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Moderne Welt

© VG Bildkunst, Bonn 2021

Lou Loeber
Amsterdam 1894 – 1983 Laren
Seintoestellenfabriek I
(Rundfunkgerätefabrik), 1926
Öl auf Karton, 54,5 x 71 cm

Ankauf 2020

© VG Bildkunst, Bonn 2021

Trotz einer starken Abstraktion im Geiste der Geometrisierung erscheint dieses Gemälde doch eindeutig als ein Bild, das etwas bezeichnen soll, das gelesen werden kann. Die Malweise ist konstruktiv-modern: Gerade schwarze Linien umgrenzen farbig gefüllte Flächen, deren Seiten unterschiedlich große Winkel aufspannen. Zwischen den zahlreichen Diagonalen markieren vier schmale, vertikal aufragende, rote Rechtecke die zentrale Bildzone. Sie lassen sich leicht als Schornsteine erkennen, so dass die Architektur in der Mitte als Fabrik zu identifizieren ist. Dem Titel des Bildes lässt sich entnehmen, dass es sich um eine Rundfunkgerätefabrik handelte. Deren Bau hatte kurz vor der Entstehung des Gemäldes eine Landschaft in einen Industriestandort verwandelt. Ein weiteres kleines Stück der Welt war von der Dynamik der Moderne erfasst worden. Die Horizontlinie ist zugebaut und der blaue Himmel wird, ebenfalls in der gesamten Breite des Bildes, durch die Abgase der Schlote grau eingetrübt. Das Hochformat des Gemäldes steigert das Gefühl für Veränderung, unterstützt die Bewegung des Hoch-hinaus einer neuen Zeit.

Das Gemälde der niederländischen Malerin Lou Loeber aus dem Jahr 1926 kann als Situationsbeschreibung der damaligen Moderne verstanden werden. Der Prozess der Industrialisierung war ungebrochen, die Modernisierung erhielt gerade einen mächtigen Schub, als zu den bereits zahlreichen Angeboten der Massenmedien das neuartige Radio hinzukam. In Hilversum entstand nicht nur die Fabrik, in der die meisten der damals in den Niederlanden verkauften Radiogeräte gebaut wurden (Nederlandsche Seintoestellen Fabriek), sondern stand auch der Sendeturm, von dem aus die Zeichen über das Land gingen. Dieser Sendeturm war auch das motivische Vorbild für die Eisenkonstruktion rechts auf dem Gemälde. In Deutschland kam die Radiobegeisterung im selben Jahr 1926 zum Ausdruck, als bei der 3. Großen Deutschen Funk-Ausstellung in Berlin der Funkturm in Betrieb genommen wurde, der sich zu einem Wahrzeichen der Stadt entwickelte.

Mit welcher Intention malte Loeber damals das Bild einer Fabrik? Sie stammte aus der wohlhabenden und kultivierten Familie eines Papierfabrikanten, die in großzügigen Verhältnissen auf dem Land in Blaricum lebte, circa 30 Kilometer südöstlich von Amsterdam, in direkter Nachbarschaft zur Künstlerkolonie in Laren, aber auch nur wenige Kilometer von Hilversum entfernt. Loeber erhielt früh Privatunterricht in Musik und in der Malerei, dann studierte sie von 1915 bis 1918 an der Kunstakademie in Amsterdam. Teils noch parallel mit ihrem Studium formierten sich in den Niederlanden progressive künstlerische Kräfte um die Zeitschrift „De Stijl“ (1917-1932; der Titel lautet deutsch: „Der Stil“). Theo van Doesburg, Piet Mondrian und viele andere wollten für den aktuellen Zeitgeist neue Ausdrucksmittel schaffen. Die moderne Gestaltung sollte die bildende Kunst und die Architektur gleichermaßen prägen. Dieser Funke sprang auf Lou Loeber über, die zehn bis zwanzig Jahre jünger war als die bekanntesten Vertreter der neuen Richtung. Auch sie glaubte an die Relevanz der Kunst bei der Gestaltung einer sich verändernden Gesellschaft. Sie beschäftigte sich mit Fragen des Städtebaus, hielt sich 1922 und 1927 besuchsweise am Bauhaus auf und studierte dessen Bücherreihe. 1927 trat sie dem Sozialistischen Künstlerkreis bei („Socialistische Kunstenaars Kring“).

Anders als die meisten anderen Schaffenden aus dem Umfeld von „De Stijl“ entschied sich Lou Loeber nie für die vollständige Abstraktion, also die Gestaltung ungegenständlicher Kunst. Bei aller Begeisterung für eine tragfähige Bildgeometrie nutze sie doch mehr Farbtöne als nur die Primärfarben, setzte variantenreichere Winkel ein und führte Motive vor Augen. Sie wollte mit ihrer Kunst die Welt zeigen und gestalten. Ihre Kunst sollte positive Impulse geben. Bei der Erschaffung ihrer Bilder ließ sich die Künstlerin von einem Gefühl für Harmonie leiten und nutzte die Kunst nicht als direktes Mittel der Kritik. Lou Loeber hatte ein positives Verständnis von den Möglichkeiten der Moderne. In diesem Sinne wird auch ihr Bild einer Radiofabrik zu verstehen sein.

Christoph Otterbeck