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Clemens Mitscher, Ohne Titel

Zwei Fotografien von Clemens Mitscher mit hoher Rasterung
© VG Bild-Kunst 2020

Clemens Mitscher
geb. 1955 Marburg
ohne Titel, 1989
Fotografie, 58,5 x 42,5 cm
Geschenk des Künstlers 1990

Die beiden Kunstwerke von Clemens Mitscher, die 1990 als Schenkungen des Künstlers in die Museumssammlung kamen, haben keine Titel. Beide Fotografien zeigen uniformierte Personen – möglicherweise Generäle –, die salutieren, große Schirmmützen und Krawatten tragen. Weitere Bildmotive können durch das grobe Bildraster und die bis zur Unkenntlichkeit vergrößerten Fotografien nicht entschlüsselt werden. Rasterung und Auflösung vernebeln die Sicht.

Clemens Mitscher wurde 1955 in Marburg geboren. Noch heute lebt der Künstler in der Universitätsstadt. Schon im Alter von fünf Jahren knipste er sein erstes Foto. Das kindliche Erlebnis weckte seine Faszination für das Medium, und während der Jugend wuchs die Begeisterung für die Fototechnik. Nach einer Ausbildung zum Betonbauer begann er eine Lehre als Fotograf beim Bildarchiv Foto Marburg. Ab 1985 folgte ein Studium der Visuellen Kommunikation an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. In diese Zeit fielen auch seine ersten Ausstellungserfahrungen in Marburg. Gemeinsam mit anderen jüngeren Künstler/innen der Szene überzeugte er den damaligen Direktor Dr. Jürgen Wittstock, ein Kunstprojekt im Museum zu realisieren. 1989 erhielt er den Förderpreis für Bildende Kunst des Bundesministers für Bildung und Wissenschaft und stellte ein Jahr später noch als Student im Kunstverein Marburg aus.

Zwei Fotografien von Clemens Mitscher mit hoher Rasterung
© VG Bild-Kunst 2020

Auch die beiden unbetitelten Fotografien im Kunstmuseum entstanden während seiner Offenbacher Studentenjahre. Mit der Vergrößerung des Rasters der Fotografien wurden die Farben in einzelne unscharfe Bildpunkte aufgesplittert. Cyan, Rot, Magenta, Grün und Gelb überlagern sich zu Farbknoten und scheinen sich an langen Perlenschnüren durch das Bild zu hangeln. Durch Helligkeitsabstufungen und die Abdunkelung einzelner Bereiche im Bild wird die Illusion von Gegenständlichkeit erzeugt.

Charakteristisch für Clemens Mitschers künstlerische Arbeit ist die Weiterarbeit mit Printprodukten, Zeitdokumenten, Fernsehbildern und privaten Schnappschüssen, die mit Hilfe der Fototechnik transformiert werden. Die Fotovorlagen entnahm der Künstler der Medienwelt mit ihrer Mischung von Musik, Spots, Werbung und Nachrichten. Die Bilder wurden mitunter direkt vom Fernsehbildschirm abfotografiert. Den Medienbildern schreibt Mitscher Warencharakter zu, da diese produziert und konsumiert werden und gleichzeitig nur reproduzierte und/oder inszenierte Wirklichkeit abbilden. Der verfremdende Eingriff des Künstlers weist darauf hin, dass Medienbilder stets kritisch zu betrachten sind und nicht mit der Realität verwechselt werden sollten. Seine Werkreihe „M.A.S.S.A.“ beispielsweise zeigt die Waren eines Kaufhauses, deren Kaufverführung durch formale Verfremdung und die Bearbeitung mit Kaliumpermanganat negiert wird. Mitscher kritisierte im Interview: „Die Medienrealität bestimmt längst unsere unmittelbaren Lebenszusammenhänge, hat uns total von seinen vielfältigen Erscheinungsformen abhängig gemacht.“ [Ausst.kat. Clemens Mitscher: Kontext, Marburger Kunstverein, Marburg 1990]

Bildrasterung der Fotografie von Clemens Mitscher. Bildauschnitt
© VG Bild-Kunst 2020

Für die vorliegenden Fotografien nutzte der Künstler die Transformation und die Mittel der Fototechnik, um die Bildwirkung zu verstärken. Die gerasterten Farbpunkte, die durch das Abfotografieren von einem Fernsehbildschirm entstanden sein könnten, erinnern in ihrer Gleichförmigkeit entfernt an eine Armeeformation. Zudem verschwinden die beiden dargestellten Personen hinter ihrer Uniform und verlieren ihre individuellen Eigenschaften. Der landläufigen Erwartung der Verbindung von Fotografie und Wahrheit begegnet Mitscher – anstelle von Schärfe – mit bedrohlicher Unschärfe.

Im Jahr 1990 nahm Mitscher das Aufkommen der digitalen Fotografie wahr. Obgleich flackernde Fernsehbilder die Ästhetik seiner Fotografien beeinflussten, arbeitete der Künstler Ende der 80er Jahre in analoger Tradition. Er selbst schätzte den körperlichen Erfahrungsprozess, der mit der analogen Fotografie verbunden ist.

Mehr noch als von dem beginnenden Übergang vom analogen ins digitale Zeitalter war das Jahr 1989 geprägt von einem Wendepunkt in der Geschichte. Der Untergang der UdSSR und das Ende der DDR führten zu weltpolitischen Veränderungen. Bei näherer Betrachtung und vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund könnten die beiden Generäle als Vertreter der beiden Weltmächte USA und UdSSR gesehen werden. Der mit weißen Handschuhen salutierende Mann trägt ein weißes Hemd mit dunkler Krawatte und ein dunkles Jackett. Dies entspricht ungefähr einer US-amerikanischen Uniform. Der zweite Uniformierte trägt eine hohe Schirmmütze mit glänzendem Schirm und auf seiner grünlichen Jacke sind zahlreiche rote Farbpunkte zu sehen. Dementsprechend könnte ein militärischer Vertreter der Sowjetunion identifiziert werden.

Ob es sich nun um zwei konkurrierende Systeme handelt, die in den Fotografien charakterisiert sind, lässt sich nicht abschließend sagen. Doch die Kernbotschaft liegt nicht in der Entschlüsselung der Uniform und der nationalen Zugehörigkeit der beiden Generäle, sondern in der durch die Transformation des Bildes geleisteten Kritik. Die Porträts zeigen entkörperlichte, militärische Macht, die über einzelne Personen hinausgeht und wesentlich über die Uniformen definiert wird.

Samira Idrisu