finanziell unterstützt. 

Autorinnen: Marlene Helmling, Pauline Hofmann und Victoria Storozenko

Auschwitz Foto
Foto: Victoria Storozenko

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