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Wilhelm Thielmann, Schwälmer Frauen in der Ernte

Auf dem Bild zu sehen sind sieben Frauen, die schlichte, weiße Trachten und bunte Kopfbedeckungen und Tücher tragen. In ihren Händen halten sie Erntewerkzeuge, eine Milchkanne und die geernteten Ähren.
© Bildarchiv Foto Marburg

Wilhelm Thielmann
Herborn 1868 – 1924 Kassel
Schwälmer Frauen in der Ernte, 1922
Öl auf Leinwand, 80,5 x 90,4 cm

„Fast seine ganze künstlerische Tätigkeit wurzelt in Hessen, und in eben jenem Schwalmdorf sog er die sein ganzes späteres Schaffen bestimmende Liebe zu den malerischen Erscheinungen ein, die ihm das Land und die Menschen der Schwalm boten.“ Diese Gedanken aus dem Vorwort des Katalogs zur am 1. Januar 1925, nur sechs Wochen nach Wilhelm Thielmanns Tod in Kassel eröffneten Gedächtnisausstellung beschreiben die tiefe Verbundenheit des Künstlers mit der Landschaft und den Menschen in der Schwalm. Thielmann kam im Jahr 1897 erstmals nach Willingshausen, das bereits seit einigen Jahrzehnten ein beliebter Treffpunkt für Künstlerinnen und Künstler war, die die Kultur und die Landschaft der Gegend als Bildmotive schätzten. Im Gegensatz zu den anderen Malern der sogenannten „Willingshäuser Malerkolonie“, die oftmals nur die Sommermonate in dem kleinen Ort in der Schwalm verbrachten, verlegte der Künstler seinen Hauptwohnsitz 1903 nach Willingshausen. Getragen von hoher zeichnerischer Perfektion und einer sehr genauen Beobachtungsgabe zeigen die Werke von Wilhelm Thielmann seinen persönlichen Blick auf die Schwälmer Kultur in einer beachtenswerten Intensität, wie sie zum Beispiel in dem 1922 von ihm fertiggestellten Bild „Schwälmer Frauen in der Ernte“ sichtbar werden.

Auf dem Bild zu sehen sind sieben Frauen, die schlichte, weiße Trachten und bunte Kopfbedeckungen und Tücher tragen. In ihren Händen halten sie Erntewerkzeuge, eine Milchkanne und die geernteten Ähren.
© Bildarchiv Foto Marburg

Auf dem Bild sind sieben Frauen zu sehen, deren überwiegend schlichte, weiße Trachten und Kopfbedeckungen zunächst vermuten lassen, dass sie zusammen auf dem Feld gearbeitet haben. Die mit der Innenseite des linken Armes und damit dicht am Herzen gehaltenen abgeschnittenen Ähren der zentralen Frau im Vordergrund weisen auf die Erntezeit hin. Das Grün ihrer Jacke zeigt nach Schwälmer Tradition an, dass sie bereits verheiratet ist. Die Aufmerksamkeit in ihren Augen, mit denen sie die Blicke ihrer Betrachter/innen offen erwidert, strahlen nicht nur Wahrhaftigkeit, sondern auch Souveränität aus. Mit den Ähren, der blauen Milchkanne, dem Grün ihrer Kleidung und der von ihr ausstrahlenden Autorität trägt sie scheinbar eine über das Sichtbare hinausgehende besondere Verantwortung. Ein sich horizontal von der linken in die rechte Bildhälfte mit dem Alter der Frauen erhöhender Sensenstiel nimmt eine Schlüsselfunktion in Thielmanns Bildgestaltung ein. Nicht nur überragt die Sensenträgerin alle anderen Frauen um einen halben Kopf, auch scheint sie mit der Arbeit des Mähens eine traditionell den Männern zugewiesene Rolle zu übernehmen. So signalisiert die Sensenklinge über den Köpfen der im rechten Bildhintergrund zu sehenden zwei Frauen, deren Bewegung und ihre aus dem Licht des Bildes weichende Gegenwart ein Hinweis auf ihr fortgeschrittenes Alter und die Gewissheit sein könnten, dass das Leben vergänglich und vom Tod begrenzt ist.

Der Blick der nur im Profil erkennbaren und den Rechen tragenden Frau wirkt jugendlich und entschlossen. Auch ihr auffällig rotes Kopftuch weist auf eine mit mehr Zeit, Zukunft und Freiheit assoziierte Jugend hin. Die Augen der am äußersten rechten Bildrand stehenden Frau, die ein rötlich, blau und grün gefärbtes Halstuch trägt, schauen in die Ferne. In verschiedene Richtungen reichen die Blicke der sieben Frauen – nur nicht zurück.

Kommen die sieben Frauen tatsächlich von der Feldarbeit? Im milden Licht des späteren Sommernachmittags werden selbst kleinere Details ihrer Physiognomie erkennbar, wie die Klarheit ihrer Augen und die Stärke ihrer Hände. So facettenreich gestaltet ihr Anblick erscheinen mag, gemeinsam ist ihnen die Verinnerlichung einer größeren, die Mühsal eines Sommertages in der Erntezeit übersteigenden Gewissheit, wonach alle existenzielle Schwere und radikale Veränderung in ihrer Welt – und davon hatten auch die Menschen in der Schwalm in den Jahren 1914 bis 1922 genug ertragen müssen – ein sich erfüllendes Leben nicht anfechten kann.

Inmitten der sie umgebenden Kultur- und Naturlandschaften mit ihren lange tradierten Orientierungssystemen und Lebensregeln, gestaltet Thielmann die kraftvolle und authentische Präsenz der Schwälmer Ernte-Arbeiterinnen zu einer Prozession über Werden, Vergehen und die Vollendung des Lebens.

Thomas Gebauer