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Josef Flüggen, Der Tod der Heiligen Elisabeth

Dargestellt ist die heilige Elisabeth auf ihrem Sterbebett.
© Bildarchiv Foto Marburg

Josef Flüggen
1842 München – 1906 Bergen Kreis Traunstein
Der Tod der Heiligen Elisabeth, 1872
Öl auf Leinwand, 49 x 75,5 cm
Ankauf 1978

Durch seine Ausbildung bei dem seinerzeit bekannten Historienmaler Karl Theodor von Piloty geprägt, malte Josef Flüggen 1872 das Gemälde Der Tod der Heiligen Elisabeth. Im Anschluss an sein Studium an der Münchner Akademie reiste der Künstler durch Europa, wo er das bereits Erlernte vertiefte und durch den Aufschwung der Genre- und Historienmalerei im 19. Jahrhundert richtungsweisende Inspirationen für sein weiteres Schaffen erlangte.

Der Tod der Heiligen Elisabeth zeigt einen kleinen Raum eines Fachwerkhauses, in dem Elisabeth auf einem erhöht platzierten Bett liegt. Um sie herum befinden sich drei in schwarz gekleidete Ordensschwestern – zwei der Frauen halten sich an ihrem Fußende auf und eine dritte sitzt etwas abseits am Kopf des Bettes. Ihren bestürzten Antlitzen nach zu urteilen, trauern sie um die Verstorbene. Von links betreten Frauen mit Kindern in farbigen Kleidern den Raum und richten ihren Blick auf die im weißen Gewand gekleidete Elisabeth. Die mitgebrachten Feldblumen legen sie vor dem Bett ab, wo sich bereits mehrere Blumenkränze befinden. Elisabeths Körper wird durch das schräg einfallende Licht des Fensters erleuchtet. Die Kleidung und die hellen Laken verstärken den Lichteffekt zusätzlich. Ihren auf dem Kissen gebetteten Kopf erreichen die Strahlen jedoch nicht, was darauf verweisen könnte, dass Elisabeths Seele ihren Körper verlässt. Passend hierzu schauen zwei Vögel zum offenen Fenster hinein und einer davon scheint gerade davonzufliegen. Die Leichtigkeit in der Darstellung der jungen Frau erinnert an die eines Engels – rein und unschuldig.

Detailansicht der heiligen Elisabeth auf ihrem Sterbebett
© Bildarchiv Foto Marburg

In der sakralen Kunst existieren Bildnisse der Heiligen Maria auf ihrem Totenbett, die bei der Auseinandersetzung mit Flüggens Darstellung vom Tod der Heiligen Elisabeth wieder relevant werden – besonders in mittelalterlichen Marienaltären sind kompositionelle Ähnlichkeiten zu entdecken. Charakteristisch ist die seitliche Ansicht der Sterbenden, die oftmals inmitten einer betenden Menschentraube auf einem erhöhten Bett ruht. Wahrscheinlich orientierte sich der noch junge Maler Flüggen bei der Anlage dieses Gemäldes an den traditionellen Darstellungen des Marientodes.

Der spärlich ausgestattete Fachwerkraum spiegelt die Lebensform Elisabeths letzter Jahre wider – die Abkehr von ihrer fürstlichen Herkunft, den Verzicht ihres Besitzes und die Aufopferung für die Hungrigen und Kranken. Für ihre selbstlose Lebensweise wurde die Fürstin verehrt, die 1231 im Alter von nur 24 Jahren verstarb. Kurz vorher hat Konrad von Marburg der jungen Frau die Beichte abgenommen. Elisabeth empfing die Sterbesakramente und bat den Geistlichen ihr verbliebenes Vermögen an die Armen und Bedürftigen zu verteilen. Nach ihrem Tod kam ihr Leichnam zur Aufbahrung in die Kapelle des von ihr gegründeten Hospitals. Spätmittelalterlichen Berichten zur Folge, sollen Gläubige als Zeichen ihrer Verehrung Stücke der Kleidung, der Haare und der Fingernägel abgeschnitten haben. Die sterblichen Überreste und persönlichen Hinterlassenschaften der Heiligen wurden so zu Gegenständen religiöser Verehrung. Entgegen des mittelalterlichen Reliquienkultes charakterisiert sich Flüggens Historienmalerei jedoch vor allem durch eine ehrfürchtige Distanz zwischen den Trauernden und der Verstorbenen.

Dargestellt ist die heilige Elisabeth auf ihrem Sterbebett.
© Bildarchiv Foto Marburg

Die Szene spielt sich in zwei visuell getrennten Räumen ab. Links der Vorraum mit den zahlreichen, dichtgedrängten Personen, rechts der große Hauptraum mit Elisabeth. Zunächst müssen die Besuchenden einen Gang durchschreiten, ehe sie einen Blick auf das Hauptgeschehen werfen dürfen. In diesem Teil des Raumes halten sich neben Elisabeth nur die leidtragenden Ordensschwestern auf. Die konstruierte Staffelung steigert die Bedeutsamkeit des Geschehens, und die Verstorbene wird durch ihre exponierte Lage und die diagonale Lichtführung zusätzlich in den Blickpunkt gerückt. Elisabeths Heiligkeit verleiht der Münchner Maler dadurch Ausdruck, dass er ihre Gestalt hell erstrahlen lässt. Der in kunstvoller Lichtregie effektvoll beleuchtete Leib Elisabeths und ihr nach oben gereckter Kopf unterstützen den Eindruck einer Hinwendung zum göttlichen Licht in der Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod.

Anastasia Bursova