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DFG-Projekt

„Emil von Behring (1854-1917): Person, Wissenschaftler, Unternehmer“

Emil von Behring: Der Arzt und Wissenschaftler Emil von Behring (1854–1917) zählt zu den einflussreichsten Medizinern des frühen 20. Jahrhunderts. Zur Heroisierung der historischen Figur, die mit Ehrentiteln wie „Retter der Kinder“ und „Retter der Soldaten“ geschmückt wurde, trugen neben den Erfolgen in der Serumtherapie der Diphtherie und des Tetanus die bereits zu Lebzeiten verliehenen Auszeichnungen bei, darunter der erste Nobelpreis für Medizin 1901 und die im gleichen Jahr erfolgte Erhebung in den Adelsstand. Die weltweite Bekanntheit seines Namens gründet sich auf der Erfindung und Entwicklung des Diphtherie-Antitoxins, das Behring als Arzt und Unternehmer seit 1904 im Marburger Behringwerk oHG selbst produzierte.

Behring-Büste vor der Schule
Behring-Büste vor der Dorfschule

Behring-Büste am Schulhaus Ławice, ehem. Hansdorf (Polen)

 

Neben dem Heilmittel und der 1913 entwickelten Schutzimpfung gegen die Diphtherie sowie verschiedener anderer therapeutischer Vakzine, die in der Veterinärmedizin zum Einsatz kamen, ist die Entwicklung der Tetanusschutzimpfung hervorzuheben.Das Serum wurde im Verlauf des Ersten Weltkriegs über das preußische Kriegsministerium geordert, seine Produktion verhalf den 1914 gegründeten Behringwerken Bremen und Marburg GmbH zu enormen Umsätzen. Behrings wissenschaftliche und ökonomische Erfolge waren nicht erst in dieser Zeit aufs Engste mit der preußischen Regierung verflochten, bereits die eine Universitätskarriere vorbereitenden Anfänge in Bonn und Halle sowie auf unternehmerischer Ebene der Kontakt zu den Farbwerken vormals Meister Lucius und Brüning in Höchst (dort Serumproduktion ab 1894) zeigen deutlich den Einfluss Friedrich Althoffs, der zudem ein Vertrauter von Behrings zukünftigem Schwiegervater Bernhard Spinola, dem Verwaltungsdirektor der Berliner Charité, war.

Gerade eine in unterschiedlichen öffentlichen Bereichen agierende Person wie Behring bietet sich deshalb an um zu zeigen, wie stark die von einflussreichen Akteuren gespannten Netze im Kaiserreich und in der Ära Friedrich Althoffs private, wissenschaftliche, politische und ökonomische Bezugssysteme verknüpften.

1940 legten Heinz Zeiss und Richard Bieling eine Behring-Biographie vor, welche die bereits vorliegenden umfangreichen Quellen des Nachlasses nach national­sozialistischen, rassistischen Kriterien auswählten und gewichteten (Zeiss, Bieling 1940, ²1941): Der lebensgeschichtlich bedeutende Aspekt des Unternehmertums in Verbindung mit der eigenen Forschung wurde nicht kritisch beleuchtet, die Bezüge Behrings zur jüdischen Familie seiner Ehefrau ebenso unterschlagen wie die wichtige Verbindung zu dem jüdischen Kollegen Paul Ehrlich (vgl. Hüntelmann 2011, Weindling 2000, Enke 2014). Die 2005 erschienene Biographie des Amerikaners Derek S. Linton bezieht zwar die neuere Forschungsliteratur zur Geschichte der Bakteriologie mit ein, Originaldokumente zu den Lebensstationen und zum wissenschaftlichen Werk werden jedoch kaum berücksichtigt, einer quellenkritischen Revision wurden sie nicht unterzogen.

 

Das historische Individuum im Kontext

Seit den 1980er Jahren setzte in der Medizingeschichte ausgelöst von den Impulsen der sich als historische Sozialwissenschaft verstehende Geschichtswissenschaft eine Diskussion über die Notwendigkeit des Schreibens von Biographien im wissenschaftshistorischen Kontext ein, die sich von den Lebensbeschreibungen der „Helden in weißen Kitteln“ (Gradmann 2003) nachdrücklich abgrenzte. Sie führte zu einer in den Methodendiskurs eingebundenen Neuausrichtung des Genres und stellte seine Berechtigung durch gelungene Umsetzungen unter Beweis (vgl. Geisons Biographie über Pasteur (1995), Szöllösi-Janze über Haber (1998), Goschler über Virchow (2002), Gradmann über Koch (2005), Hüntelmann über Ehrlich (2011)). Demnach ist die Biographie als Gattung dann geeignet, zur Erforschung des subjektiven Elements in historischen Prozessen beizutragen, wenn es ihr gelingt, das individuelle Leben nicht als abgeschlossenen kontinuierlich strukturierten Mikrokosmos zu betrachten, sondern als dynamischen Prozess, der durch vielfältige Bezugssystem beeinflusst wird. Die verschiedenen kultur-, politik- oder sozialgeschichtlichen Ansätze beziehen sich dabei genauso auf den Begriff der „Lebensgeschichte“ (Bourdieu 1990) wie auf die Vielschichtigkeit der Figur des Wissenschaftlers (Daston / Sibum 2003) oder auf Fragen nach den Bedingungen der Erkenntnis- und Wissensproduktion in- und außerhalb der Universität (Knorr-Cetina 1995 und 2002, Rheinberger / Hagner / Wahrig-Schmidt 1997, Weingart 1999 und 2003, Ash 2002, Roelcke 2010) und der damit verwobenen Lebensform des Akteurs (Algazi 2007).Auch im in den Konzepten der Science Studies vertretenen sozial-konstruktivistischen Modell der Wissenskonstruktion kehrt das historische Individuum in das Zentrum der historischen Analyse zurück. Indem z. B. Gradmann die „Feinstruktur wissenschaftlicher Arbeit im bakteriologischen Labor“ in eine Beziehung zur Biographie Kochs stellte, zeigte er, wie moderne Wissenschaftsgeschichte wissenschaftssoziologische und biographische Zugänge fruchtbar miteinander verbindet (Gradmann 2005, S.10, sowie Latour 1987, Geison 1995, für die Medizingeschichte Schlich 1998).

Eine kontextuell angelegte Behring-Biographie, die Persönlichkeit, wissenschaftliches Werk, unternehmerisches Wirken und gesellschaftliches Umfeld im Kaiserreich und während des Ersten Weltkriegs zueinander in Beziehung setzt, stellt ein Forschungsdesiderat dar. Zurückgegriffen werden kann dabei nicht nur auf die Biographien der Weggefährten und Kollegen Koch, Ehrlich und Wernicke (Gradmann 2005, Hüntelmann 2011, Schulte 2000), sondern auch auf aktuelle Studien über die Entwicklung der pharmakologischen Forschung am Ende des 19. Jahrhunderts, die sich aus den DFG-Forschungsprojekten zur Geschichte der Impfstoffe, insbesondere zum Diphtherieimpfstoff zwischen 1890 und 1900 ergeben haben. Von 2005 bis 2010 sind im Zuge dieser Projekte in Berlin bzw. Heidelberg unter Leitung von Volker Hess bzw. Christoph Gradmann mehrere Veröffentlichungen erschienen (Projekte: DFG HE 2220: Industrialisierung experimentellen Wissens; DFG GR 2116: Impfstoffe zwischen Labor, Fabrik und Büro: Wertbestimmungsverfahren als dynamisches Regulativ zwischen Serumforschung, Serumindustrie und Gesundheitspolitik 1890–1918. Das wissenschaftliche Umfeld Behrings sowie die Voraussetzungen zur Vermarktung von Impfstoffen zu Anfang der 1890er Jahre sind dort dokumentiert; Behrings Rolle in diesem Setting kann nun mit Hilfe weiterer Nachlassdokumente explizit erforscht werden. So kann beispielsweise Behrings Verhältnis zu den am Pariser Pasteur-Institut tätigen Kollegen Émile Roux und Elias Metschnikoff durch die Untersuchung der persönlichen Korrespondenz zu einer neuen Bewertung der deutsch-französischen Wissenschaftlerkontakte um die Jahrhundertwende führen.

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Zuletzt aktualisiert: 18.02.2015 · Ulrike Enke

 
 
 
Fb. 20 - Medizin

Emil-von-Behring-Bibliothek / Arbeitsstelle für Geschichte der Medizin,
Bahnhofstraße 7, D-35037 Marburg Tel. +49 6421/28-67088, Fax +49 6421/28-67090, E-Mail: jeskea@staff.uni-marburg.de

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