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BMBF-Projekt "COMPARE" - Projektbeschreibung
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Ziele der Studie sind:

1. Die Überprüfung der Effektivität einer Prävention zur transgenerationalen Transmission psychischer Störungen.

2. Die Identifikation spezifischer Transmissionsmechanismen von den Eltern auf die Kinder, d. h. Prüfung einzelner Mechanismen (z. B. Emotionsregulation).

3. Die Überprüfung des Gesamtmodells der transgenerationalen Transmission psychischer Störungen auf Grundlage der zu gewinnenden Daten.

Zu 1: Nach dem deutschen Sozialreport für das Jahr 2013 leben in Deutschland insgesamt 19 Millionen Kinder/Jugendliche in 1,6 Millionen Ein- und 8,1 Millionen Zweifamilien-Haushalten. Bei einer geschätzten Lebenszeitprävalenz psychischer Erkrankungen von 27.4 %, die mit signifikanten Beeinträchtigungen (disability-adjusted life years/DALYs) für die Altersgruppe der 18‒65-Jährigen assoziiert sind, leben demnach ca. 25 % der Kinder und Jugendlichen in Deutschland mit einem psychisch kranken Elternteil zusammen. Diese Rate entspricht Daten internationaler Studien. Eine Vielzahl psychologischer Entwicklungsrisiken ist mit dem Zusammenleben von Kindern mit psychisch kranken Eltern in Verbindung gebracht worden: geringere schulische Erfolge, vermehrte stress-assoziierte Erkrankungen (z. B. höhere Raten an Asthma und anderer atopischer Erkrankungen), erhöhte Raten internalisierender und externalisierender Symptome sowie der Entwicklung schwerer psychischer Störungen (SPS). In einer eigenen Studie mit über 15.000 erwachsenen Patienten aus drei verschiedenen psychosomatischen Fachkliniken, hatten 65 % der Patienten Kinder und 73,4 % dieser Kinder lebten mit ihren Eltern zusammen. Von diesen Kindern zeigten bereits 15‒38,4 % selber wieder Symptome psychischer Störungen. Die transgenerationale Transmission psychischer Störungen (TTPS) ist folglich ein Hauptrisikofaktor für die Entwicklung von SPS, was auch durch viele internationale Studien bestätigt wird. Langzeitstudien zeigten, dass Kinder psychisch kranker Eltern ein erhöhtes Lebenszeitrisiko für die Entwicklung psychischer Störungen haben, das zwischen 41 und 77 % liegt. Nach aktuellen Studien ist die Transmission über zwei Generationen hinweg (Eltern und Großeltern) mit noch höheren Entwicklungsrisiken für die Kinder verbunden. D. h., Kinder psychisch kranker Eltern stellen mit hoher Wahrscheinlichkeit die nächste Generation psychisch Erkrankter, was wiederum mit signifikanten DALYs und hohen gesellschaftlichen Kosten verbunden ist. Demzufolge stellen sie eine zentrale Zielgruppe für selektive (d. h. an Risikopopulationen gerichtet) Interventionsprogramme dar. Um den Teufelskreis der transgenerationalen Transmission psychischer Erkrankungen zu durchbrechen, ist das erste Ziel der Studie die Durchführung einer präventiven Intervention.

Zu 2: Eine aktuelle Meta-Analyse zu den Transmissionsmechanismen konnte zeigen, dass es spezifische Effekte der elterlichen Erkrankung auf die Kinder gibt. Z. B. zeichnen sich Kinder von Eltern mit uni- und bipolaren affektiven Störungen eher durch Multifinalität aus (d. h. die elterliche psychische Erkrankung erhöht das Risiko für psychische Erkrankungen der Kinder generell für unterschiedliche Störungen), wohingegen Kinder von Eltern mit Angststörungen auch eher an Angststörungen erkranken (Spezifität). Zugleich gibt es Hinweise darauf, dass die Transmission in Teilen auch immer spezifisch ist, da es eine Tendenz der Kinder gibt, die gleiche Störung wie die Eltern zu entwickeln. Eine weitere Meta-Analyse konnte ferner geschlechtsspezifische Effekte nachweisen, wonach die Töchter depressiv erkrankter Mütter eher internalisierende, die Söhne hingegen eher externalisierende Störungen entwickeln. Generell fehlt es an Studien, die die spezifischen Transmissionsmechanismen für die Vielzahl elterlicher psychischer Störungen prüfen; es dominieren Studien zu Depression und Angststörungen. Das zweite Ziel ist demnach, für das Spektrum elterlicher psychischer Störungen die spezifischen Transmissionen zu überprüfen.

Zu 3: Ein zusammenfassendes Modell zur TTPS identifiziert vier Hauptbereiche (1. Eltern, 2. Familie, 3. Kind, 4. Soziale Umwelt), die miteinander interagieren und durch fünf Transmissionsmechanismen (1. Genetik, 2. Pränatale Faktoren, 3. Eltern-Kind-Interaktion, 4. Familie und 5. Soziale Faktoren) beeinflusst werden. Die kindliche Entwicklung über die Lebensspanne wird berücksichtigt wie auch die Konzepte der Äqui- und Multifinalität, Konkordanz und Spezifität (siehe Abbildung 1). Zwar gibt es zu den einzelnen Bereichen des Modells verschiedene empirische Studien, die allerdings nur einzelne Aspekte (z. B. die Familien- oder die Kind-Ebene) und nicht das umfassende Modell fokussieren. Die Mehrzahl der Studien fokussiert zudem einzelne elterliche Störungen, vergleichende Studien zu verschiedenen und komorbiden Störungen fehlen. Die genannten Transmissionsmechanismen (z. B. Emotionsregulation) sind bislang kaum überprüft worden. Folglich ist das dritte Ziel der Studie, das vorliegende Transmissionsmodell zu überprüfen. Auf Basis dessen können wir Transmissions- und Risikoprofile erstellen, die für die Entwicklung bedarfsgerechter Interventionen (tailored interventions) notwendig sind.

Transgenerationale Transmission psychischer Störungen 
Die Förderung der Studie durch das BMBF soll die Grundlage dafür schaffen, dass Kinder und Jugendliche gesund bleiben oder schneller genesen. Wie beschrieben, sind Kinder psychisch kranker Eltern einem insgesamt erhöhten Risiko ausgesetzt, selber psychische Erkrankungen zu entwickeln und sind ohne effektive Interventionen mit hoher Wahrscheinlichkeit die nächste Generation psychisch Erkrankter. Insofern ist das COMPARE-Projekt zentral in diesem Fokus angesiedelt. Zum einen prüfen wir eine selektive Intervention: Welche Effekte hat die Behandlung der elterlichen Erkrankung mit qualitativ hochwertiger Verhaltenstherapie (KVT) auf die Kinder? Führt ein zusätzliches Elterntraining (das Positive Parenting Program – Triple P) zu zusätzlich positiven Effekten? Zum anderen identifizieren wir spezifische Transmissionsmechanismen, die bedarfsgerechte Interventionen verbessern; durch die Überprüfung des TTPS können wir Aussagen über die Genese der Störungsweitergabe treffen sowie Transmissions- und Risikoprofile identifizieren. Letzteres trägt dazu bei, dass wir Kinder mit einem hohen Risiko schneller und besser versorgen können und Kinder ohne oder mit nur einem geringen Risiko nicht unnötigen Interventionen aussetzen.

Wissenschaftliche Arbeitsziele der Studie sind dabei:

1. Die Durchführung und Evaluation einer präventiven Intervention für Kinder psychisch kranker Eltern. Dafür sollen insgesamt 634 Eltern und ihre Kinder vor und nach einer elterlichen Psychotherapie untersucht werden, um die Effekte der Therapie auf die Kinder zu prüfen. Die Hälfte der Eltern erhält zudem ein Elterntraining (Triple-P), um mögliche zusätzliche Effekte eines solchen Trainings festzustellen.

2. Die Identifizierung von Transmissionsmechanismen: Kinder von welchen Eltern (Art der Störung, Alter, Geschlecht, Komorbidität) haben ein höheres Risiko für die Entwicklung psychischer Störungen? Wie wirken sich Geschlecht und Alter der Kinder aus? Welche Rolle spielen elterliche Erziehungsfertigkeiten, Stresserleben, Emotionsregulation und das Wissen der Kinder über die elterliche Erkrankung?

3. Die Überprüfung des TTPS, um daraus Transmissions- und Risikoprofile für die Verbesserung einer bedarfsgerechten Versorgung abzuleiten.

4. Die Erfassung der Lebensqualität von Eltern und Kindern sowie gesundheitsökonomische Analysen zur Einschätzung der Kosten und Nutzen der Intervention.

5. Die Ableitung präziser Empfehlungen für die Praxis zur Versorgung von Familien mit psychischen Erkrankungen.


Vorgehensweise:

Mit einem kontrolliert-randomisierten Design sollen insgesamt 634 Familien mit elterlichen psychischen Erkrankungen und Kindern im Alter zwischen 6 und 12 Jahren evaluiert werden. Die Eltern werden entweder dem Studienarm 1: qualitativ hochwertiger kognitiver Verhaltenstherapie (KVT) oder 2: KVT + Positive Parenting Program (PPP) zugeteilt. Ziel ist es festzustellen, wie groß die Effekte elterlicher Psychotherapie auf die Gesundheit ihrer Kinder sind und ob das zusätzliche PPP zu spezifisch inkrementellen Effekten führt. Psychische Störungen der Eltern und Kinder werden mit dem Diagnostischen Interview bei psychischen Störungen (DIPS) bzw. dem Kinder-DIPS erfasst sowie mit Fragebögen für Eltern (Brief Symptom Inventory/BSI) und Kinder (Child Behavior Checklist/CBCL). Des Weiteren werden Erziehungsfertigkeiten, elterlicher Stress, Lebensqualität von Eltern und Kindern, das Wissen der Kinder zur elterlichen Erkrankung und gesundheitsökonomische Variablen erfasst. Nach psychotherapeutischer Erstvorstellung der Eltern und Untersuchung von Eltern und Kindern (mit den aufgeführten Erhebungsinstrumenten) erfolgt eine ca. 6-monatige Wartezeit, zu deren Ende Eltern und Kinder erneut untersucht werden (gleiche Instrumente). Nach Randomisierung erhalten die Eltern dann entweder KVT oder KVT+PPP. Nach Ende der elterlichen Therapie sowie 6 Monate später werden Eltern und Kinder erneut mit den genannten Instrumenten untersucht, um die Effekte der elterlichen Therapie auf die Kinder kurz- und langfristig festzustellen. Der primäre Endpunkt ist die Einschätzung der kindlichen Symptomatik mit dem Lehrerurteil (Differenz zwischen Beginn und Ende der elterlichen Therapie sowie zwischen Beginn und 6-Monate Follow-up).

 

Ergebnisse:

Erkenntnisse aus der Studie zu a) kindlicher Psychopathologie, b) differentiellen Effekten von KVT und KVT+PPP, c) elterlicher Psychopathologie und Komorbidität in Assoziation mit kindlichen Störungen, d) Lebensqualität von Eltern und Kindern, e) elterlichen Erziehungsfertigkeiten und Stress sowie f) gesundheitsökonomischen Ergebnissen werden in den entsprechend einschlägigen wissenschaftlichen Zeitschriften publiziert und auf Konferenzen präsentiert werden. Zusammenfassungen der Ergebnisse werden auch auf der COMPARE-Website veröffentlicht. Am Ende des Projekts soll eine gemeinsame Konferenz mit relevanten Stakeholdern sowie betroffenen Familien durchgeführt werden. Darüber hinaus werden die Ergebnisse Eingang in die Psychotherapieausbildung finden, insbesondere über unith e. V., dem Verbund universitärer Ausbildungsgänge für Psychotherapie. Bestehende Kooperationen mit verschiedenen Kliniken sowie Krankenkassen werden ebenfalls dazu beitragen, dass die Ergebnisse in der Öffentlichkeit bekannt werden und zu einer verbesserten Versorgung von Familien mit psychischen Erkrankungen führen. Einige Krankenkassen haben bereits signalisiert, dass sie bei positiven Effekten Elterntrainings mit in den Leistungskatalog für psychisch erkrankte Eltern aufnehmen würden, so dass langfristig eine Unterstützung von elterlichen Erziehungsfertigkeiten Eingang in die Behandlung von erkrankten Eltern finden kann.

 

Die ÄrzteZeitung berichtete über die Studie am 13.02.2018. Den Artikel finden Sie hier.



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zuletzt aktualisiert: 21.02.2018 · Tobias Kästner

 
 
 
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