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Zu Besuch bei Doris Conrads

Gewitterhimmel mit aufgetürmten Wolken
© VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Doris Conrads
geb. in Würzburg 1949
Wolkenquadrat 5, 2011
Aquarell auf Leinwand, 150 x 150 cm
Ankauf 2020

Wolkig-blau, so erscheint vieles im Atelier von Doris Conrads im Weidenhäuser Quartier in Marburg. Neben einem stoffumfangenen Stuhl, der Lieblingssitzgelegenheit der Künstlerin, und Stoffstaffagen aller Art, ist der Raum erfüllt von Himmelsfotografien, Malutensilien und selbstverständlich: großformatigen Wolkenquadraten. Seit den 1980er Jahren blickt die Malerin, die an der Städelschule bei Raimer Jochims studierte, nun in den Himmel und beschäftigt sich mit Naturphänomenen in der Luft. Zunächst Sternenhimmel, Schneegestöber, Vogelschwärmen, später Wolken, ein aktuelles Gemälde zeigt den Mond „la luna“.

Ein Blick in das Atelier der Künstlerin Doris Conrads
Foto: Samira Idrisu
Zu sehen sind Tücher, Pinsel und Farben; Malutensilien der Künstlerin in vorwiegend Blautönen
Foto: Samira Idrisu

Im Kunstmuseum Marburg sind zwei Wolkenquadrate der Künstlerin im Foyer ausgestellt. Im Anschluss an eine Einzelausstellung wurden die Werke im Jahr 2020 Teil der Sammlung. Nun sind die Besucher/innen gleich beim Museumseintritt mit dem Blick gen Himmel und den damit einhergehenden großen Lebensfragen konfrontiert. Was sehen wir in den Wolken? Befindet sich dort das christliche Paradies? Und wohin gehen wir nach unserem Tod? Gott kommt in den Sinn. Dennoch: Doris Conrads‘ Verhältnis zur Kirche ist ambivalent. Trotz katholischer Erziehung ist der Widerstand mitunter größer als die Anziehung. Der Glaube und die Mystik sind ihr vertrauter.

Stein- und Muschelsammlung im Atelier von Doris Conrads
Foto: Samira Idrisu
An der Stirnseite des Ateliers stehen auf dem Boden drei großformatige Gemälde. Sie zeigen Wolkenlandschaften in unterschiedlichen Abstraktionen. Die Leinwände auf der linken und rechten Seite weisen noch einige weiße Stellen auf.
Foto: Samira Idrisu

Inspiration schöpft die Malerin insbesondere in der Natur, auf dem Fahrrad und zu Fuß. Festgehalten werden die Erinnerungen fotografisch und im Geiste. Ein Wolkenkoffer mit durchsichtigem Deckel bewahrt Fotografien bedeutsamer Himmelsentdeckungen auf; sie dienen dem stimmungsvollen Eintauchen, nicht der Vorlagenfindung. Auf dem Atelierboden liegen Fundstücke ihrer Reisen, insbesondere Steine und Muscheln, die zeichnerisch festgehalten werden. Sie bilden den Kontrast zu den sonst so zahlreichen luftigen Elementen im Raum. Die Sammlungen, Farben, Pinsel, Leinwände, Stoffe und Fotografien formen ein geordnetes Chaos, das in schöner harmonischer Verbindung zur Kunst von Doris Conrads steht.

Doris Conrads hinter einer Staffelei mit Mondlandschaft
Foto: Florian Conrads

An der Stirnseite des Raumes sind drei große Leinwände zu einem Triptychon aufstellt. Bevor eines der Bilder das Atelier verlässt oder auf Reisen gehen kann, sollen die Arbeiten weiterwachsen und hier gemeinsam wirken. Die Malweise von Doris Conrads benötigt viel Zeit. Gouache und Aquarellfarben werden mit Wasser vermengt, auf die Leinwand geschüttet, gemalt und getupft. Das auf den Malgrund gebrachte Wasser mit der Aquarellfarbe sucht sich seinen Weg, wird zum Teil auch von der Künstlerin in Bahnen gelenkt. In zahlreichen Schichten treten Zufälligkeiten auf, die ausgeformt werden oder wieder verschwinden. Wie auch in der Natur sorgen Wasser und Luft für das Entstehen, Vergehen und Vorbeiziehen der Wolken. Die Vielschichtigkeit erzeugt eine Tiefe, die durchaus mit der Mystik verbunden ist.

In einer Ecke des Ateliers befindet sich ein schwarzer Flügel. Zum Abschied spielt Doris Conrads ein Stück des Komponisten Philip Glass. Sphärische Klänge ertönen, die Wolkenbilder scheinen sich in Bewegung zu versetzen, der luftige Klang verleitet zum Träumen und langsam – mit den Eindrücken eines inspirierenden Vormittags im Kopf – geht der Atelierbesuch zu Ende. Eigentlich schade…

Samira Idrisu

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