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Das Archiv der Philipps-Universität Marburg

Archiv
Blick in eines der Magazin des Universitätsarchivs. Vorne sind noch unverpackte Rechnungen, im Hintergrund bereits kartonierte zu sehen.

 

Im Universitätsarchiv Marburg werden fast 500 Jahre Universitätsgeschichte verwahrt. Die Akten der 1527 gegründeten Universität haben weitgehend ohne Schaden die manchmal auch zerstörerischen Zeitläufte überstanden: Kriege hinterließen keine nennenswerten Lücken im Bestand, an Feuersbrünsten ist nur ein Dachstuhlbrand im Landgrafenhaus 1927 zu beklagen, der einige Akten der Juristischen Fakultät vernichtete. Lediglich nicht immer gute Betreuung hinterließ ihre Spuren.

Seit dem 1. März 2006 betreut die Philipps-Universität Marburg ihr Archiv wieder selbst. Etwa 120 Jahre befanden sich die Urkunden und Akten in der Obhut des Hessischen Staatsarchivs Marburg. Die Kündigung des nicht mehr zeitgemäßen Depositalvertrags aus dem Jahr 1890 erfolgte einvernehmlich und eine neue vertragliche Regelung wurde gefunden. Die inzwischen 2,25 Regalkilometer Akten und Urkunden umfassenden Bestände sind weiterhin in den Magazinen des Hessischen Staatsarchivs Marburg am Friedrichsplatz untergebracht, die Archivalien werden im dortigen Lesesaal vorgelegt.

Urkunden und Akten aus 750 Jahren liegen in den Magazinen des Universitätsarchivs. Denn die Bestände sind zum Teil älter als die Universität selbst. Dieser wurden kurz nach ihrer Gründung 1527 die Besitzungen mehrerer säkularisierter Klöster übergeben und mit ihm die dazu gehörenden Urkunden. Die älteste stammt aus dem Jahr 1270, im 14. Jahrhundert setzt die Überlieferung der drei Marburger Stadtklöster ein und bildet den Grundstock des fast 500 Stücke umfassenden Urkundenbestands. Besonders hervorzuheben sind von den für die Universität ausgestellten Urkunden das Privileg Kaiser Karls V. von 1541 und das Privileg Landgraf Wilhelms VI., durch das 1653 die mit dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs nach Gießen verlegte Universität in Marburg wiedererrichtet wurde. Die Urkunden und ihre Siegel können als Digitalisate über die Archivdatenbank Arcinsys online benutzt werden.

Die Aktenüberlieferung setzt im 16. Jahrhundert ein und wird im späten 16. Jahrhundert dichter. Im stark benutzten Altbestand Rektor und Senat (Bestand 305a) sind die Angelegenheiten, die den Universitätsbetrieb direkt betreffen, dokumentiert. Neben den Generalia wären z. B. die vier Fakultäten und zahlreiche Institute sowie das angegliederte Pädagog, die Berufung von Professoren, die nicht wissenschaftlichen Lehranstalten (z. B. Reit- und Fechtunterricht) oder die Betreffe der universitätseigenen Gerichtsbarkeit zu nennen. Aber auch die Verwaltung und Vergabe von Stipendien sowie die Verwaltung des übergebenen Grundbesitzes ließen Schriftgut entstehen. Ein umfangreicher Rechnungsbestand (Bestand 305r) dokumentiert nicht nur die Gehaltszahlungen an die Professoren und andere Universitätsangehörige, den Unterhalt der durch die 1529 gegründete und bis heute bestehende Hessische Stipendiatenanstalt geförderten Studenten, Bücherkäufe, Promotionen (für die Gebühren fällig waren) und die staatlichen Zuschüsse, sondern ebenfalls auch die Verwaltung des übergebenen Grundbesitzes bis etwa 1860, so dass hier und in den dazugehörigen Akten (Bestand 306 Administrationskommission) auch orts- und regionalgeschichtliche Fragen geklärt werden können. In zwei Beständen (305n und 305o) befinden sich Nachträge aus verschiedenen Quellen als Ergänzung zu den oben genannten Beständen.

Heinemann Stundenplan
Belegbogen des späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann vom Sommersemester 1921 zum Zweck der Gebührenabrechnung (Best. 305m 2 Nr. 30)

Mit dem Übergang der Universität an Preußen 1866 und der sich im 20. Jahrhundert weiter ausdifferenzierenden Bürokratie auch im universitären Bereich sind hier immer umfangreichere Akten entstanden. Z. B. wurde für jedes Seminar, Institut oder Fachgebiet eine Akte angelegt, in der wesentliche Entwicklungsschritte dieser Einheiten nachvollzogen werden können, auch wenn die Überlieferung des Seminar oder Instituts selbst verloren gegangen ist. Durch eine große Aktenabgabe 2014/15 gelangten zahlreiche Akten vor allem aus der Nachkriegszeit in das Universitätsarchiv, so dass jetzt ein vollständiger Überblick über das Vorhandene möglich ist.

Die Marburger Universität wurde bei ihrer Gründung mit den vier Fakultäten Theologie, Jura, Medizin und Philosophie ausgestattet. Eine breitere Aktenüberlieferung setzt hier im 18. Jahrhundert ein, in der juristischen und der medizinischen Fakultät wurden aber bereits im 16. Jahrhundert Annalen geführt. Ein großer Teil der Fakultätsüberlieferung besteht aus Promotionsakten. Im Jahr 2006 wurde auch die schon verloren geglaubte Überlieferung der Juristischen Fakultät von etwa 1920 bis zur Aufhebung der Fakultät in das Universitätsarchiv überführt (Bestände 307a-e).

Mit der Umorganisation der Universität 1970/71 erfolgte die Auflösung der inzwischen fünf Fakultäten – 1964 war die Naturwissenschaftliche dazu gekommen – und die Einrichtung von zunächst 20, dann 21 Fachbereichen. Inzwischen sind durch Umorganisationen und Fächerschließungen noch 16 übrig (Bestände 307/1-21). Die weitgehende Umstrukturierung der Universitätsspitze 1970/71 rechtfertigt ebenfalls einen Abschluss der beiden alten Bestände Rektor und Senat (305a) sowie Kurator/Verwaltungsdirektor/Kanzler (310) und die Einrichtung der neuen Bestände Universitätsleitung/Präsidium (305f) und Konvent (305k), der der herausgehobenen Rolle dieses Gremiums gerecht wird. Sowohl von der Zentralverwaltung als auch von den Fachbereichen sind Akten abgegeben worden, die nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist von 30 Jahren, sofern es sich nicht um personenbezogenes und damit länger zu schließendes Schriftgut wie Prüfungs- oder Personalakten handelt, bereits benutzt werden können.

Da bis zur Verselbständigung des Universitätsarchivs im Jahr 2006 keine Akten unterhalb der Dekanatsebene übernommen wurden, können instituts- und lehrstuhlinterne Vorgänge nur in ihrem schriftlichen Niederschlag auf höheren Ebenen nachvollzogen werden. An verschiedenen Stellen in der Universität haben sich aber noch Akten gefunden, die einige Lücken schließen. So sind Teile der Überlieferung des Physikalischen Instituts, beginnend im späten 18. Jahrhundert, in die Obhut des Archivs übernommen worden, außerdem die Akten des inzwischen nicht mehr bestehenden Instituts für Heil- und Sonderpädagogik, Akten des Anatomischen Instituts, Überlieferung des innerhalb des Fachbereichs Geschichte angesiedelten Lichtbildarchivs, der Historischen Hilfswissenschaften und der Osteuropäischen Geschichte und des inzwischen ebenfalls geschlossenen Instituts für Rechtsgeschichte und Papyrusforschung, die bis in die 1960er Jahre und weiter zurück reichen. Eine umfangreiche Überlieferung des Instituts für Leibesübungen, eines der ältesten in Deutschland, kann eingesehen werden, ebenso zahlreiche Akten und Pläne aus dem Botanischen Garten, Unterlagen des Altphilologischen Seminars seit seiner Gründung vor gut 200 Jahren, des Fachgebiets Christliche Archäologie und weiterer inzwischen aufgelöster Einrichtungen wie der Rechtsmedizin, des Japanzentrum und des Geologisch-Paläontologischen Instituts. Hier sollen auch die Krankenakten aus dem Zeitraum von 1938 bis 1950 erwähnt werden, die ca. 38 lfd. m umfassen und den letzten Rest der älteren diesbezüglichen Überlieferung darstellen. Alle diese Akten sind in der Beständegruppe 308 zusammengefasst. Weitere Bestände von Instituten, Seminaren und Fachgebieten finden Sie in der Recherchedatenbank Arcinsys. Es lohnt auch eine Nachfrage im Archiv, da nicht alle Bestände bereits in dieser Datenbank erschlossen sind.

Aber nicht direkt zur Universität gehörende Einrichtungen und Institute geben ihre Akten an das Universitätsarchiv ab, sondern auch solche aus dem Umfeld, wie z. B. das Studentenwerk, der ASTA oder die nicht mehr bestehenden Deutsche Burse, deren Aktenbestand vermischt ist mit dem wissenschaftlichen Nachlass ihres umstrittenen Leiters Prof. Mannhardt.

Natürlich gehören auch Vorlesungs- und Personalverzeichnisse zu den Beständen des Universitätsarchivs ebenso wie die Druckschriften der Universität, z. B. Chronikbände, alle Ausgaben der zwischen 1972 und 1998 erschienenen Marburger Universitätszeitung, alle Ausgaben der vom Universitätsbund herausgegebenen Alma Mater Philippina, alle bislang erschienenen Nummern des 1999 begründeten UniJournals oder auch die vorrangig für den Dienstgebrauch bestimmten Mitteilungen der Philipps-Universität Marburg. Neben mehreren eher nach dem Zufallsprinzip entstandenen Flugblattsammlungen, die in den ganz späten 1960er Jahren einsetzen, haben größere Teile der ASTA-Überlieferung von seiner Gründung in den Nachkriegsjahren bis weit in der 1980er Jahre, in denen ebenfalls sehr viele Flugblätter zu finden sind, ihren Weg in die Magazine am Friedrichsplatz gefunden, eine sicher wichtige Quelle zur Erforschung der Studentenbewegung.

Rechnung
Ökonomierechnung der Universität aus dem Jahr 1617: Abrechnung der Professorenbesoldung für ein Quartal (Best. 305r 1 Nr. 75)

Nachrichten über die Professoren der Marburger Universität bietet, verbunden mit dem Nachweis archivalischer Quellen, der Catalogus Professorum Academiae Marburgensis, der in drei gewichtigen Bänden den Zeitraum von 1527 bis 1991 abdeckt. Seit seiner Verselbständigung übernimmt das Universitätsarchiv auch Professorennachlässe, die bis dahin entweder in die Universitätsbibliothek oder an das Staatsarchiv gingen. Inzwischen liegen über 50 in den Regalen des Archivs, einige von ihnen wurden von der Universitätsbibliothek abgegeben.

Bei der Suche nach Nachrichten über ehemalige Studenten der Universität, die die meisten Anfrage an das Archiv ausmachen, ist an erster Stelle die Matrikel zu nennen, die bis auf eine Lücke in der Spätphase des Dreißigjährigen Krieges vollständig überliefert und bis zum Jahr 1830 auch im Druck zugänglich ist. Ab dem Sommersemester 1917 geben die Belegbögen, die von den Studenten in jedem Semester zur Gebührenberechnung eigenhändig ausgefüllt werden mussten, Informationen über die besuchten Veranstaltungen. Ihre Unterkunft in Marburg ist hier und in den ab 1857 im Universitätsarchiv, bereits ab 1823 in der Universitätsbibliothek vorhandenen Personalverzeichnissen semesterweise nachvollziehbar. Die Edition der Matrikel bis 1830 und die Personalverzeichnisse vom Sommersemester 1823 an sind mittlerweile online auf der Homepage des Uniarchivs einsehbar. Haben die Gesuchten in Marburg promoviert, so finden sich etwa ab der Mitte des 19. Jahrhunderts bei den Fakultäten die Promotionsakten mit weiteren Angaben zu Lebenslauf und Studium. In der Theologischen Fakultät sind außerdem die Unterlagen der Kandidatenprüfungen seit dem späten 18. Jahrhundert überliefert.

Erste Informationen, auch für die abgebenden Stellen in der Universität, bietet die Homepage des Archivs. Durch den dort möglichen Zugriff auf die Datenbank Arcinsys (Archiv-Informations-System) sind die Benutzer immer auf dem aktuellen Stand der hoffentlich zügig voran schreitenden online-Erschließung der Universitätsbestände. Arcinsys hat die alte Datenbank HADIS zum Jahresbeginn 2015 abgelöst. Seitdem erfolgt auch die Registrierung der Benutzer online über diese Archivdatenbank, die aber nur erforderlich ist, wenn ein Besuch im Archiv geplant ist oder Kopien bestellt werden sollen.

 

Katharina Schaal




 

 


 

 

 

Zuletzt aktualisiert: 03.03.2016 · Dr. Carsten Lind, Universitätsarchiv, 06421-9250176

 
 
Philipps-Universität Marburg

Archiv der Philipps-Universität Marburg, Friedrichsplatz 15 (im Hessischen Staatsarchiv Marburg), 35037 Marburg
Tel. +49 6421/9250-176, Fax +49 6421/161125, E-Mail: uniarchiv@verwaltung.uni-marburg.de

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