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Jahresfeier 2016 | 9. Marburger Vorlesung zum Völkerstrafrecht mit Professor Christoph Safferling

Am 8. Dezember 2016 veranstaltete das Internationale Forschungs- und Dokumentationszentrum Kriegsverbrecherprozesse (ICWC) an der Philipps-Universität Marburg seine Jahresfeier mit der 9. Marburger Vorlesung zum Völkerstrafrecht. Wie in den vergangenen Jahren konnte dieses besondere – und mittlerweile zur Tradition gewordene – Ereignis in der historischen Aula der Alten Universität stattfinden.

Foto Jahresfeier 2016 Prof. Dr. Eckart Conze
Foto: Jana Hermann/Tobias Römer

Ebenfalls wie in den Vorjahren zog die Veranstaltung ein großes Publikum aus Universität und städtischer Öffentlichkeit an. Unter den Gästen waren neben vielen Studierenden und Lehrenden der Philipps-Universität auch Vertreter/innen der Justiz wie etwa Thomas Sagebiel, Vorsitzender Richter am Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main, und Klaus Rackwitz, Direktor der Internationalen Akademie Nürnberger Prinzipien. Sie alle wurden von Professor Dr. Eckart Conze, Geschäftsführender Direktor des ICWC, begrüßt. Professor Conze gab in einem kurzen Tätigkeitsbericht einen Überblick über die vielfältigen wissenschaftlichen und dokumentarischen Aktivitäten, Forschungsprojekte, Lehrveranstaltungen und internationalen Kooperationen des ICWC im vergangenen Jahr. Besonders deutlich wurde dabei die gelebte Interdisziplinarität.

Foto Jahresfeier 2016 Begrüßung Prof. Dr. Stefanie Bock
Foto: Jana Hermann/Tobias Römer

Ein Aspekt, den auch Professor Dr. Michael Kling, Dekan des Fachbereichs Rechtswissenschaften, als Vertreter der drei das Zentrum maßgeblich tragenden Fakultäten hervorhob. Dekan Kling sagte dem ICWC weitere Unterstützung durch den Fachbereich zu und verwies dabei u.a. auf die Förderung von Exkursionen und die Hoffnung, künftig mehr Verwaltungs- und Personalmittel zur Verfügung stellen zu können. Hierbei hoffe er auch auf die Unterstützung durch das Präsidium der Universität. In seinem eingehenden, kenntnisreichen und sehr persönlichen Grußwort würdigte Professor Kling die Arbeit der Unabhängigen Wissenschaftlichen Kommission zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit beim Bundesministerium der Justiz. Er zeigte sich als sehr genauer Leser der Studie „Die Akte Rosenburg“ und beleuchtete die Fragen, die sich die Rechtswissenschaft stellen müsse, angesichts des immer offener zutage tretenden jahrzehntelangen Nicht-Thematisierens tiefster NS-Verstrickungen wichtigster Repräsentant/innen der juristischen Praxis, Wissenschaft und Regierungsbürokratie.

Professor Kling wie auch Professor Conze begrüßten Frau Professor Stefanie Bock als neu berufene Inhaberin der eng mit dem ICWC verbundenen Strafrechtsprofessur und drückten ihre Freude über die kommende Zusammenarbeit aus. Beide dankten zugleich Herrn PD Dr. Ken Eckstein, der während der belastend langen Vakanz die Professur über drei Semester engagiert vertreten und dabei ebenfalls mit dem ICWC zusammengearbeitet hatte. Als Beispiel nannte Conze die Organisation der interdisziplinären Ringvorlesung „70 Jahre Nürnberger Prozesse“, die zugleich eines der wichtigsten Lehrprojekte des ICWC im vergangenen Jahr darstellte.

Foto Jahresfeier 2016 Monitors
Foto: Jana Hermann/Tobias Römer

Ein weiteres Beispiel sei die Betreuung des ICWC Trial-Monitoring Programme gewesen. Trotz der vielen personellen Wechsel am Fachbereich kann dieses deutschlandweit einzigartige Ausbildungsprojekt in beachtlicher Kontinuität nun schon seit vielen Jahren  betrieben werden. Dabei wird die operative Leitung bemerkenswerterweise weitgehend in ehrenamtlicher Arbeit und Selbstorganisation von Studierenden getragen. Auch 2016 hatten wieder Studierende verschiedener Fachrichtungen erfolgreich ihre Monitoring-Ausbildung abgeschlossen. Ihnen wurden hierfür durch Professor Conze Zertifikate verliehen. Mit Beginn des Wintersemesters 2015/16 hat Frau Professor Bock die fachliche Leitung des Projekts übernommen – ein zusätzliches Engagement, durch das der Fortbestand des Programms auch weiterhin ermöglicht wird.

Foto Jahresfeier 2016 Prof. Dr. Christoph Safferling
Foto: Jana Hermann/Tobias Römer

Sodann wurde Professor Dr. Christoph Safferling, LL.M. als Festredner des Abends begrüßt. Safferling, der bis 2015 selbst Professor in Marburg und Direktor des ICWC gewesen war, zeigte sich sehr erfreut, für diesen Abend an seine „alte Wirkungsstätte“ zurückkehren zu können und schilderte, wie sehr ihn die Jahre der Arbeit in Marburg am ICWC geprägt hätten.
In seinem dann folgenden Vortrag präsentierte er als Sprecher der Unabhängigen Wissenschaftlichen Kommission des Bundesjustizministeriums die von ihm gemeinsam mit dem Historiker Professor Dr. Manfred Görtemaker, selbst im Jahr 2010 Referent bei der damals 3. Marburger Vorlesung zum Völkerstrafrecht, herausgegebene Studie „Die Akte Rosenburg“. Mit repräsentativen Statistiken, aber auch anhand zahlreicher individueller Lebensgeschichten und eindrücklicher Einzelbeispiele gab er einen Einblick in die von der Kommission analysierte und in diesem Umfang teils überhaupt erst aufgedeckte NS-Belastung des Spitzenpersonals des Bundesjustizministeriums in den ersten Bonner Jahren. Er thematisierte, wie es dazu kam und weshalb dieser Umstand über so lange Zeit nicht öffentlich zum Thema gemacht wurde. Im Gegenteil hätten viele stark belastete ehemalige Nazis im Grunde skandalöse Karrieren im Dienst des Ministeriums machen können. Gleichzeitig warb Safferling aber auch um eine differenzierte Beurteilung der in sich in ihrer Aussagekraft problematischen Kategorie „NS-Belastung“. Bei einem anschließenden Stehempfang im Kreuzgang der Alten Universität machte das Publikum Gebrauch von der Möglichkeit, den reichen Stoff, den der Vortrag bot, lebhaft zu diskutieren.