Direkt zum Inhalt
 
 
Bannergrafik (VFG)
 
  Startseite  
 

Karrikaturgroß









Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, liebe Freunde der Archäologie,

als vor einigen Monaten die Bundesregierung einen Gesetzentwurf zur Umsetzung der UNESCO-Konvention zum Kulturgüterschutz in den Bundestag einbrachte, war in weiten Archäologenkreisen das Entsetzen über den Inhalt der Vorlage groß. Insbesondere wurde kritisiert, dass Kulturgut anderer Staaten nur dann nicht nach Deutschland eingeführt und hier vermarktet werden darf, wenn es in einem von der Bundesregierung erstellten Verzeichnis aufgelistet wurde, das aber lediglich „die individuell bestimmbaren (...) als (...) besonders bedeutsam bezeichneten Gegenstände“ enthalten soll, die zudem vorher „im Bundesanzeiger bekannt gemacht“ worden sein müssen (§ 14). Das bedeutet de facto einen Freibrief für den Handel mit Raubgrabungsgut, dessen Herkunft normalerweise verschleiert wird und das naturgemäß kaum in einer regierungsamtlichen Liste zu finden sein dürfte.

Kunsthandelprotest An einer Protestaktion mit direkten Schreiben an verschiedene Politiker beteiligten sich zahlreiche Kolleginnen und Kollegen sowie sonstige Interessierte. Allein bei der von uns organisierten »Mailing-Aktion« wurden über die Homepage des Vorgeschichtlichen Seminars fast über eine halbe Million Protestmails an Bundestagsabgeordnete weitergeleitet. Wollte zunächst die Bundesregierung ohne großes Aufsehen den Gesetzentwurf rasch durch das Parlament bringen, so konnte dies durch die Proteste zumindest vorläufig verhindert und eine Expertenanhörung im Kulturausschuss erwirkt werden.

Allmählich kamen von nahezu allen Parteien Signale der Bereitschaft, Nachbesserungen an dem Entwurf vornehmen zu wollen, obwohl eine überaus wirkungsvoll agierende Lobby bestimmter Kreise des Kunsthandels eine Diffamierungskampagne gegen uns als Kritiker des Entwurfs startete. All unsere Bemühungen wurden nun jedoch während der Anhörung im Kulturausschuss zunichte gemacht. Dem jetzt im Internet veröffentlichten Protokoll der Ausschusssitzung vom 27.09.2006 zufolge lautet die offizielle Stellungnahme des als Experten geladenen stellvertretenden Generaldirektors der Staatlichen Museen zu Berlin, Prof. Dr. G. Schauerte:

„Ich kann nur aus eigener Erfahrung und aus Gesprächen mit den Kollegen sagen, der Vorschlag, wie er Ihnen hier vorliegt, ist aus unserer Sicht das Beste. Es gibt bisher keine bessere Vorlage zur Umsetzung und Ausführung der UNESCO-Konvention wie diese, die hier dem hohen Haus vorliegt. Das ist nicht nur meine Meinung als Archäologe, sondern auch als Amtsvertreter und Sprecher für die Amtsarchäologie, die Landesarchäologen, das Deutsche Archäologische Institut, die Staatlichen Museen in Berlin und, ich denke,  auch, für den Deutschen Museumsbund und das Nationalkommittee von ICOM, mit denen ich darüber gesprochen habe. Natürlich sagt man, das Bessere ist der Feind des Guten. (...)"

Damit wird wohl kaum ein Politiker mehr Veranlassung zu einer Überarbeitung des Entwurfes sehen. Angesichts der oben zitierten, für mich völlig unverständlichen und bestürzenden Stellungnahme ist zu fragen, wer hier welche Interessen tatsächlich vertritt und welche Rolle die genannten großen Fachorganisationen bei dem Gesetzesvorhaben spielten.

Nach außen wird der Eindruck vermittelt, Deutschland würde nun endlich als einer der letzten Staaten das UNESCO-Übereinkommen von 1970 unterzeichnen. Die Ziele des Übereinkommens werden jedoch durch den Buchstaben des Deutsches Gesetzes in ihr Gegenteil verkehrt. Der ohnehin schon florierende Markt mit Plünderungsgut aus Raubgrabungen wird dank der neuen Regelungen eine der Wachstumsbranchen darstellen. Unverhohlen wird in den Erläuterungen zu dem Gesetz auch von den „berechtigten Interessen des Handels“ gesprochen und davon, dass „Wettbewerbsnachteile für den Kunsthandel vermieden werden sollen“.

Nach dem Desaster im derzeitigen Gesetzgebungsverfahren scheint es mir dringend geboten, dass zunächst innerhalb der verschiedenen archäologischen Fachdisziplinen intensiv darüber diskutiert wird,

ob weiterhin private Sammler von Raubgrabungsgut und ihre Unterstützer in Fachgremien (Beiräten etc.) mitwirken sollen (es muss dem in der Öffentlichkeit entstandenen Eindruck, hier habe bereits eine massive Unterwanderung stattgefunden, entgegen gewirkt werden), inwieweit solche Sammlungen in öffentlichen Museen ausgestellt und wissenschaftlich bearbeitet werden sollen (was zwangsläufig den Marktwert der Objekte steigert und Nachfrage nach vergleichbaren Objekten generiert),

ob öffentliche Museen weiterhin Plünderungsgut aus Raubgrabungen ankaufen sollen. Handelt es sich bei den Ankäufen um ein „Retten für die Wissenschaft“ oder Übernahme der „Patenschaft“ für die Raubgrabung und Finanzierung der Nächsten?

Welchen Wert wir dem archäologischen Kontext und welchen dem Einzelobjekt zumessen, ob fachliche Expertisen oder gar Publikationen in Fachzeitschriften zu im Kunsthandel befindlichen Plünderungsgut erstellt werden sollten angesichts des Umstands, dass oftmals erst hierdurch die Objekte einen Verkaufswert erlangen.

Die Vorgänge der letzten Wochen haben gezeigt, dass wir in all diesen Fragen offensichtlich von einem Konsens noch weit entfernt sind, da vielfach der ursächliche Zusammenhang zwischen der Nachfrage bzw. den Vermarktungsmöglichkeiten archäologischer Objekte und der Zerstörung archäologischer Stätten durch Raubgrabungen nicht wahrgenommen wird.

Den Fachvertretern der Biologie, insbesondere der Zoologie ist es gelungen, der Öffentlichkeit klar zu machen, dass ein Zusammenhang zwischen dem Handel mit Produkten gefährdeter Tierarten und deren Ausrottung besteht. Entsprechende Maßnahmen wurden ergriffen. Warum sollte Vergleichbares zum Schutz des archäologischen Kulturerbes unmöglich sein?

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Andreas Müller-Karpe

Weitere Informationen zum Thema:

Stellungnahme von Dr. Michael Müller-Karpe/Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz in der Zeitschrift für Internationalen Kulturaustausch (IKA) zum Gesetzentwurf und zu Vorwürfen von Dr. Sigrid Bias-Engels/Gruppenleiterin der Kunst- und Kulturförderung beim Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien: pdf-Link

Fragenkatalog für die 18. Sitzung des Ausschusses für Kultur und Medien am 27. September 2006 zur öffentlichen Anhörung der Sachverständigen: pdf-Link

Stellungnahme von Dr. Michael Müller-Karpe/Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz zum Fragenkatalog zur öffentlichen Anhörung des Ausschusses für Kultur und Medien am 27. September 2006: pdf-Link

Wortprotokoll der 18. Sitzung des Ausschusses für Kultur und Medien in Berlin am 27. September 2006: pdf-Link

Zuletzt aktualisiert: 05.07.2007 · zeilerm

 
 
 
Fb. 06 - Geschichte und Kulturwissenschaften

Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie, Biegenstraße 11, 35032 Marburg
Tel. +49 6421/28-22348, Fax +49 6421/28-28901, E-Mail: vorgesch@staff.uni-marburg.de

URL dieser Seite: https://www.uni-marburg.de/fb06/vfg/kultur

Impressum | Datenschutz