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Jahresfeier 2017 | 10. Marburger Vorlesung zum Völkerstrafrecht mit Bischof Wolfgang Huber

Am 5. Dezember 2017 veranstaltete das ICWC seine Jahresfeier. Zum 10. Mal fand in diesem Zusammenhang auch die Marburger Vorlesung zum Völkerstrafrecht statt.
In diesem Jahr konnten wir Bischof Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Huber, den ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, für den Festvortrag gewinnen, der die Jahresfeier mit seinem spannenden Vortrag zum Thema "Die kulturelle Dimension des Genozids" sehr bereicherte. Außerdem wurden im Rahmen der ICWC-Jahresfeier wie gewohnt die wissenschaftlichen Ergebnisse und Aktivitäten des Zentrums vorgestellt, sowie die diesjährigen Absolventinnen und Absolventen des Trial-Monitoring Programmes ausgezeichnet.

Von links nach rechts: Bischof Wolfgang Huber, Prof. Eckart Conze und Prof. Stefanie Bock
Foto: Milena Hardt

Wie auch in den vergangenen Jahren zog die Veranstaltung ein großes Publikum aus dem universitären Spektrum wie auch der städtischen Öffentlichkeit an, das von der geschäftsführenden Direktorin des ICWC, Prof. Dr. Stefanie Bock, begrüßt wurde. Auch der Vizepräsident der Philipps-Universität, Prof. Dr. Joachim Schachtner, sowie Prof. Dr. Benedikt Stuchtey, Dekan des Fachbereiches Geschichte und Kulturwissenschaften, richteten Grußworte an die Gäste. Prof. Dr. Schachtner lobte dabei besonders die großartige Quellensammlung des ICWC zu Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs, in die unter anderem Dokumente aus den National Archives Washington und den Staatsarchiven Belgien einfließen und dem Vizepräsidenten zufolge eine hervorragende Basis für zukünftige Forschungsprojekte böten. Er hob zudem den interdisziplinären Charakter des Zentrums hervor, der sich in Forschung und Lehre, sowie in der intensiven Kooperation mit dem Zentrum für Konfliktforschung, dem Fachbereich Geschichte und Kulturwissenschaften und den Rechtswissenschaften zeige. In diesem Zusammenhang sei auch das ICWC Trial-Monitoring Programme, das in diesem Jahr mit dem Hessischen Hochschulpreis für Exzellenz in der Lehre in der Kategorie "Studentische Initiative" ausgezeichnet wurde, von großer Bedeutung für die Universität. Prof. Dr. Stuchtey betonte darüber hinaus die Rolle des ICWC im nationalen und internationalen Kontext. Das Zentrum leiste einen wichtigen Beitrag zur Auseinandersetzung mit humanitären Fragen in Problemfeldern wie dem Völkerstrafrecht und dem Strafvollzug.

Frau Prof. Bock begrüßt die Gäste der ICWC-Jahresfeier 2017
Foto: Leif Henke

Im anschließenden Tätigkeitsbericht des Zentrums wies Frau Prof. Dr. Bock darauf hin, dass die Datenbank des ICWC bereits etwa 11.000 Verfahren und 23.800 Personen umfasse. Darunter befinden sich Kriegsverbrecherprozesse der USA auf den Philippinen, ebenso wie Verfahren in Belgien oder der französischen Zone. Hinzugekommen sind zudem Luxemburger Verfahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Rahmen der Einspeisung der Daten ergäben sich, so die geschäftsführende Direktorin, verschiedenen Schwerpunkte der Prozesse. Besonders hervorgehoben wurde in diesem Jahr die Zusammenarbeit mit dem Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden. Das ICWC war hier an der Erstellung einer interaktiven Karte zu den so genannten "Flyer Cases" beteiligt. Auch wurde die Kooperation mit dem Legal Tools-Projekt des IStGH fortgesetzt. Lobende Erwähnung fanden nicht zuletzt die Forschungsprojekte wissenschaftlicher Mitarbeiter/innen, darunter das Dissertationsprojekt von Dirk Stolper, der sich mit Wirken und Wahrnehmung von "Eichmanns Anwalt" Robert Servatius auseinandersetzt. Ganz im Einklang mit dem Leitmotiv des Zentrums "Internationalität und Interdisziplinarität" gestalteten sich auch in diesem Jahr wieder die Lehrveranstaltungen des ICWC, wozu unter anderem Herr Taxiarchis Fiskatoris, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum, mit seinen Seminaren zu den Themen "Leading Cases des modernen Völkerstrafrechts" und "Transnational Crimes: Interdisciplinary Perspectives" beitrug.

Die diesjährigen Absolventinnen und Absolventen des Trial-Monitoring Programmes: Nele Kirsten Hansen, Jonas Sahm, Lisa Kramer und Lena Marcella Harris-Pomeroy mit Prof. Dr. Stefanie Bock (v.l.n.r.)
Foto: Milena Hardt

Darüber hinaus fand im vergangenen Sommersemester das interdisziplinäre Seminar "Transnational Justice in Kambodscha" statt, das zugleich eine inhaltliche Vorbereitung für jene 12 Studierenden bot, welche die 12-tägige Exkursion des ICWC Trial-Monitorings nach Kambodscha begleiten durften. Zudem nahm auch in diesem Jahr wieder ein vierköpfiges Marburger Team am Nuremberg Moot Court teil, das obendrein für den besten Anklage-Schriftsatz ausgezeichnet wurde. Weitere vier Studierende hatten im April die Möglichkeit erhalten, am Model International Criminal Court in Kreisau (Polen) teilzunehmen.

Festredner Bischof Wolfgang Huber bei seinem spannenden Vortrag
Foto: Leif Henke

Den Höhepunkt der Veranstaltung stellte die 10. Marburger Vorlesung zum Völkerstrafrecht dar, die von Bischof Prof. Dr. Dr. hc. Wolfgang Huber gehalten wurde. Der ehemalige Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland hatte seine erste Professur an der Professur für Sozialethik an der Universität Marburg inne und lehrte sodann unter anderem in Heidelberg, Atlanta und Berlin. In seinem Festvortrag teilte er mit den Gästen seine Gedanken zum Thema "Die kulturelle Dimension des Genozids". Dabei kritisierte er besonders die Vernachlässigung eben jener kulturellen Dimension in der Definition des Völkermord-Begriffs, die er mit Heinrich Heines berühmten Worten "Wer Bücher verbrennt, verbrennt auch Menschen" skizzierte. Im historischen Kontext sei hier an die Zerstörung jüdischen Eigentums in der Pogromnacht 1939 erinnert, heute zeigten die identitätsgerichtete Gewalt des "Islamischen Staates" und die Zerstörung von Kulturgütern in Aleppo oder Mossul die unauflösliche Verflechtung der Zerstörung von Kultur und der Zerstörung von Menschen. Den Schutz der kulturellen Vielfalt könne man, so Bischof Huber, mit der Bio-Diversität vergleichen. Man müsse den Menschen nicht als an sich schutzbedürftige Gattung verstehen, sondern vielmehr die Begabung des Einzelnen im Verhältnis zu sich selbst. Die nachhaltige Bewahrung der Kultur des Menschen sei folglich unentbehrlich.

Den anschließenden Stehempfang im Kreuzgang der Alten Universität nutzten die zahlreichen Gäste, um das Gehörte lebhaft zu diskutieren. Die Jahresfeier des ICWC 2017 war somit ein voller Erfolg und wir freuen uns schon darauf, Sie im nächsten Jahr wieder begrüßen zu dürfen.