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Im Spannungsfeld zwischen Realismus und Abstraktion

Blick auf eine gerade Straße unter Bäumen mit breiter Krone, darunter Passanten.
© VG Bildkunst, Bonn 2021

Robert Liebknecht
Berlin 1903 - 1994 Paris
Straße unter hohen Bäumen (Berlin), 1931/1932
Öl auf Pappe, 70 x 96,5 cm
Ankauf mit Mitteln der Museumsfreunde 1991

Blick auf eine gerade Straße unter Bäumen mit breiter Krone, darunter Passanten.
© VG Bildkunst, Bonn 2021

Robert Liebknecht, Sohn des Sozialisten Karl Liebknecht, zählt zu den Malern des expressiven Realismus, den Künstlern der „verschollenen Generation“, wie sie der Kunsthistoriker und Sammler Rainer Zimmermann nannte. Diese meist um die Jahrhundertwende geborenen Künstler/innen, die den Ersten Weltkrieg miterlebt haben, standen erst am Anfang ihrer künstlerischen Entwicklung, als die Nationalsozialisten die Werke von einigen von ihnen als entartete Kunst deklarierten. Auch in der Nachkriegszeit blieben sie einem breiten Publikum weitgehend unbekannt.

Robert Liebknechts Œuvre umfasst Porträts, Landschaften und Stillleben. Ab den 1930er Jahren widmete er sich vorwiegend dem Stadtraum und den Menschen im urbanen Umfeld, hielt Café- und Straßenszenen in schnellen, dynamischen Zeichnungen fest Da Liebknecht sich nie einem populären Malstil unterordnete, wurden seine Arbeiten lange Zeit verkannt. Das Gemälde Straße unter hohen Bäumen entstand um 1931/1932 in Berlin, kurz bevor der Künstler 1933 nach Frankreich emigrierte. Zusammen mit Max Ernst, Otto Freundlich und Paul Westheim gründete er das Kollektiv deutscher Künstler in Paris, aus dem 1938 der Freie Künstlerbund hervorging.

Das Gemälde offenbart den Blick auf eine gerade Straße unter Bäumen mit üppigen Kronen. Der obere rechte Bildrand wird dabei vollständig vom grünen Blattwerk ausgefüllt. Rechts unten lässt sich ein brauner Zaun vermuten, der zusammen mit der Straße den Blick der Betrachter/innen tief in den Bildraum führt. Der linke obere Bildausschnitt lässt zwischen den Baumkronen einen Streifen des graublauen Himmels erkennen, darunter einen Horizont und einige Gebäude.

Mehrere schemenhafte Personen, davon zwei deutlicher auszumachen, spazieren die Straße entlang und verstärken so den Eindruck von Tiefenräumlichkeit ebenso wie die den Weg säumenden Laternenmasten. Das Farbspektrum setzt sich aus vorwiegend gedeckten Tönen zusammen. Grün und Grau, durchbrochen von sattem Gelb und Blau bestimmen das Werk. Die Farbe ist mit breiten Pinselstrichen, die sowohl horizontal als auch vertikal verlaufen, pastos, fast reliefartig aufgetragen. Durch das Ineinandergreifen der Farbtöne werden die einzelnen Bildelemente zu einer Einheit miteinander verbunden. Aus der Nähe abstrakt, fügen sich die Farbflächen erst aus einiger Entfernung zusammen. Der pastose, impressionistisch anmutende Farbauftrag im Spannungsfeld mit dem energiegeladenen Pinselduktus sind Aspekte jener Expressivität, die Liebknechts Werke prägen.

Winona Lisette Michel