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Reflexionen im Selbstporträt

Das schmale Hochformat zeigt vor einem diffusen Hintergrund einen gut gekleideten Herrn mit Anzugjacke, Weste und Fliege. Im Bildvordergrund deutet ein helles Dreieck die Ecke eines Tisches oder ein Tablett an, auf dem sich, ein Glas Absinth mit goldfarbenen Absinth-Löffel befindet.
© Bildarchiv Foto Marburg

Curt Ehrhardt
Ziesar/Brandenburg 1895 – 1972 Schwarz/Hessen
Ein Glas Absinth, 1921
Öl auf Pappe, 60 x 23 cm
Kunstmuseum Marburg

Als Curt Ehrhardt 1916 die Kunstausstellung der Berliner Sturm-Galerie besuchte, inspirierten ihn die avantgardistischen Werke der Künstlergruppe „Brücke“, die er dort neben Bildern der Wanderausstellung des „Blauen Reiters“ besichtigen konnte. 1919 brach er sein Jurastudium ab, wurde Mitglied der politisch aktiven Künstlervereinigung „Novembergruppe“ und folgte damit seiner moralischen Überzeugung, sich „ganz der Malerei von neuen geistigen und gesellschaftlichen Gesichtspunkten aus widmen zu müssen und zwar auf jede Gefahr hin.“ [Curt Ehrhardt, 1895-1972, Arbeiten eines verschollenen Künstlers“, Ausstellungskatalog, Berlin 1991, S. 57.]

Das schmale Hochformat zeigt vor einem diffusen Hintergrund einen gut gekleideten Herrn mit Anzugjacke, Weste und Fliege. Im Bildvordergrund deutet ein helles Dreieck die Ecke eines Tisches oder ein Tablett an, auf dem sich, ein Glas Absinth mit goldfarbenen Absinth-Löffel befindet.
© Bildarchiv Foto Marburg

Leuchtend bunte Farbbahnen im Komplementärkontrast, die fragmentarisch menschliche Gestalten in sphärischen Raumwelten zeigen, prägten diese frühe Schaffensphase. Im vorliegenden kleinen Gemälde von Curt Ehrhardt mit dem Titel Ein Glas Absinth, welches 1921 auf der „Großen Berliner Kunstausstellung“ zu sehen war, klingen plötzlich andere Töne an. Neben einer reduzierten und eher gedeckten Farbpalette ist das schmale Hochformat mit der männlichen Halbfigur Ausdruck eines veränderten Kunstverständnisses.

Vor einem diffusen Hintergrund aus dunkelgrünen, gelb-grünen und pastellgrünen Farbnuancen ist ein gut gekleideter Herr mit Anzugjacke, Weste und Fliege zu erkennen. Im Bildvordergrund deutet ein helles Dreieck die Ecke eines Tisches oder ein Tablett an, auf dem sich, wie wir dem Titel entnehmen können, ein Glas Absinth mit goldfarbenen Absinth-Löffel befindet. Vermutlich spielt Curt Erhardt mit dem grünen Gesamtkolorit seines Bildes auf die Essenz des auch als „Grüne Fee“ bezeichneten Absinths an. Die wermuthaltige Spirituose avancierte mit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem in Künstlerkreisen beliebten Kultgetränk, dem eine bewusstseinserweiternde Wirkung nachgesagt wurde. Möglicherweise setzte auch Curt Ehrhardt bei seiner Suche nach innovativen, künstlerischen Ausdrucksformen auf die magische Wirkung der flüssigen Droge.

Die aufrechte Haltung der dargestellten Person und ihre großen, nach vorn blickenden Augen zeigen einen Einzelgänger, der versucht, sich zu orientieren. Obwohl eine seitliche Beleuchtung die Szene erhellt, bleiben seine Hände im Verborgenen, und sein Körper im braunen Jackett scheint sich im transparenten Kolorit beinahe in Luft aufzulösen. Die durchscheinende Farbigkeit des Körpers steht im Kontrast zum kantigen Gesicht, dessen hellgelbes Inkarnat sich deutlich vom dunklen Hintergrund absetzt. Die mit wenigen Strichen und Farbakzenten angedeuteten Gesichtszüge wirken maskenhaft und anatomisch verzerrt. Und doch können wir davon ausgehen, dass der Künstler sein eigenes Spiegelbild als Vorlage nahm. Die schmalen Lippen, die blauen Augen und die sehr hohe Stirn sind individuelle Merkmale, die er nun überzeichnet, um als Künstler die Rolle eines Sehers und Denkers einzunehmen. Gleichzeitig signalisiert das schmale Hochformat des Bildes eine klaustrophobische Enge, die der Maler wohl fühlen musste.

1921 war der Künstler an einem kritischen Punkt seines Schaffens angekommen und zog Bilanz. Der erste heftige Impuls in Richtung einer von Teilen der Künstlerschaft erhofften revolutionären Veränderung der Gesellschaft hatte bereits deutlich an Kraft verloren. In der collageartigen Anordnung der Gesichtspartien sowie in der perspektivisch verzerrten Darstellung des Tisches bedient sich Curt Ehrhardt der Bildsprache des Kubismus. Sie war wegweisend für eine ganz neue Denkweise in der Malerei, die den Künstler nun, gerade auch nach seinen Erlebnissen im Ersten Weltkrieg, zu anderen Ausdrucksmöglichkeiten drängte.

Die Tischplatte im Vordergrund kippt nach rechts unten während die obere Kante direkt in sein Herz sticht; eine grüne Wolke umweht die Stelle, die auch von dem Lichtstrahl hell beleuchtet wird. Wie in kaum einem anderen Werk, arbeitete Curt Ehrhardt hier mit bildlichen Verweisen und symbolischen Andeutungen. Das Glas Absinth hat einen sehr unsicheren Stand auf der stark abschüssigen Fläche und ungewöhnlich klar reflektieren die Farben der Umgebung im Glas. Sie zeichnen gelbe, grüne und kleine violette Felder im transparenten Verlauf, die von schwarzen und weißen Linien gekreuzt werden. Die V-förmige Physiognomie des Kopfes wiederholt sich in der Form des Glases und sogar die tiefen Falten auf der Stirn hinterlassen dort den Schein eines schwarzen Kreuzes. Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass das Absinthglas nur ein einfaches Wasserglas ist – ohne Stiel, und auch die Flüssigkeit entspricht nicht der mit Wasser und Alkohol verdünnten, milchigen Substanz.

kubistisches Glas mit einem Löffel und Inhalt
© Bildarchiv Foto Marburg

Das Wasserglas ist ein eigenes kleines Kunstwerk, das an Werke von Kandinsky oder Jawlensky erinnert. Curt Ehrhardt scheint in seiner Darstellung mit kritischem Blick auf die Entwicklungen der aktuellen Kunstszene zu reagieren. Tiefe Stirnfalten und ein zusammengepresster Mund sind Ausdruck dieser Reflexion und seiner Suche nach einer eigenen künstlerischen Identität.

Michaela Haas

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