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Rolf Gith, sign of light with garlic

Das Stillleben des Künstlers Rolf Gith zeigt eine vierteilige Objektgruppe bestehend aus Knoblauchzehe, Salzstreuer, Pappschachtel und Holzstab. Der Bildraum ist hell und von Licht durchflutet.
Rolf Gith © Fotografie Carsten Costard

Rolf Gith
geb. 1950 in Hamburg
sign of light with garlic, 2011/12
Eitempera und Harzölfarbe auf Leinwand, 150 x 150 cm
Schenkung 2020

Seit 1996 erschafft der Maler Rolf Gith großformatige Stillleben, die sich - in verschiedene Werkblöcke gegliedert - mit den komplexen Eigenschaften von Licht und Farbe befassen. Jeder dieser Zyklen nähert sich dem künstlerischen Leitmotiv mit einem individuellen Themenschwerpunkt. Bei der Serie sign of light (2009 – 2013), zu der das hier vorgestellte Gemälde gehört, standen vor allem Illumination, Reflexionen, Lichtbrechung und -transmission im Fokus der künstlerischen Auseinandersetzung.

Das Stillleben des Künstlers Rolf Gith zeigt eine vierteilige Objektgruppe bestehend aus Knoblauchzehe, Salzstreuer, Pappschachtel und Holzstab. Der Bildraum ist hell und von Licht durchflutet.
Rolf Gith © Fotografie Carsten Costard

Auf dem Bild ist eine vierteilige Objektgruppe zu sehen, die auf einer Glasplatte vor grauem Hintergrund zweireihig angeordnet wurde. Der Bildraum ist hell und lichtdurchflutet. In der vorderen Reihe befinden sich ein Salzstreuer und eine Knoblauchzehe. Dahinter sind leicht versetzt, teilweise überlappend, eine Pappschachtel mit einem darauf liegenden Holzstab positioniert. Das höher gelagerte Stäbchen ist mit einer umlaufenden Bemalung versehen.

Für die Darstellung der Objekte verwendete Gith das sogenannte Blow-up-Verfahren, wie es unter anderem aus der Pop-Art bekannt ist. Gegenstände werden bei dieser Technik stark vergrößert wiedergegeben, um sie visuell erfahrbarer zu machen und den Betrachtenden förmlich in das Bild hineinzuziehen. Als Vorlage diente dem Maler dabei – anders als man annehmen könnte – keine vergrößerte Fotografie, sondern die reale Anordnung der Gegenstände in Originalgröße unter gleichbleibender Ausleuchtung in seinem Atelier. Minutiös übertrug er nacheinander einzelne Partien und Ausschnitte des Motivs – zuerst mit Bleistift, später mit Eitempera und Harzölfarbe – auf die Leinwand.

Bei der von Gith verwendeten Temperamalerei handelt es sich um eine altmeisterliche Schichtmaltechnik, die es ihm ermöglicht, Spiegelungen und Lichtbrechungen mit beinahe wissenschaftlicher Präzision wiederzugeben. Das hat zur Folge, dass seine Komposition nicht nur täuschend echt und realitätsnah wirkt, sondern die abgebildeten Gegenstände durch Lichtdurchflutungen und Reflexionen miteinander interagieren und zwischen ihnen eine Verbindung hergestellt wird. So spiegelt sich beispielsweise die rot-weiße Bemalung des Holzstabes in der gewölbten Chromkappe des Salzstreuers und wird aufgrund von deren konvexer Ausformung zusätzlich verzerrt. Durch den Glasbehälter des Streuers wird einfallendes Licht wie von einem Prisma gebrochen und auf die dahinterstehende Pappschachtel projiziert. Auf dem gläsernen Boden reflektieren die darauf stehenden Gegenstände; ihre Spiegelbilder werden jedoch an der Glasplattenkante perspektivisch korrekt abgeschnitten.

Bemerkenswert ist, dass die Vergrößerung der Objekte auf den ersten Blick nicht mit einer generellen Abstraktion oder der Reduktion des Detailgrades einherging. Erst wenn die Distanz zum Werk verkürzt wird, beginnt die vermeintlich fotorealistische Wirkung des Bildes zu schwinden. In der Nahsicht lässt sich erkennen, dass es sich bei Giths Werk nicht um Feinmalerei handelt, die auch bei geringem Abstand homogen und geschlossen erscheint, sondern dass sich die Bildelemente aus einzelnen Punkten und Strichen zusammensetzen, die in Schichten übereinandergelegt wurden. Es existiert also eine zweite Wahrnehmungsebene, auf der die Gegenständlichkeit des Stilllebens aufgelöst und die dargestellten Objekte teilweise bis zur vollständigen Abstraktion verfremdet werden.

Ausschnitte eines Stillleben des Künstlers Rolf Gith mit Knoblauchzehe und Salzstreuer.
Rolf Gith © Fotografie Carsten Costard

Betrachtet man einzelne Zonen der Bildfläche isoliert von der Gesamtkomposition, so entstehen Ausschnitte, die das Vorstellungsvermögen dazu anregen, in ihnen andere Gegenstände, Tiere und Fantasiewesen oder mystische Orte zu sehen. So könnte der trockene Teil der Knoblauchzehe beispielsweise an ein feingliedriges Insektenbein erinnern, das von einem auf dem Rücken liegenden Käfer in die Höhe gestreckt wird. Die Spiegelungen an den Kanten des Salzstreuers und auf der Glasplatte wiederum erwecken, durch ihr fluides Farbenspiel aus Grün-, Gelb- und Weißtönen, Assoziationen an die sich kräuselnde Gischt des Meeres. Den hellen Glanzpunkten am Deckel des Salzstreuers scheinen bei genauerer Betrachtung sogar ganze Galaxien innezuwohnen. Dieses Spiel mit der Neugier und Entdeckungslust der betrachtenden Personen ist in vielen Werken Rolf Giths zu finden.

Der Maler operiert werkübergreifend mit zahlreichen Requisiten und Versatzstücken, die in seinen Bildern in abgewandelter Form und neukomponierten Arrangements wiederkehren. Sowohl der waagerecht positionierte Stab als auch die Pappschachtel, auf der dieser ruht, lassen sich in anderen Gemälden von seiner Hand finden. Der Aufkleber mit dem aufgedruckten Barcode gehört als vielgenutztes Motiv zum Kernbestand der Bildsprache des Künstlers. Er verweist nicht nur darauf, dass es sich bei den dargestellten Objekten um Waren unserer Konsumgesellschaft handelt, sondern suggeriert gleichermaßen, dass im Werk eine künstlerische Sinncodierung enthalten sein könnte, die auf ihre Entschlüsselung wartet.

2020 war das Gemälde zunächst im Rahmen der Ausstellung Rolf Gith – Message of Painting im Kunstmuseum Marburg zu sehen. Nach dem Ende der erfolgreichen Präsentation gelangte es als Schenkung des Künstlers in die Sammlung des Museums.

Daniel Bubel