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Max Pechstein, Kauernde

© VG Bild-Kunst Bonn 2020, Abbildung: Bildarchiv Foto Marburg

Max Pechstein
Zwickau 1881 – 1955 Berlin
Kauernde, 1910
Feder in Schwarz, Aquarell, 42,7 x 55,2 cm
Sammlung Richard Hamann

Wenige schnelle Federstriche umreißen die Silhouette der Frau, die Max Pechstein in dieser Zeichnung aus dem Jahr 1910 festhielt. Die Figur ist in einer hockenden Pose, leicht gedreht und mit nach unten gesenktem Blick dargestellt. Die angewinkelten Beine verdecken die Scham der jungen Frau und ihre Arme umschließen den Oberkörper als eine schützende Geste, die dennoch den Blick auf eine der Brüste freigibt. Um den weiblichen Akt herum ist der Bildraum nur angedeutet. Ein zarter grüner und rosa Streifen markieren den Untergrund, auf dem sich die Figur befindet. Leichte Schattierungen auf dem Körper sowie eine dunkle Fläche links neben der Frau sorgen für ein wenig Plastizität und Räumlichkeit.

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© VG Bild-Kunst Bonn 2020, Abbildung: Bildarchiv Foto Marburg

Die grobe Strichführung und der unsaubere Auftrag der spärlichen Farbakzente sprechen für das Verfahren der sogenannten „Viertelstundenakte“, das die Maler der expressionistischen Künstlergruppe „Brücke“ für sich als Praxis mit dem Ziel einer schnellen und subjektiven Erfassung eines Modell entdeckten. Pechstein stieß im Jahr 1906 zu dieser Künstlervereinigung, der die Künstler Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel und Fritz Bleyl bereits angehörten. Die Mitglieder der „Brücke“ strebten eine vereinfachte Darstellung des menschlichen Körpers an, der frei von Merkmalen seiner gesellschaftlichen Herkunft und häufig im Einklang mit der Natur festgehalten wurde. Hierfür reisten die Künstler im Sommer 1910 nach Moritzburg, um am dortigen See die Akte direkt im Freien zu zeichnen.

Als Modelle dienten den Künstlern oftmals Freundinnen und Bekannte. Bei der dargestellten Figur könnte es sich um Pechsteins spätere Frau Charlotte Kaprolat handeln, die in dieser Zeit sein bevorzugtes Modell war. Pechstein stellte sie in seinen zahlreichen Zeichnungen und Gemälden vornehmlich mit vollen Lippen, dunklen Augen, schwarzem Haar sowie fülligem Körper dar. Er übersteigerte ihre Erscheinung insoweit, dass sich trotz der vereinfachten Darstellung ein wiedererkennbarer Typ herauskristallisierte, der auch in dieser Zeichnung vorliegt.

Die Werke der Brücke-Künstler wurden vom Publikum und den Kunstkritikern zunächst überaus schlecht angenommen, da ihre Art zu malen als hässlich und grob empfunden wurde. Das Jahr, in dem Pechsteins Zeichnung entstand, war für den Künstler in Bezug auf seine öffentliche Präsenz besonders turbulent. Nachdem seine eingereichten Kunstwerke, und die zahlreicher anderer subversiver Künstler, im April 1910 von der „Berliner Secession“ für deren kommende Ausstellung abgelehnt wurden, gründeten Pechstein und einige Malerkollegen ein neues Ausstellungsforum, um die eigenen Werke trotzdem öffentlich zu zeigen. Als sogenannte „Neue Secession“, deren Präsident Pechstein wurde, veranstalteten die Künstler nur wenige Wochen später, am 14. Mai 1910, eine Ausstellung unter dem Titel „Ausstellung von Werken Zurückgewiesener der Berliner Secession 1910“. Sie wehrten sich damit gegen die konservativen Vorstellungen der etablierten Ausstellungsmacher und schufen sich eigene Präsentationsmöglichkeiten, die für den Verkauf ihrer Werke unerlässlich waren. Heute ist es kaum noch vorstellbar, wie sehr die Arbeiten der Expressionisten ihre Zeitgenossen provozierten. Im Laufe der Ausstellung kam es zu mehreren Attacken auf die Gemälde; sämtliche Werke von Pechstein wurden bespuckt und eines sogar mit einem Nagel durchstoßen.

Marie Winter