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Zombie des Monats 08/2011 a
a) Juno-Zigaretten, Etui,
    1950er Jahre, Künstler
    ungenannt.

Zombie des Monats 08/2011 b
b) Juno-Zigaretten, Reklame-
    grafik,1950er Jahre,
    Künstler ungenannt.
     
Zombie des Monats 08/ 2011 c
c) Juno-Zigaretten, Reklame-
    Aufkleber, 1980er Jahre,
    Künstler ungenannt.

Zombie des Monats 08/ 2011 d
d) Juno-Zigaretten, Reklame-
    Emailschild, 1950er Jahre,
    Künstler ungenannt.

 

Zombie des Monats - 08/2011

 

„Juno“, die: sie hat vieles hinter sich, sie war Dichterfreundin und für fast jeden Kerl die richtige ( b ) und sie glimmt heute, geächtet und in die Nischenexistenz penetranter Schädlinge verbannt, eher im Verborgenen – die „Juno“-Zigarette.

 

Ihre Geschichte beginnt mit einer Revolution. Die Berliner Tabakfirma Josetti brachte in den Jugendjahren des 20. Jahrhunderts eine Zigarette mit rundem Querschnitt auf den Markt, die die als soziales Distinktionsmittel immer wieder benutzten Orientzigaretten (flach, ovaler Querschnitt) für den besseren Herren, der sich das goldplattierte Mundstück etwas kosten ließ, herausforderte ( a ).

 

Demgegenüber pochte die „Juno“ auf ihre massenindustrielle Herkunft. Nicht ovales Katzengold, sondern runde Volkswohlfahrt wurde zum Markenkern. So konnte man geradezu stolz auf die qualmende dicke Rundlichkeit sein ( d ), was ohnehin in den fünfziger Jahren zu Fresswelle und gut gefütterten Politikern, Schauspielern und sonstigen Prominenten passte. Allerdings ändern sich die Zeiten und Geschmäcker und so verlor das Dicke und Runde der „Juno“ an Anziehungskraft, wenigstens in der Bundesrepublik.

 

In der DDR sah sie ohnehin anders aus: die „Juno“ war eine deutsch-deutsche Zigarette, die seit 1945 nicht nur von den Nachfolgern der Firma Josetti im Westen produziert wird, sondern auch in der DDR (VEB Nordhausen). Dort setzt man allerdings auf die „Juno 100“, die schon durch ihre Länge die Überlegenheit der sozialistischen Tabakwirtschaft demonstrierte. Es sollte wenigstens im Bereich der zigarettenmäßigen Systemkonkurrenz frühes Weltniveau erreicht werden.

 

Aber auch das hat nicht so richtig geklappt, weder im Osten noch im Westen gelang der „Juno“ die Prägung eines heiter mondänen Lebensgefühls. Entsprechenden Werbeanstrengungen haftet bis heute etwas rührend Hilfloses an ( c ).

 

So raucht sich die „Juno“ am besten als Abschiedszigarette: "Hör zu,/ so wird der letzte Abend sein,wo du noch ausgehen kannst/Du rauchst die Juno, Würzburger Hofbräu 3/ und liest die UNO, wie sie der Spiegel sieht/Du sitzt allein“ (Gottfried Benn).

 

Der Niedergang findet seine Freunde, und so wird die „Juno“ von Rauchern in einschlägigen Internetforen diskutiert. Aber selbst die Junkies stehen unter der Herrschaft diktatorialer Gesundheitspolitik. „Drumking“ fast seinen Testbericht der „Juno“ kurz zusammen:“Vorteile: ausgewogene Tabakmischung, angenehmer Geschmack; Nachteile: gefährdet die Gesundheit“.

 

Rauchen widerspricht jeder vernünftigen Lebensführung. Aber mit der Vernunft ist es wie mit der Macht: es sollte nur mäßig von ihr Gebrauch gemacht werden. So nehmen wir das Schwelen von Josettis „Juno“ als Zeichen praktischer Perfektibilitätskritik.

 

Glück auf!


Thomas Noetzel

Zuletzt aktualisiert: 28.11.2011 · probstj

 
 
 
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