Prof. Dr. Anke Abraham

Universitätsprofessorin, verstorben

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35032 Marburg
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Organisationseinheit

Philipps-Universität Marburg Erziehungswissenschaften (Fb21) Institut für Sportwissenschaft und Motologie Psychologie der Bewegung
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    In folgendem Dokument finden Sie eine komplette Liste der Veröffentlichungen von Anke Abraham (pdf-Dokument).

  • Inhalt ausklappen Inhalt einklappen In memoriamIn memoriam

    Anke Abraham ist für uns alle sehr überraschend am 28. April 2017, kurz vor ihrem 57. Geburtstag nach schwerer Krankheit gestorben. Als Lehrende und Wissenschaftlerin des Instituts für Sportwissenschaft und Motologie, Akademische Leiterin des Weiterbildungsmasters Kulturelle Bildung an Schulen und Prodekanin des Fachbereichs Erziehungswissenschaften der Philipps-Universität Marburg war sie eine engagierte und wahrhaftige Kollegin und Mitstreiterin.

    Ihre Themen waren Körperlichkeit und die Körperbiographien von Menschen – in ihren historischen und sozialen Dynamiken, aber auch mit ihrem ganz subjektiven Eigensinn.

    Die Auseinandersetzung war durch ihre eigene Biographie geprägt. In jungen Jahren war sie selbst Hochleistungssportlerin in der Rhythmischen Sportgymnastik, wurde Mitglied der Nationalmannschaft und Teilnehmerin an Europa- und Weltmeisterschaften. 1980 wurde sie mit ihrer Mannschaft Deutsche Meisterin.

    Sie studierte Sportwissenschaft an der Deutschen Sporthochschule in Köln, ebenso Germanistik, Soziologie und Pädagogik, wurde an der Universität Oldenburg zum Thema „Frauen-Körper-Krankheit-Kunst“ mit dem Prädikat „Summa cum laude“ promoviert und habilitierte sich sowohl an der Universität Dortmund 2001 als auch 2004 an der Universität Erfurt und erhielt dort die Lehrbefähigungen für Soziologie und Sportwissenschaft, bevor sie 2004 Professorin für „Psychologie der Bewegung“ im Institut für Sportwissenschaft und Motologie an der Philipps-Universität Marburg wurde.

    Während ihrer Zeit an der Sporthochschule Köln wuchs Anke Abraham mehr und mehr in den Tanz hinein, entdeckte dort andere, neue Formen des Umgangs und der Begegnung mit dem eigenen Körper. Sie wurde Tänzerin in der Tanzgruppe MAJA LEX, später in dem Tanzensemble MAJA Lex GbR und übernahm gemeinsam mit Koni Hanft die künstlerische Leitung dieses Ensembles, eine Zeit, in der sie sich als Künstlerin und Choreographin erlebte. Sie erhielt mit ihrem Ensemble 1989 den 3. Preis im Dritten Internationalen Choreographischen Wettbewerb in Hannover, ein Jahr später den 1. Preis bei den 20. Rencontres Choréographiques Internationales de Bagnolet für die beste interpretatorische Leistung.

    Im Tanz und später in ihren Lehrformaten der Körper- und Bewegungspsychotherapie hat sie erfahren und vermittelt, was es heißt, sich mit dem Körper auszudrücken, Raum und Welt zu gestalten und in Choreographien aufscheinen zu lassen. Sie hat die Grenzen  vermessen, die zwischen sportiven Praktiken und dem gelebten Körper zu Identitätskrisen führen und nach einer Neubestimmung des Verhältnisses verlangen.

    Die selbsterfahrene Instrumentalisierung des Körperlichen als Sportlerin einerseits und die ästhetische, künstlerische Begegnung im Tanz andererseits hat sie in ihrer wissenschaftlichen Karriere zum Thema gemacht und in ein verstehendes Verhältnis gesetzt. Die wissenschaftliche Arbeit von Anke lässt sich dabei nicht auf die Wissensarbeit mit dem Kopf beschränken. Vielmehr hat sie in der hermeneutischen Durchdringung des Körperlichen nach dem Körper als „Erkenntnisquelle“ geforscht und dabei nicht nur zu zeigen versucht, wie bedeutsam das biographisch oft unentdeckte „Wissen über den Körper“ ist, nein, es ging ihr auch und besonders um den „Körper als Subjekt“ und um das „Wissen des Körpers“.

    Aus diesem Grenzgang hat sie als Soziologin das Theoretisieren als ästhetisches Forschen mit dem gespürten Körper immer mit dem wissenschaftlichen Forschen verknüpft und gezeigt, dass Forschungsfragen leiblich-sinnlich zu reflektieren sind. Es ging ihr darum, im eigenleiblichen Spüren zu klären, was eine Frage mit ihr macht – es ging um das Verhältnis zur Frage selbst. Diese Art zu denken und zu forschen haben auch ihre Doktorand_innen, Mitforschende und Studierende erfahren dürfen. In ihren Veranstaltungen hat sie den Studierenden mit ihren eigenen Fragen Raum und Geltung verschaffen wollen – nicht vorgeben und belehren, sondern zuhören und verstehen, was der/die andere sagen oder fragen will. Dabei war es ihr wichtig, ihr Gegenüber in das Fragen und Suchen einzubeziehen. Es ging um die gemeinsame Situation, der/die Andere sollte sich angenommen, einbezogen, ernst genommen fühlen und die Hilfe bekommen, die er/sie braucht. Das haben ganz besonders die Studierenden der Motologie im Schwerpunkt Körperpsychotherapie spüren und schätzen lernen können.

    Anke Abraham nahm sich persönlich zurück, um die anderen zu Wort kommen zu lassen. Das war ein wissenschaftlicher Habitus, den sie exzellent gelebt hat, nicht nur im Umgang mit Studierenden, auch in Vorträgen, in Fort- und Weiterbildungen, in denensie die Lernenden und Zuhörenden in ihre leiblich spürbare Gedankenwelt hineingeholt hat und sie daran hat teilhaben lassen – ja, manchmal auch in der Weise, dass das Gesagte emphatisch aus ihr herausgebrochen ist. Sie hat Raum gelassen für aufkommende Widersprüche oder bohrende und verunsichernde Anfragen.

    2012 entschied sich Anke, die Studiengangsleitung des neuen Masterstudiengangs zu übernehmen. Mit ihrer Expertise im Feld der ästhetischen Forschung und ihren Wesensarten als Visionärin, Querdenkerin und umsichtiger Macherin gestaltete sie maßgeblich das Curriculum mit, das Lehrkräfte, Künstler*innen und Kunstvermittler*innen gemeinsam dafür qualifiziert, Kulturelle Bildung an Schulen anzustoßen und nachhaltige Strukturen dafür zu entwickeln.

    Anke Abraham bleibt uns in Erinnerung als geschätzte und mutige Kollegin, die Forschen und Lehren im wissenschaftlichen Kontext als eine Tätigkeit verstand, in der das eigenleibliche Spüren elementarer Zugang zu Erkenntnis war. Durch dieses Sich-Einlassen und Berührt-sein hat sie einzigartige Erkenntnisse teilen können und als Persönlichkeit unsere Lebenswege geprägt.

    In Verbundenheit und Dankbarkeit für den gemeinsamen Weg,

    Christian Kammler, OStR., Prof. Dr. Ralf Laging, Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing, Vert. Prof. Susanne Quinten, Lea Spahn (M.A.), Brigitte Heusinger von Waldegge, M.Ed.

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