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Zombie des Monats 1115 a
a)  Bewegt: Rapper-CD
     "Vorsicht Balkan" (Cover)
     Webeintrag 2015.

Zombie des Monats 1115 b
b)  Bewegt: Northern Balkan
     Route of Heroin, Karte
     der UNODC, Webeintrag
     2015.

Zombie des Monats 1115 c


c)  Bewegend!: Bosnische
     Flüchtlinge während des
     Balkankrieges, 1995,
     Webeintrag 2015.

Zombie des Monats 1115 d
d)  Bewegend!: Kosovo-Al-
     baner auf der Flucht
     während des Balkankrie-
     ges, 1998, Webeintrag
     2015.

Zombie des Monats 1115 e













e) Bewegend!: Syrische
    Flüchtlinge auf der Balkan-
    route, Webeintrag 2015. -
   
Zur Ikonologie der so ge-
    nannten "Flüchtlingskrise"
    siehe auch das Hilfsprojekt
    "IdeenBotschafter"!


 

Zombie des Monats - 11/2015

 

Balkanroute, die: in den Schluchten des Balkans saß spätestens seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert der Grusel fest. Von Karl May bis Bram Stokker lieferte der Balkan kräftiges Material für die kollektiven Ängste Mitteleuropas. Politische Misswirtschaft, Korruption, hysterische Aufwallungen aller Art, überbordende Kriminalität und viele Völkerschaften, die miteinander nicht können und doch voneinander nicht loskommen.

 

Diese ethnisch-politische Gemengelage hat ein Literaturnobelpreisträger des 20. Jahrhunderts auf die schöne Formel gebracht, dass die Gesellschaften und Staaten des Balkans mehr Geschichte miteinander haben, als sie verdauen können. Die Armut nicht zu vergessen. Und arm macht die, die noch etwas zu verlieren haben, immer misstrauisch. Das passt zur Idee, der Balkan sei so etwas wie der Wohnort aller Klein-und Großkriminellen Europas, wenn nicht der Welt. Eine Region im permanenten Krisenzustand mit hoher Entzündungsbedrohung für den Rest des Kontinents. Winston Churchill sah in ihm den weichen Unterbauch nordwesteuropäischer Zivilisation: Vorsicht Balkan ( a ).

 

Und wenn das nicht alles schon schlimm genug gewesen wäre, kommt jetzt noch die Route dazu. Neben der Assoziation unbeschwerter Ferienreisen und nostalgischem Easy-Rider-Getue stellt sich sofort die Verbindung zur Illegalität her. Routen, das sind bedrohliche Schleichwege, wie die Ameisenstraßen, die man doch aus Küchen und Vorratskammern fernhalten muss. Und das reimt sich auf Balkan, wobei die UNO 2010 die Balkanroute noch als klassischen Weg des weltweiten Drogenschmuggels über die Türkei, Bulgarien und Serbien bezeichnet hatte ( b ).

 

Und auch an Albanien führte natürlich kein Weg vorbei. Wobei aus letztgenannten Staat die Brücke geschlagen wurde zwischen Rauschgiftschmuggel und Menschenhandel. Über den albanischen Abzweig der Balkanroute strömten nach Meinung der Hamburgischen Polizei jene Kräfte ins Land, die den deutschen Zuhältern auf St. Pauli ihr Ausbeutungshandwerk unmöglich machten. Und während sich am Ende des 20. Jahrhunderts deutsche Luden in Vereinigung mit so schönen Namen wie „GmbH“ oder „Nutella“ organisierten und gegenseitig umbrachten, ist inzwischen da alles sicher unter balkanesischer Kontrolle.

 

Balkan - das stand aber immer auch für die Utopie eines friedlichen Zusammenlebens unterschiedlicher Ethnien in einem Staat, der wahre Einheit in der Differenz als sozialistisches Paradies gestalten wollte und doch über die diktatorisch befohlene Friedhofsruhe sich belauernder Volksgruppen nicht hinaus kam. Mit dem Ende Jugoslawiens und den äußerst brutal geführten vier Sezessionskriegen erhielt dann die Balkanroute ihre eigentliche Bedeutung als Fluchtweg malträtierter und verfolgter Angehöriger jeweiliger Minderheiten. Auf die Bosnier ( c ) folgten die Albaner ( d ).

 

Immer ging es an Bahnschienen entlang, über Hügelketten und verstopfte Straßen, dahin, wo man glaubte wenigstens das Leben gerettet zu haben. Für einige auch das eine Illusion, wie Brandanschläge, rechtsextremistischer Terror bis hin zu den Morden des NSU zeigten und zeigen. Besonders perfide scheint es allerdings zu sein, dass über die Route Bewohner des Balkans selbst Lebenschancen in der Mitte des Kontinents suchen. Als “ Wirtschaftsflüchtlinge“ haben Sie allerdings nur eine Option, die auf schnelle Rückführung. Die Balkanroute soll nicht zur Einbahnstraße werden.

 

Schwieriger scheint es schon mit denjenigen zu sein, die im Balkan selbst Fremde sind und von den Staaten entlang des Exodus möglichst schnell an jeweilige Nachbarn weitergereicht werden. Auf der Balkanroute gibt es kein Halten und Verbleiben. Hier kennt man nur eine Solidarität, die mit sich selbst: rette sich wer kann, egal wie. So ist die Balkanroute ein Zombie der besonderen Art politischer Wiedergängerei. Probleme, Ängste und Gewalt scheinen zwischen 1993 und 2015 geklont worden zu sein. So ähnlich sind die Bilder, Akte und Töne ( e ) auf der Balkanroute.

 

Die Geschichte wiederholt sich, aber nicht als Farce, sondern als Tragödie der Tragödie.

 

Thomas Noetzel


















 




Zuletzt aktualisiert: 09.11.2015 · probstj

 
 
 
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