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Für die Freiheit der Kunst

Auf der Leinwand erstrecken sich nach links neigende Olivenbäumen. Im Hintergrund sind gestaffelte Gebirgszüge und ein bewölkter Himmel zu sehen.
© Hanna Bekker; Foto: Bildarchiv Foto Marburg

Hanna Bekker
Frankfurt a. M. 1893 – 1983 Bad Nauheim
Olivenbäume, 1934
Öl auf Leinwand, 60 x 80 cm
Ankauf 2016

Als Hanna Bekker vom Rath 1934 zu Pinsel und Farben griff, um die mediterrane Landschaft mit Olivenbäumen festzuhalten, befand sie sich gerade mit ihren Kindern in Athen, wo sie das Ende der nationalsozialistischen Diktatur abwarten wollte. In Landschaftsmalereien, die in dieser Zeit zunehmend zum Sujet ihrer Arbeit wurden, hielt die Künstlerin beinahe unbeschwerte Eindrücke aus dem Exil fest.

Auf der Leinwand erstrecken sich nach links neigende Olivenbäumen. Im Hintergrund sind gestaffelte Gebirgszüge und ein bewölkter Himmel zu sehen.
© Hanna Bekker; Foto: Bildarchiv Foto Marburg

Auf der Leinwand erstrecken sich nach links neigende Olivenbäumen vor gestaffelten Gebirgszügen im Hintergrund. In spätsommerliches Licht getaucht, strahlt das Gelände eine schwüle Wärme aus. Anders als die leuchtend-kräftige, häufig stark kontrastierte Farbigkeit ihrer expressionistischen Werke der frühen 1920er Jahre ist die Farbpalette in Bekkers Malerei in gedämpften Erdtönen gehalten. Das Motiv ist weitgehend flächig angelegt. Die Bäume suggerieren durch dicht aneinander liegende, wolkenartige Felder und dynamisch gesetzte Pinselstriche Bewegung und leichte Unruhe, während der Erdboden in sanften, ockerfarbenen Wellen zwischen ihnen liegt. Tiefhängende, von der Sonne gelblich erleuchtete Wolken deuten am Himmel auf ein vergangenes oder sich anbahnendes Sommergewitter hin.

So ambivalent wie die Stimmung in Bekkers Malerei war wohl auch die Gefühlslage der Künstlerin angesichts ihrer damaligen Lebensumstände. Zwar fühlte sie sich in Griechenland wohl, sehnte sich jedoch gleichzeitig nach dem direkten Austausch mit ihren Künstlerkolleg/innen in Deutschland. Bekker, deren Interesse sich mit zunehmendem Alter mehr auf das Sammeln, Fördern und Ausstellen zeitgenössischer Kunst verlagerte als auf den Erfolg ihrer eigenen künstlerischen Karriere, hielt auch damals regen Kontakt zu einem sorgsam aufgebauten Netzwerk von Künstlerinnen und Künstlern. Nach der Devisensperre 1935 war sie gezwungen, noch im selben Jahr in ihre Heimat nach Hofheim am Taunus zurückzukehren. In einer Zeit, in der Kunstströmungen, die der Kunstauffassung des Nationalsozialismus nicht entsprachen, als „entartet“ diffamierten wurden, entwickelte sich ihr Anwesen zum Zufluchtsort für all jene, die aufgrund ihres avantgardistischen malerischen Ausdrucks oder ihrer jüdischen Herkunft verfolgt wurden und in Existenznot gerieten. In ihrem „Blauen Haus“ bot sie über Jahrzehnte Künstler/innen wie Ida Kerkovius, Ludwig Meidner, Emy Roeder, Alexej von Jawlensky, Ernst Wilhelm Nay und Karl Schmidt-Rottluff einen Ort zum Austausch und sorgenfreiem Schaffen.

Parallel richtete Bekker zwischen 1939 und 1943 heimliche Ausstellungen expressionistischer Kunst in ihrer Zweitwohnung in Berlin aus – überzeugt von der zeitgeschichtlichen Relevanz der Arbeiten und unbeirrt möglicher Konsequenzen durch das Nazi-Regime. Sie erfand individuelle Modelle, um Kunstschaffende zu unterstützen – sei es durch finanzielle Unterstützung, Bereitstellung von Arbeitsmaterialien oder Vermittlung von Atelierräumen in der Nähe von Hofheim. Je einschränkender dabei die Freiheiten durch die Nationalsozialisten, desto einfallsreicher wurde ihr Engagement.

Zwei Jahre nach Kriegsende eröffnete die Kunstkennerin das „Frankfurter Kunstkabinett“ mit druckgrafischen Arbeiten von Käthe Kollwitz. Nicht nur in der Frankfurter Galerie, sondern auch durch zahlreiche Reisen, auf denen sie die Kunst ihrer Schützlinge präsentierte, stärkte sie viele Künstler/innen des deutschen Expressionismus in der Nachkriegszeit. Heute befindet sich der wichtigste Teil ihrer Sammlung im Museum Wiesbaden.

Das Gemälde Olivenbäume gelangte 2016 in die Sammlung des Marburger Kunstmuseums und würdigt Hanna Bekker neben ihrer kulturpolitischen Basisarbeit als „Botschafterin der Kunst“ auch für ihr eigenes künstlerisches Werk. Bekker malte die Landschaftsansicht damals nur mit einer Vorahnung der Gräueltaten und Schrecken, die 1934 im zweiten Jahr der nationalsozialistischen Diktatur bereits erkennbar waren.

Kristina Gansel

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