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„Über Grenzen“ – Predigtreihe im Rahmen der Universitätsgottesdienste 2009/10     

 

Pfarrer Dietrich Hannes Eibach mit Dr. Michaela Geiger

Universitätsgottesdienst am 01.11.2009

Predigt über (Ex 14/15)

 „Durch das Meer“

 

Dialogpredigt

Geiger: Liebe Gemeinde,

„durch das Meer“ heißt dieser Gottesdienst. Unser Predigttext führt uns aber erst mal mitten hinein in das Meer. Nach dem überstürzten Aufbruch aus Ägypten ist das Volk Israel unterwegs in der Wüste, der Pharao und sein ganzes Heer ist ihnen dicht auf den Fersen. Und mitten in der Nacht taucht vor ihnen das Schilfmeer auf.

Ich lese aus Ex 14:

 

21 Mose aber streckte seine Hand aus über das Meer, und Adonaj trieb das Meer während der ganzen Nacht durch einen starken Ostwind zurück und legte das Meer trocken, und das Wasser spaltete sich. 22 Und auf trockenem Boden gingen die Israelitinnen und Israeliten mitten ins Meer hinein, während das Wasser ihnen zur Rechten und zur Linken eine Mauer bildete.

 

Mitten ins Meer wird Israel geführt, mitten in der Nacht. Ich sehe die Szene vor mir, wie ich sie bestimmt aus irgendeinem Film kenne. Eine Menschenmenge unterwegs in einem schmalen Gang zwischen hohen Wasserwänden. Nur ein schmaler Streifen Himmel ist zu sehen. Oben an den Rändern schwappen die Wassermauern bedrohlich über.
Tatsächlich malt unser Text die Meergeschichte auch noch ganz anders aus.

Während der Nacht, heißt es, legt ein starker Ostwind den Meeresboden trocken. Mich erinnert das an die Nordsee bei Ebbe. Als wir einmal abends auf Amrum angekommen sind, wollten wir unbedingt noch zum Meer gehen. Wir liefen über den Strand – wir liefen und liefen. Es wird immer dunkler. Und immer noch hören wir das Meer nicht. Der aufziehende Nebel verschluckt alles. Wenn nun die Flut zurückkommt und uns einschließt im Watt... In welche Richtung gehen wir überhaupt? Die Dünen sind nur noch zu erahnen hinter uns. Lieber umkehren, ohne das Meer gesehen zu haben? Nach einer gefühlten Ewigkeit hören wir leises Plätschern.

Zwar nicht das weite Meer, wie ich mir vorgestellt hatte, aber immerhin ein bisschen Wasser. Mit feuchten Füßen machen wir uns auf den langen Rückweg, den dunklen Dünen entgegen.

So ähnlich könnte ich es mir vorstellen, in der Nacht, mitten im Schilfmeer. Das rettende Ufer im Dunkeln nicht zu erahnen. Im Rücken die Ägypter. Und irgendwo in der Finsternis lauert das Meer. Nur der trockene Boden unter den Füßen ist zu spüren. Fester Sand, den das Meer zurückgelassen hat. Manchmal gibt er unter den Schritten nach.

Der Weg in die Freiheit führt durch dieses Meer. Durch diese finstere Weite, in der irgendwo die Gefahr lauert. Oder – in dem anderen Bild – durch die Enge zwischen den Wassermauern. Der Tod zum Greifen nahe. Nun gibt es kein Zurück. Die Angst macht den Menschen Beine, und sie kämpfen sich in Panik voran ins Ungewisse. Oder in dieser Nacht passiert etwas Wunderbares: Die Menschen beginnen zu vertrauen. Sie lassen sich tragen von einem unsichtbaren Versprechen.

 

Eibach:

23 Die Ägypter aber verfolgten sie und kamen hinter ihnen her, alle Rosse des Pharao, seine Streitwagen und Reiter, mitten ins Meer hinein. 24 Und um die Zeit der Morgenwache blickte Adonaj in einer Feuer- und Wolkensäule auf das Heer Ägyptens, und er brachte das Heer Ägyptens in Verwirrung. 25 Und er lenkte die Räder ihrer Wagen vom Weg ab und ließ sie nur mühsam vorankommen. Da sprach Ägypten: Ich will vor Israel fliehen, denn Adonaj kämpft für sie gegen Ägypten.

26 Adonaj aber sprach zu Mose: Strecke deine Hand aus über das Meer, und das Wasser soll zurückkehren über Ägypten, über seine Streitwagen und seine Reiter. 27 Da streckte Mose seine Hand aus über das Meer, und beim Anbruch des Morgens kehrte das Meer in sein Bett zurück, die Ägypter aber flohen ihm entgegen. So warf Adonaj die Ägypter mitten ins Meer. 28 Und das Wasser kehrte zurück und bedeckte die Streitwagen und die Reiter des ganzen Heers des Pharao, die hinter ihnen her in das Meer hineingegangen waren. Kein Einziger von ihnen blieb übrig.  

 

Die Ägypter wollen fliehen vor Israel und seinem Gott, werden aber in dieser Geschichte bis auf den letzten Mann vernichtet. Wozu diese Gewalttat?

Eine Antwort liegt darin, dass die Angst vor gegenwärtiger Gewalt nach einem Ventil sucht, um endlich einmal Luft abzulassen und von einem überwältigenden Sieg zu träumen:

der Triumph über den Gegner, der das eigene Volk so lange überwacht, schikaniert, verfolgt und letztlich gefangen gehalten hat.

Eine Antwort findet sich auch darin, dass der Aufbruch in die Freiheit die vollständige Zerschlagung des alten Unterdrückungsapparats braucht. Für einen Neufang ist es wichtig, Ross und Reiter dingfest und für immer unschädlich zu machen.

 

Unabhängig von solchen nachträglichen Antworten begegnen wir in dieser Geschichte einem Gott, der sich auf die Seite der Verfolgten stellt, um selbst zu einem unaufhaltsamen Verfolger zu werden und auch noch dem Letzten mit tödlicher Konsequenz hinter her zu jagen. Wie gewaltig erscheint dieser kriegerische Gott! Aber wie eingeschränkt ist er auch in seinem archaischen Vernichtungswahn. Muss diese Gewalt nicht neue Gewalt hervorrufen? 

Unter der wachsenden Gemeinde, die sich vor 20 Jahren in der Leipziger Nikolaikirche traf, müssen Menschen gewesen sein, die voller Angst waren vor dem Eingriff staatlicher Gewalt. Noch im Juni war es zu dem Massaker an den Studierenden auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking gekommen – ein Einschreiten, das nach der Auffassung der eigenen Regierung dazu diente, die Ordnung wieder herzustellen. Die schweigenden Gottesdienstbesucherinnen und Besucher mussten mit der Gewaltbereitschaft ihres Staates rechnen. Sie werden aber auch den Wunsch gehabt haben, diesen menschenverachtenden Machtapparat endlich bloßzustellen und für immer unwirksam zu machen. Und doch haben sie ihre Vernichtungsphantasien zurückgestellt und den Mut aufgebracht, nur mit Gebeten für den Frieden und Kerzen den bewaffneten Bereitschaftspolizisten entgegen zu treten. Sie haben mit ihrer Haltung ein ganzes Volk angesteckt. „Keine Gewalt“ und „Wir sind das Volk“ haben sie gerufen und damit ihren Gegnern gezeigt, dass sie standhalten und nicht mehr flüchten wollen.

Etwas brach sich Bahn unter der gesamten Bevölkerung, was später als friedliche Revolution bezeichnet wurde. Günter Kunert schreibt über die Nacht, als die Mauer fiel:

„Ein ganz und gar unglaublicher Moment, der, wie solche Momente, sich niemals wiederholen würde, und sich darum tief in mein Gedächtnis einprägte. Die Grenzsoldaten, die Offiziere, hilflos vor dem Ansturm, ohne Anleitung, ohne Befehle, öffneten die Sperren, klugerweise, denn die Situation war angespannt, was den Wächtern bewusst gewesen sein musste. Ohne jegliche Information taten sie instinktiv das Richtige: Sie beendeten die Existenz der Mauer. Jetzt gab es kein Halten mehr, der Menschenstrom drängte hinüber, immer mehr Leute erschienen, übrigens offensichtlich gut gelaunt und freudig erregt…Und als die Feiernden auf die Mauer zu klettern begannen, die „Mauerspechte“ sich an die Arbeit machten, Souvenirs aus dem Beton zu schlagen, herrschte eine „Bombenstimmung“. Aller Hass und Unwille schien verraucht: Fröhlichkeit herrschte vor.

Das, und es hat viele Beobachter verblüfft, war ein kleines Wunder. Wer mit Rache und Lynchjustiz gerechnet hatte, hatte sich verrechnet. Es ging friedlich zu, fast gemütlich. Nie vordem ist ein Gesellschaftssystem so unblutig und gewaltlos zusammengebrochen.“

(Günter Kunert aus dem Buch von Wolfgang Huber „ Die Mauer ist weg“  von 2009)

Was für eine Kraft hat sich in diesem friedlichen Aufbruch gezeigt - was für ein Vertrauen, dass der Weg über die Grenze von Angst und Gewalt gelungen ist! Der Fall der Mauer - ausgelöst durch ein lächerliches Missverständnis in einer Pressekonferenz sagen manche – ein glücklicher Zufall durch günstige politische Verhältnisse . Ein Wunder, sagen andere. Wenige Monate vorher hat Klaus Peter Herztzsch  für eine Hochzeit gedichtet: „Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist, weil Leben heißt: sich regen, weil Leben wandern heißt. Seit leuchtend Gottes Bogen am hohen Himmel stand, sind Menschen ausgezogen in das gelobte Land“. Es wurde ein Lied, das man abschrieb und überall verteilte, weil es eine Stimmung wieder gab, die sich überall breit machen wollte.

Und in der Nacht, als die Leute über die Grenze fuhren oder sich einfach vom Strom der Menge  mitgerissen wurden, ginge etwas zu Ende. Weil die Menschen hinter dem Stacheldraht begannen, ihren Traum von der Freiheit zu leben, mussten die Grenze und ihre Wächter weichen. Die Zeit der inneren Besatzung in diesem Land war vorbei und ein alter Mann an dem Grenzpunkt sprach aus, was viele wohl ähnlich empfunden haben: „Jetzt ist der Krieg aus.“  

 

Geiger:

29 Die Israeliten aber waren auf trockenem Boden mitten durch das Meer gegangen, während das Wasser ihnen zur Rechten und zur Linken eine Mauer bildete. 30 So rettete Adonaj an jenem Tag Israel aus der Hand Ägyptens, und Israel sah Ägypten tot am Ufer des Meers. 31 Und Israel sah, wie Adonaj mit mächtiger Hand an Ägypten gehandelt hatte, und das Volk fürchtete Adonaj, und sie glaubten an Adonaj und an Mose, der ihm diente.

 

Während die Ägypter die Gewalttätigkeit von Israels Gott erleiden, ist das Volk Israel trockenen Fußes am anderen Meeresufer angekommen. Erst jetzt nehmen die Menschen wahr, was aus ihren Feinden geworden ist. Am ganzen Meeresstrand liegen die Leichen. Langsam sickert die Erkenntnis zu ihnen durch. Die Israelitinnen und Israeliten beginnen zu begreifen: Sie sind dem Tod entronnen. Dieser Feind kann ihnen nichts mehr anhaben. Noch spüren sie keine Freude, eher Fassungslosigkeit, überwältigt von der Gewalt ihrer Gottheit. „Und das Volk fürchtete Adonaj, und sie glaubten an Adonaj“. Diese gewaltige Gottheit zu fürchten, das leuchtet mir unmittelbar ein. Aber kann man so einer Gottheit vertrauen?

 

Das Gottvertrauen kann nicht erst am Schilfmeer entstanden sein, beim Anblick der toten Ägypter. Das wäre ein Glaube, der kapituliert vor der Macht seiner Gottheit.
Im Hebräischen bedeutet Glauben „fest stehen“.

Es gibt festen Grund, auch wenn der Sand unter den Füßen nachgibt. Es gibt etwas Beständiges, auch wenn alles sich ändert. Ich stelle mir vor, die Israelitinnen und Israeliten haben die Zeit der Unterdrückung in Ägypten nur beharrlich durchgehalten, weil sie längst aus diesem Gottvertrauen gelebt haben. Sie haben Gottes Versprechen geglaubt, sonst wären sie im Land der Sklaverei geblieben und hätten niemals den Aufbruch gewagt. Dieser Glaube hat eine ganz andere Qualität als das Überwältigtsein am Schilfmeer. Es ist eine sanfte, beharrende Kraft. Eine Aktivität gegen den Augenschein. Da ist das Volk, das mitten zwischen den ägyptischen Gottheiten an seinem Gott festhält. Das es für möglich hält, dass es noch ein ganz anderes Leben geben könnte als den mühsamen Alltag in Ägypten. Es vertraut Mose, der von einem Auszug spricht, in ein Land, in dem Milch und Honig fließen. Es ist ein Wagnis, diesem Versprechen zu glauben, sich an diesen Worten fest zu machen und alles, was bisher sicher war, zu verlassen.

Glauben heißt auch: Akzeptieren, was ist. Das hebräische Wort Amen drückt das aus. So ist es, und so sei es. Wer fest in diesem Glauben steht, macht sich die Welt nicht schöner, als sie ist. Muss Gewalt und Schmerz nicht wegdiskutieren. Wer von diesem Glauben gehalten wird, kann auch den eigenen Träumen trauen. Und Gottes Versprechen.

Ich stelle mir den Glauben am Schilfmeer wie einen weiten Raum vor. Einen Raum, in dem die überwältigende Wirklichkeit eine Fassung bekommt. Auf diesem Grund können wir fest stehen – und aushalten, was wir nicht begreifen. Hinter diese Wirklichkeit gibt es kein Zurück.

 

Eibach: 20 Jahre ist es her, seit es ein Volk gewagt hat, den Weg aus der Gefangenschaft vertrauensvoll zu gehen – betend, singend, mit einem Licht in der Hand, unaufhaltsam und tief überzeugt von der Richtigkeit der Forderung  nach Freiheit.

Die Grenze ist überwunden, aber das gelobte Land der Freiheit steht noch aus. Manche sind darüber enttäuscht. Einige sehnen sich in alte Verhältnisse zurück - so wie sich Israel auf seinem weiteren Weg in die Freiheit manches Mal nach der Gefangenschaft unter mächtigen Herrschern zurückgesehnt hat. Und doch gab es Propheten wie Micha, die an den Exodus erinnert und die Stimme Gottes wieder zu Gehör bringen: „Mein Volk, was habe ich dir getan. Und womit habe ich dich ermüdet? Antworte mir! Ja, ich habe dich herausgeführt aus dem Land Ägypten und aus dem Haus der Sklaverei habe ich dich losgekauft, ich habe vor dir hergeschickt: Mose, Aaron und Mirjam.“ 

 

Solche Weckrufe fordern auf, sich gegenüber dem befreienden Impuls nicht zu verschließen. Sie ermutigen, wieder in Bewegung zu kommen, Konflikte durchzustehen und das Ziel neu in den Blick zu nehmen. Ein weiter Horizont öffnet sich, wenn wieder klarer wird, dass wir längst am anderen Ufer stehen. Stimmen wir mit ein in den alten Ruf, der uns jetzt erreichen will: „Nicht durch Heer und Gewalt, sondern durch meinen Geist soll es geschehen“ Amen.

 

 

Fürbittengebet


Eibach: Gott, du uns hast geschaffen

und zu deinem Volk berufen aus allen Teilen der Erde.

Wir danken dir für die Gemeinschaft,

die du wachsen lässt über Grenzen hinweg.

Lass sie Frucht bringen für diese Welt.

 

Geiger: Gott Israels, durch Mose, Aaron und Mirjam

hast du dein Volk in die Freiheit geführt.

Wir bitten dich für Menschen, die nicht mehr an Deine Befreiung glauben,

die nur noch schwarzsehen für ihr eigenes Leben und für die Zukunft ihrer Kinder.

Weite ihren Blick, dass sie neue Möglichkeiten entdecken und wieder Hoffnung schöpfen,

eine Hoffnung, die sie stark macht zum Handeln.

 

Eibach: Jesus Christus, von Maria geboren.

Du rufst uns in die Nachfolge,

für deinen Frieden einzutreten in einer zerrissenen Welt.

Wir denken an Menschen in Afghanistan,

die sich nichts sehnlicher wünschen, als dass die Gewalt ein Ende hat.

Schenk den Verantwortlichen Einsicht, die über eigene Machtinteressen hinausreicht

und den Mut, Schritte des Friedens zu gehen.

 

Geiger: Heilige Geistkraft,

dein Lebensatem durchdringt die bedrohte Schöpfung

Wir bitten dich für die Klimakonferenz in Kopenhagen,

dass die Regierungen der reichen Länder endlich Verantwortung übernehmen.

Wir bitten dich für uns selbst, dass wir von einer Umkehr nicht nur reden,

sondern dass wir im Alltag Wege entdecken,

an der Bewahrung deiner Schöpfung mitzuwirken.  

 

Eibach: Mach uns unruhig, dass wir uns nicht zufrieden geben,

wenn wir an Grenzen stoßen mit unserem Wunsch nach Gerechtigkeit.

Lass unseren Mut wachsen, an Deinem Versprechen festzuhalten.

Du führst uns heraus aus der Bedrängnis in das gelobte Land.

 


Zuletzt aktualisiert: 05.11.2009 · Dekanat FB 05

 
 
 
Fachbereich 5: Evangelische Theologie

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