Direkt zum Inhalt
 
 
Emotionsgrafik Georg Büchner Gesellschaft
 
  Startseite  
 
Sie sind hier:» Universität » Hosting » Georg Büchner Gesellschaft e.V. » Aktuelles » Nachrichten » Büchners Dinge
  • Print this page
  • create PDF file

29.09.2020

Büchners Dinge

Einladung zu Beitragsvorschlägen

 

Büchners Dinge

Jahrestagung der Büchner-Gesellschaft

28.-30.10.2021

Konzept und Organisation: Roland Borgards, Martina Wernli

Eine Veranstaltung der Büchner-Gesellschaft und Forschungsstelle Georg Büchner (Universität Marburg) sowie des Instituts für Deutsche Literatur und ihre Didaktik (Universität Frankfurt a.M.)

Veranstaltungsort: Goethe-Universität Frankfurt a.M.

 

Die Dinge sind im Zuge des ‚material turns‘ in den letzten Jahren zu einem zentralen Untersuchungsfeld der Literaturwissenschaften avanciert. Verbunden ist damit die Erschließung eines spezifischen Themen-, Motiv- oder Metaphernreservoirs, aber vor allem ein neues Verständnis der Dinge selbst: Dinge sind nicht nur passive Inskriptionsflächen für semantische Zuschreibungen, sondern oft auch voller Widerständigkeit oder gar geprägt von einer eigentümlichen Selbsttätigkeit, die von der Forschung mit Begriffen wie ‚Wirkmächtigkeit‘ oder ‚Agency‘ zu fassen versucht wird. Dies zielt indes nicht auf die Vorstellung einer reinen, von Bedeutungsprozessen völlig unabhängigen Materialität, sondern gerade auf die komplexen Verbindungen zwischen materiellen und semiotischen Vektoren, auf das, was Donna Haraway mit einer vielzitierten Formulierung  „material-semiotic nodes or knots” genannt hat. Literarische Texte beziehen sich auf solche Dinge in all ihren Dimensionen: als Metaphern, als Topoi, als Elemente der irritierenden Wider- und Eigenständigkeit, als komplexe Verschränkungen des Materiellen mit dem Semiotischen. Ausgehend von dieser Fülle an literarischen Ding-Dimensionen ist mittlerweile eine äußerst reichhaltige Forschung zu den Dingen der Literatur entstanden (vgl. die exemplarischen Hinweise unten in der Bibliographie).

Angesichts dieser Entwicklung ist es bemerkenswert, wie wenig bisher die Dinge bei Büchner in den Blick genommen wurden (vgl. lediglich zu Büchners Kleidern Bischoff 2009; zur „Materialität epistolarer Kommunikation“ Breuer 2014; zur „Materiality of Perception“ Smith 2017). Dies liegt gewiss nicht daran, dass die Dinge bei Büchner unwichtig sind. Im Gegenteil: Sie finden sich überall im Werk, von den Spielkarten in Danton’s Tod über die schmerzhaften Steine im Lenz bis zum Messer im Woyzeck, und sie berühren alle genannten Dimensionen. Vom Messer etwa sagt Louis/Woyzeck den markanten Satz: „Ich muß das Ding haben.“ (H1, 11) Als dieses „Ding“ ist das Messer ein Motiv, das in wiederkehrenden Formulierungen die Szenen rhythmisiert; es sperrt sich nach der Tat vor dem Verschwinden und wird damit zum Gegenspieler des Protagonisten; und es fordert Louis/Woyzeck zuvor sogar zur Tat heraus, wird zum treibenden Agenten der Handlung: Es ist (auch) das Ding, welches das ‚Muss‘, den unbedingten Wunsch erzeugt.

Vergleichbar komplexe Dingkonstellationen finden sich in allen Werken Büchners, von den Jugendschriften über die literarischen Texte bis zu den naturwissenschaftlichen Schriften und den Briefen. Begleitet werden sie von einer vielgestaltigen Auseinandersetzung mit Fragen des Materialismus, der für Büchner – damit hat sich die Forschung schon eingehender beschäftigt (vgl. Arnold 1981, Taylor 1986; Werner 1992; Dedner 2002, Horn 2013, Neumann-Rieser 2014; Stiening 2019) – aus philosophischer, politischer, ästhetischer und epistemologischer Perspektive von Bedeutung ist.

 

In der geplanten Jahrestagung der Büchner-Gesellschaft soll dieser Zusammenhang in all seinen Facetten abgeschritten werden. Mögliche Themen können sein:

·         Einzelne Dinge (Messer, Spielkarten, Steine, Schnupftücher, Knöpfe, Betten, Lupe, Botanisiertrommel, Papier, Feder, Hanf, etc.);

·         Grundlegende Analysen zu den Dingen in Büchners Texten, etwa zum Verhältnis von Materialität und Semiotizität bei Büchner oder zum Verhältnis zwischen einer Kultur- und einer Literaturgeschichte der Dinge;

·         Literaturhistorische vergleichende Dingforschung (z.B. romantische und vormärzliche Dingpoetiken im Vergleich; Dinge bei Büchner und N.N. – Johann Wolfgang Goethe, Sophie Mereau, Dorothea Schlegel, Rahel Varnhagen, Novalis, Ludwig Tieck, Bettina von Arnim, Heinrich Heine, Annette von Droste-Hülshoff, usw.).

·         Materialismus und Dinglichkeit bei Büchner;

·         usw. usf.

 

 

 

Auswahlbibliographie

Arnold, Heinz Ludwig: „Materialismus und Subjektivität in den Schriften Georg Büchners“. Georg Büchner, Bd. 3, ed. text + kritik, 1981, S. 35–62.

Bischoff, Doerte. „Büchners Kleider: vestimentäre Inszenierung und Materialität der Zeichen“. Georg-Büchner-Jahrbuch, Bd. 12, 2009-2012, S. 179–203.

Bischoff, Doerte. Poetischer Fetischismus. Der Kult der Dinge im 19. Jahrhundert. München: Wilhelm Fink Verlag 2013

Brown, Bill. Thing Theory. In: Critical Inquiry, 28/1, Things. (Herbst, 2001), S. 1–22.
Volltext: http://faculty.virginia.edu/theorygroup/docs/brown.thing-theory.2001.pdf

Brown, Bill. A Sense of Things. The Object Matter of American Literature. Chicago/London: The University of Chicago Press 2003

Daston, Lorraine (Hg.). Things that Talk. Object Lessons from Art and Science. New York 2004

Dedner, Burghard. „Kynische Provokation und materialistische Anthropologie bei Georg Büchner“. Societas rationis. Festschrift für Burkhard Tuschling zum 65. Geburtstag, herausgegeben von Dieter Hüning u.a., 2002, S. 289–309.

Horn, Peter. „Der mechanistische Materialismus und die Sinnlosigkeit der Welt in Büchners ‚Leonce und Lena‘“. Georg Büchner, hg. v. Barbara Neymeyr, Wiss. Buchges., 2013, S. 104–19.

Kimmich, Dorothee. Lebendige Dinge in der Moderne. Konstanz: Konstanz University Press 2011

Miller, Daniel (Hg.). Materiality. Durham/London: Duke University Press 2005

Neumann-Rieser, Doris. „‚Denn alle Kreatur braucht Hilf von allen‘: Materialismus und Revolution bei Brecht und Büchner“. Der Kreative Zuschauer. -  The Creative spectator, herausgegeben von Stephen Brockmann und Theodore F. Rippey, University of Wisconsin Press, 2014, S. 188–95.

Niehaus, Michael. Das Buch der wandernden Dinge. München 2009

Samida, Stefanie; Eggert, Manfred K.H.; Hahn, Hans Peter (Hg.). Handbuch Materielle Kultur. Bedeutungen – Konzepte – Disziplinen. Stuttgart: Metzler 2014

Scholz, Susanne; Vedder, Ulrike (Hg.): Handbuch Literatur & materielle Kultur. Berlin/Boston: De Gruyter 2018 (= Handbücher zur kulturwissenschaftlichen Philologie, Bd. 6)

Smith, Matthew Wilson. „Georg Büchner, J.M.W. Turner, and the Materiality of Perception“. Georg Büchner. contemporary perspectives, hg. v. Robert Gillet, Brill Rodopi, 2017, S. 344–54.

Stiening, Gideon: Literatur und Wissen im Werk Georg Büchners. Studien zu seinen wissenschaftlichen, politischen und literarischen Texten. Berlin 2019.

Taylor, Rodney F. „Georg Büchners materialist critique of rationalist metaphysics“. Seminar, Bd. 22, 1986, S. 189–205.

Werner, Hans-Georg. „Büchners aufrührerischer Materialismus: zur geistigen Struktur von ‚Dantons Tod‘“. Wege zu Georg Büchner. Internationales Kolloquium der Akademie der Wissenschaften (Berlin-Ost) 1988, hg. v. Henri Poschmann, Lang, 1992, S. 85–99.

 

Erbeten werden Abstracts von max. zwei Seiten und biobibliographische Angaben bis zum 16. November 2020 an Borgards@lingua.uni-frankfurt.de und wernli@lingua.uni-frankfurt.de

Zuletzt aktualisiert: 29.09.2020 · Eva-Maria Vering

 
 
 
Philipps-Universität Marburg

Georg Büchner Gesellschaft e.V., Wilhelm-Röpke-Straße 6B, D-35032 Marburg
Tel. +49 6421 28-24304, Fax +49 6421 28-24300, E-Mail: info@buechnergesellschaft.de

URL dieser Seite: https://www.uni-marburg.de/hosting/gbg/aktuelles/news/cfp2021

Impressum | Datenschutz