Direkt zum Inhalt
 
 
Bannergrafik (FB16)
 
  Startseite  
 
Sie sind hier:» Universität » Pharmazie » IPC » Aktuelles » Nachrichten » 2017 » Arzneipflanzenexkursion in die Dolomiten
  • Print this page
  • create PDF file

10.08.2017

Arzneipflanzenexkursion in die Dolomiten

Prof. Dr. Michael Keusgen, Universität Marburg

Zwischen dem 27. und 29. Juli 2017 organisierte Frau Dr. Michaela Geiger, Deutscher Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ), gemeinsam mit Prof. Dr. Michael Keusgen, Fachbereich Pharmazie der Philipps-Universität Marburg, eine mehrtägige Arzneipflanzenexkursion in die Bergwelt der Dolomiten. Die Region bietet hierfür ideale Voraussetzungen, da das Hotel Schwarzhorn in Jochgrimm auf einer Höhe von 2.034 m exakt zwischen dem Kalkfelsen „Weißhorn“ und dem Porphyrfelsen „Schwarzhorn“ liegt (Abb. 1). Dadurch ist es mit relativ geringer Gehleistung möglich, eine typische Kalkflora (Weißhorn) mit einer Silikatflora (Schwarzhorn) zu vergleichen. Darüber hinaus liegt das beeindruckende Lemar-Massiv nur wenige Kilometer entfernt, welches ebenfalls besucht wurde.

Zwischen den beiden Bergen befinden sich Quellfluren und Moorwiesen, die ebenfalls eine vielfältige Flora garantieren. In den Moorwiesen ist schon von weitem das Scheiden-Wollgras Eriophorum vaginatum zu sehen. Ebenfalls war in den Feuchtbiotopen Fettkraut Pinguicula spec. anzutreffen, welches mit seinen drüsigen Blättern kleine Insekten fängt und versaut. Immer wieder schön: Das Sumpf-Herzblatt Parnassia palustris, ein Spindelbaumgewächs (Celastraceae). Die Blüte weist zwei Staubblattkreise auf, wobei der innere steril ist und drüsige Nektarien vortäuscht, die aber keinen Nektar absondern.

Eingerahmt werden Weiß- und Schwarzhorn durch ausgedehnte Nadelwälder, die durch die beeindruckende Zirbelkiefer Pinus cembra beherrscht wurden. Darüber befanden sich ausgedehnte Bestände der Latschenkiefer Pinus mugo. Insbesondere die Latschenkiefer bietet Platz für viele weitere Zwergbäume, Sträucher und Gefäßpflanzen: Rostblättrige Alpenrose Rhododendron ferrugineum (auf Porphyr), Bewimperte Alpenrose Rhododendron hirsutum (auf Kalk), Rauschbeere Vaccinium uliginosum, Tannenbärlapp Huperzia selago, Alpen-Fächerbärlapp Diphasiastrum alpinum und der Dornige Moosfarn Selaginella selaginoides sowie weitere Flechten und Moose.

 

Rund um das Hotel herum konnten bereits einige Arzneipflanzen angetroffen werden: Schafgarbe Achillea millefolium, Huflattich Tussilago farfara, Quendel Thymus serphyllum, Augentrost Euphrasia spec. und unter den Latschenkiefern isländisches Moos Cetraria islandica. Daneben erfreuen dekorative Stauden wie der Alpen-Milchlattich Cicerbita alpina, Alpendost Adenostyles alliariae und das Dost-Greiskraut  Senecio cacaliaster die Exkursionsteilnehmer. Die Stauden wurden von zahlreichen Schmetterlingen besucht, die zumeist der Familie der Bläulinge (Lycaenidae) angehörten. Highlights auf den subalpinen Matten waren die Berg-Prachtnelke Dianthus superbus (Abb. 2) sowie die Echte Mondraute  Botrychium lunaria, ein kleiner und recht seltener Farn. Als große Besonderheit trat eine Albino-Variante des Schnittlauchs Allium schoenoprasum auf.

Für die Besucher unübersehbar waren auch die Massenbestände von Arnica montana, die mit einem weiteren großen Korbblütler auftreten (Ferkelkraut Hypochaeris uniflora sowie Hieraceum-Arten). Weniger auffällig, aber ebenfalls zahlreich ist die Goldrute Solidago virgaurea. Häufig anzutreffen sind die Fabaceen Wundklee Anthyllis vulneraria, Hornklee Lotus corniculatus und der Braunklee Trifolium badium, daneben der rotblühende Wiesenklee Trifolium pratense, der deutlich größere Alpenklee Trifolium alpinum und der Berg-Spitzkiel Oxytropis jacquinii. Leider waren die Massenbestände der Trollblume Trollius europaeus bereits abgeblüht, ebenso die häufig anzutreffenden Anemonen, von denen nur noch die teilweise recht dekorativen Fruchtstände übrig waren.

Weiße Tupfer auf den Almen rühren zumeist von der Meisterwurz Peucedanum ostruthium her (ebenfalls eine alte Arzneipflanze), die häufig in Massenbeständen vorkam. Bei den Giftpflanzen müssen insbesondere der Germer Veratrum album, der Blaue Eisenhut Aconitum napellus und der Wolfs-Eisenhut Aconitum vulparina (Abb. 3) erwähnt werden. In den Almen um Jochgrimm kommt der Germer in Massenbeständen vor; dieser kann gefährlich für Weidetiere werden, weshalb die Blütenstände der Pflanzen normalerweise von den Almbauern heraus geschnitten werden. Der Germer sowie der Eisenhut sind in der Homöopathie gebräuchliche Arzneipflanzen, jedoch nur in höheren Potenzstufen. Auch Orchideen-Freunde kamen auf ihre Kosten: Geflecktes Knabenkraut Dactylorhiza maculata, Schwarzes Kohlröschen Nigritella nigra, Mücken-Händelwurz Gymnadenia conopsea, und  das Zwerg-Knabenkraut Chamorchis alpina kommen teilweise in großen Beständen vor.

Die Felsenregionen werden zumeist von kleinen Nelkengewächsen sowie von Steinbrechgewächsen (Saxifragaceae) beherrscht, die aber auch teilweise in der subalpinen und montanen Stufe anzutreffen waren: Fetthennen-Steinbrech Saxifraga aizoides, Moos-Steinbrech Saxifraga bryoides, Blaugrüner Steinbrech Saxifraga caesia (zumeist auf Kalk), Rispen-Steinbrech Saxifraga paniculata (ebenfalls auf Kalk), Rundblättriger Steinbrech Saxifraga rotundifolia (schattige Stellen), und Stern-Steinbrech Saxifraga stellaris (Quellfluren). Fernerhin waren auf dem Schwarzhorn größere Bestände des dekorativen Zwerg-Seifenkraut Saponaria pumila und der Halbkugeligen Teufelskralle Phyteuma hemisphaericum anzutreffen sowie auf dem Weißhorn die Bittere Schafgarbe Achillea clavennae sowie die Dolomiten-Teufelskralle Phyteuma sieberi.

Die Exkursionsteilnehmer hätten sich gerne auch schöne Bestände von dekorativen Enzianen gewünscht; leider waren diese fast vollständig abgeblüht. In Blüte anzutreffen waren nur noch der zierliche Schnee-Enzian Gentiana nivalis, in den Waldgebieten der Schwalbenwurz-Enzian Gentiana asclepiadea sowie, als Vorbote des Herbsts, der Feld-Fransenenzian Gentianella campestris. Die Silberdistel Carlina acaulis (Abb. 4) sowie die Stengellose Kratzdistel Cirsium acaule sind ebenfalls Boten des endenden Sommers. Entschädigt für die eher geringe Ausbeute bei den Enziangewächsen wurden die Teilnehmer durch einen Besuch der sehr blumenreichen Hänge des Lemar-Massivs mit großen Edelweiß-(Leontopodium alpinum)-Beständen, daneben etwas weniger auffällig aber trotzdem schön das Alpen-Leinkraut Linaria alpina und das rosarot blühende Dolomiten-Fingerkraut Potentilla nitida. Erwähnt werden muss auch die Netz-Weide Salix reticulata, die als Zwergbaum kaum höher als 10 cm wird! Und nicht zu vergessen: die prächtige Türkenbund-Lilie Lilium martagon.

Den Exkursionsteilnehmern bot sich eine beindruckende Vielfalt an ganz unterschiedlichen Pflanzen in der montanen, subalpinen und alpinen Stufe, die als repräsentativ für die Dolomiten gelten können. Dabei bietet die Region Jochgrimm viele unterschiedliche Biotope auf engem Raum. In abendlichen Bestimmungsübungen bestand die Möglichkeit, das Gesehene zu vertiefen und vergleichend Familienmerkmale auszuarbeiten. Bei den reichlich angetroffenen Arzneipflanzen wurden zudem die wichtigsten Inhaltsstoffe erläutert. Leider war die Exkursion nur auf drei Tage beschränkt – es gab noch so manchen Wunsch für weitere Touren, die dann auf das nächste Jahr warten müssen. Anzumerken sei noch, dass die Jochgrimm-Region auch etwas früher im Jahr mit vielen Anemonen, Primeln, Enzianen und Trollblumen eine bemerkenswerte Flora bietet.

 

Kontakt

Prof. Dr. Michael Keusgen
Behring-Villa
Wilhelm-Roser-Straße 2
35032 Marburg

Tel.: 06421 28-25891
E-Mail

Zuletzt aktualisiert: 10.08.2017 · Frank Balzer

 
 
 
Fb. 16 - Pharmazie

Institut für Pharmazeutische Chemie, Marbacher Weg 6-10, 35032 Marburg
Tel. +49 6421 28-25553, Fax +49 6421 28-25854, E-Mail: katja.huette@staff.uni-marburg.de

URL dieser Seite: https://www.uni-marburg.de/fb16/ipc/aktuelles/news/2017/2017-08-10-exkursion

Impressum | Datenschutz