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Über das „Fremde“ und das „Eigene“. Vom schwierigen Umgang der Geisteswissenschaften mit Kulturgut.

Gast der ersten Marburger Wissenschaftsgespräche war am 18. und 19. Januar 2021 Prof. Dr. Bénédicte Savoy. 

-- Programmbroschüre zum Download-- 

-- Den Abendvortrag von Prof. Savoy haben wir aufgezeichnet, Sie können ihn auf dem YouTube-Kanal der Philipps-Universität betrachten.--

Unser Gast

Prof. Savoy leitet an der TU Berlin das Fachgebiet Kunstgeschichte der Moderne und beschäftigt sich aktuell mit der Frage der „Translokationen“ von Kunstwerken, insbesondere mit Bezug auf die Kolonialzeit. Sie ist 2018 durch einen aufsehenerregenden Bericht über die Frage der Restitution von afrikanischem Kulturgut in öffentlichem Besitz aus den Zeiten kolonialer Herrschaft hervorgetreten, den sie im Auftrag des Staatspräsidenten von Frankreich, Emmanuel Macron, gemeinsam mit dem senegalesischen Sozialwissenschaftler Professor Felwin Sarr verfasst hat. Savoy und Sarr fordern in dem Bericht vehement die Aufarbeitung der Geschichte der kolonialen Besitznahme und setzen sich für die Rückgabe der wichtigsten „translozierten“ Kulturobjekte ein. 

Die wissenschaftliche Leitung der ersten Marburger Wissenschaftsgespräche liegt bei Prof. Dr. Hubert Locher, Professor für Geschichte und Theorie der Bildmedien und Direktor des Deutschen Dokumentationszentrums für Kunstgeschichte – Bildarchiv Foto Marburg.

Unser Thema

Für die ersten Marburger Wissenschaftsgespräche diskutieren wir gemeinsam mit Frau Prof. Savoy grundsätzlich die Frage des Umgangs der Geisteswissenschaften mit „fremdem“ Kulturgut. Ausgehend von der politisch höchst aktuellen Frage der Restitution von unrechtmäßig oder unter schwierigen Bedingungen erworbenen und in Museen verbrachten Kulturobjekten, Kunstwerken, Kultgegenständen, Grabbeigaben etc. wurde in möglichster Breite die ethische und rechtliche Dimension der „Aneignung“ von Kulturgut diskutiert .

Dabei ging es nicht nur um die materielle Aneignung durch Kauf, Schenkung, Übernahme oder auch Raub gehen, sondern ebenso um die Frage der intellektuellen oder kulturellen Appropriation oder Vereinnahmung. Mit welcher Motivation, mit welcher Begründung befassen wir uns mit Sachverhalten, die nicht unserer eigenen Kultur angehören und uns offensichtlich „fremd“ sind? Wie bestimmen wir demgegenüber das „Eigene“? Ist nicht überhaupt die Aneignung und das Ausgreifen auf das „Fremde“ ein Grundzug moderner Wissenschaft? Welche Grenzen wurden, welche können hierbei überschritten werden, welche müssen beachtet werden? Welche Instanzen können über dergleichen Übertritte und Übergriffe urteilen? Welche Werte konstituieren sich infolge dieser Verhandlung? Und noch grundsätzlicher sei gefragt, ob eine Wissenschaft ohne Übergriffe überhaupt denkbar oder wünschenswert ist. Ist uns das „Fremde“ eine notwendige Position, um unsere Identität begrifflich fassbar zu machen? Oder aber ist die Dichotomie des vermeintlich „Fremden“ und des „Eigenen“ nicht überhaupt obsolet in einer globalisierten digitalen Wissensgesellschaft?

Das Programm

Die Marburger Wissenschaftsgespräche umfassen drei verschiedene Veranstaltungen:

Interdisziplinäres Symposium: Professorinnen und Professoren aus 12 verschiedenen Fachgebieten diskutieren die ethische und rechtliche Dimension der „Aneignung“ von Kulturgut.
(Montag, 18. Januar, 14-17 Uhr, pandemiebedingt leider nicht-öffentlich)

Öffentlicher Festvortrag von Prof. Dr. Bénédicte Savoy: Afrikas Kampf um seine Kunst. Geschichte einer postkolonialen Niederlage
(Montag, 18. Januar 2021, 18:30 Uhr. Eine Aufzeichnung können Sie sich auf dem YouTube-Kanal der Philipps-Universität anschauen.)

Kolloquium für Promovierende und Postdocs der Philipps-Universität: Kolleginnen und Kollegen in der Qualifikationsphase stellen Aspekte aus ihrer Forschung vor, die für die Diskussion über das „Fremde“ und das „Eigene“ relevant sind. Bewerbungen für die Veranstaltung waren bis 12. November möglich.
(Dienstag, 19. Januar, 9-12 Uhr, nicht-öffentlich)

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