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Pol Cassel, Zwei Damen mit Dackel

© Bildarchiv Foto Marburg

Pol Cassel, eigentl. Paul Ernst Karl Cassel
München 1892 – 1945 Kischinev
Zwei Damen mit Dackel, 1926
Aquarell, Tuschfeder, Bleistift, Deckweiß

Werfen große Ereignisse ihre Schatten voraus?

Nach erfolgreichen Kunstausstellungen in Berliner Galerien und in seinem Wohnort Dresden, konnte der Maler Pol Cassel eine bereits lang ersehnte Studienreise nach Frankreich finanzieren. Im Januar 1926 brach er in die Kunstmetropole nach Paris auf und schrieb enthusiastisch seinem Galeristen nach Dresden: „Paris ist wirklich die Stadt, wo man als Mensch leben möchte“. Da es ihm jedoch nicht gelang in den Pariser Galerien auszustellen, drängte ihn die finanzielle Not bereits nach wenigen Monaten zurück nach Dresden.

In dieser Zeit und unter dem Einfluss der pulsierenden Großstadt entstand das vorliegende farbenfrohe Aquarell mit dem Titel „Zwei Damen mit Dackel“.

Mit wenigen kraftvollen aber kontrollierten Umrisslinien, Schraffierungen und farblichen Akzenten zeigt der Künstler zwei Frauen, die nahezu die gesamte Bildfläche einnehmen. Sie stehen vor einem sehr bunten, in orangen und gelben Farben leuchtenden Hintergrund. Die Aquarellfarben fließen ineinander, so dass nur ein verschwommener Eindruck einer Stadtsilhouette entsteht. Geschlängelte Linien und Schraffuren, die im Hintergrund erst blass und nach vorn zunehmend stärker werden, verdichten sich im Vordergrund zu kräftigen dunkelblauen Flächen.

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© Bildarchiv Foto Marburg

Die Frauen sind versetzt hintereinander im Bildfeld angeordnet. Während die mittig im Vordergrund stehende Frau von vorn zu erkennen ist, wird die Person rechts hinter ihr im Profil gezeigt. Sie sind nahezu identisch gekleidet. Beide tragen  Kurzmäntel mit Pelzbesatz an Saum und Kragen einer in rotem, der andere in blauem Farbton, sowie einen schwarzen modischen Hut und Pumps. Der Körper der hinteren Frau ist von der Szene abgewendet und kleine blinzelnde Augen schauen aus der Bildfläche. Die Frau im roten Mantel hat ihren rechten Ellenbogen in die Hüfte gestemmt und hält in der erhobenen Hand die Leine ihres Dackels, der in eine entgegengesetzte Richtung schaut. Die Hundehalterin selbst blickt weder ihren Hund noch die Betrachtenden an. Ihre kleinen schwarzen Augen lugen seitlich unter der Krempe ihres Hutes hervor und versuchen etwas von der Frau links hinter ihr zu erfassen.

Die mit knallrotem Lippenstift und Rouge stark geschminkten Gesichter der Frauen wirken abstrakt überzeichnet. Die großen Nasen und klobigen Hände unterstützen die insgesamt karikatureske Wirkung des Bildes. Während die konstruierten Hilfslinien gerüstartig stehen blieben, vermittelt uns erst die brillante farbliche Fassung die Einzigartigkeit der Stimmung, die Pol Cassel bei seinem Aufenthalt in Paris wohl besonders intensiv erlebte.

1929 schrieben Kunstkritiker zu Werken dieser Phase: „In Pol Cassels Bildern lebt die Farbe in ihrer eigenen Materialität (…) und sind mehr die Leuchtmittel der Seele als des Körpers.“

Die seit den 1920er Jahren zunehmende Elektrifizierung der Großstädte brachte nicht nur das künstliche Licht in alle Prachtboulevards und noblen Geschäftshäuser, sondern auch in die verruchten „Rotlicht“-Viertel.

Mit dem Motiv elegant gekleideter, stark geschminkter Frauen knüpft Pol Cassel an das Thema der „Nächtlichen Straßenszenen“ Ernst Ludwig Kirchners und anderer Expressionisten an. Cassel geht es dabei nicht um die gesellschaftskritische Darstellung von Prostituierten. Der Hund verweist ausdrücklich auf das Thema des Spaziergangs. Auch George Grosz, den Pol Cassel über den gemeinsamen Freund Otto Dix kennenlernte, befasste sich mit diesem Motiv des kleinen Hundes in der großen Stadt in einigen seiner sozialkritischen Karikaturen.

Der Dresdner Künstler Pol Cassel macht uns in seinem Bild auf ein gesellschaftliches Phänomen aufmerksam, das sich für ihn nicht nur in den Vergnügungsvierteln abzeichnet, sondern ein allgemeines zwischenmenschliches Problem zu sein scheint.

Die Damen baden sich im hellen Schein einer hoffnungsvollen Aufbruchszeit - doch lange, dunkle Schatten zeichnen sich bereits auf dem künstlich glänzenden Parkett der Großstadt ab. Fast schon haben sie den Boden unter ihren Füßen verloren, wäre da nicht der schwere Pelz an ihren Mänteln, der sie zu erden scheint. Interessant ist, wie hier der Künstler die natürliche Zufälligkeit im Zerfließen der Farbe ausnutzt und es schafft die besondere Eigenschaft des flauschigen Fells nachzuahmen.

Pol Cassel muss bei aller Euphorie gerade in Paris auch die Schattenseiten des Großstadtlebens gespürt haben: Anonymisierung und Vereinzelung der Menschen, die zunehmend oberflächiger werden. Nach seinem Parisaufenthalt kehrte er der dekadenten Großstadt den Rücken und bezog  mit seiner Familie ein Atelier im abgeschiedenen Steinbruch bei Wehlen/Dresden. Im Kunstwerk unterstreicht die transparente Eigenschaft der Aquarellfarbe, die sehr luftig aufgetragen ist,  den flüchtigen Eindruck der Szene. In den dramatisch eingesetzten Licht- und Farbkontrasten findet die ambivalente Haltung des Künstlers zur Großstadt bildnerischen Ausdruck. Das ausschnitthafte Bildmotiv zieht Betrachter/innen hautnah in das Geschehen hinein und bringt sie auf Augenhöhe mit den beiden Frauen; wir suchen nach einem Blickkontakt und sehen doch nur in maskenartige, leblose Gesichter. Weder die Frauen noch der Hund erwidern den Blick.

Michaela Haas