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Büchners Pflanzen (cfp)

Jahrestagung der Georg Büchner Gesellschaft e.V.

17.-19.11.2022

Konzept und Organisation: Roland Borgards, Frederike Middelhoff

Eine Veranstaltung der Georg Büchner Gesellschaft e.V. und der Forschungsstelle Georg Büchner (Universität Marburg) sowie des Instituts für Deutsche Literatur und ihre Didaktik (Universität Frankfurt a.M.)

Veranstaltungsort: Goethe Universität Frankfurt a.M.

Einladung zu Beitragsvorschlägen

Komplementär und zum Teil in kritischer Abgrenzung zu den Animal Studies hat sich in den vergangenen zehn Jahren das Forschungsfeld der ‚Literary and Cultural Plant Studies‘ herausgebildet (vgl. u.a. Stobbe 2019; Kranz/Jacobs 2017). Grundlegend für diesen Forschungsansatz, der auch im deutschsprachigen Raum mittlerweile Fuß gefasst hat, ist eine Revision der Rolle, die den Pflanzen und dem Vegetabilen im Allgemeinen herkömmlich zugebilligt wird. Statt Pflanzen auf ihre Symbolhaftigkeit (‚Blumensprache‘) zu reduzieren oder sie ausschließlich als ‚grüne Hintergrundflächen‘ für allzu-menschliche Handlungen zu begreifen – und damit einer in westlichen Kulturkreisen ausgeprägten „plant blindness“ (Wandersee/Schussler 1999) bzw. einem „plant bias“ (Montgomery 2021) aufzusitzen –, fragen die Plant Studies u.a. nach der kunst- und kulturtheoretischen, poetologischen, materialitäts-, kultur- und wissensgeschichtlichen Relevanz von Pflanzen (vgl. u.a. Ryan 2012; Laist 2013; Kranz et al. 2016; Aloi 2019; Heimgartner et al. 2020). Ausgehend von einer (neuen) Theorie des Vegetabilen (vgl. u.a. Marder 2013; Vieira et al. 2016; Coccia 2018), die der existenziellen Bedeutung von Pflanzen für andere menschliche und nicht-menschliche Lebensformen (z.B. in puncto Sauerstoffproduktion und Ernährung) sowie für kulturelle Phänomene (nicht von ungefähr leitet sich ‚Kultur‘ von colere für ‚Ackerbau betreiben‘, ‚bebauen‘, ‚bestellen‘ ab) und Artefakte (z.B. für die Papier-, Leinwand-, Farbproduktion) Rechnung trägt, kann der historisch situierte Kontext, der Stellenwert, die Handlungs- und Wirkungsmacht (Agency) sowie das komplexe Funktionsspektrum von Pflanzen in literarischen Texten neu ausgelotet werden.

Trotz dieser Entwicklung hat sich bisher die Büchner-Forschung bis auf wenige Ausnahmen (s. z.B. die Kommentare zu einzelnen Pflanzen in der MBA sowie Stiening 2019) noch wenig mit Pflanzen und die literaturwissenschaftliche Pflanzenforschung offenbar noch gar nicht mit Büchner beschäftigt. Dabei sind Pflanzen in Büchners Texten keinesfalls eine Seltenheit. So beginnt etwa Leonce und Lena mit der Szenenanweisung „Ein Garten“. Im Drama folgen dann Hinweise auf Gras, Rosen, Bohnen, Kirschen, Oleander, Rosmarin, Trauben, Myrten, Kuckucksblumen, Bäume, Hecken, Reben, Tulpen, Stroh, Blatt, Blüte, Staubfäden, Halm, Stamm, Tannenzweige, Baum und Wald, bis hin zum großen Finale mit einer „Blumenuhr“, die ihre Stunden nach „Blüte und Frucht“ misst, und mit einem Spiegelsaal, in dem Leonce und Lena „das ganze Jahr zwischen Rosen und Veilchen, zwischen Orangen und Lorbeern stecken“ wollen. Und auch in den anderen Texten Büchners spielen Pflanzen immer wieder eine zentrale Rolle: die Agrarpolitik (und Agrarmetaphorik) im Hessischen Landboten (dessen Manuskript Büchner zudem in seiner Botanisiertrommel versteckt von Gießen zum Drucker nach Offenbach schmuggelte); die Wald- und Gebirgsszenen im Lenz; die unheimlichen Pflanzenfigurationen im Woyzeck: „Haben sie schon gesehen was für Figuren die Schwämme auf dem Boden wachsen? Wer das lesen könnt.“ Und in seiner „Probevorlesung“ vom November 1836 wiederum zeigt Büchner, dass er mit der Botanik seiner Zeit im Allgemeinen, mit Goethes Theorie zur „Metamorphose der Pflanze aus dem Blatt“ im Speziellen vertraut war.

In der geplanten Jahrestagung der Georg Büchner Gesellschaft e.V. soll dieser Zusammenhang in all seinen Facetten und in allen Texten Büchners (Flugschrift, Dramen, Novelle, Briefe, naturwissenschaftliche und philosophische Schriften, Schulschriften) abgeschritten werden.

 Mögliche Themen in Bezug auf Büchners Werk, die sich als Vorschläge verstehen, könnten sein:

  • Einzelne Pflanzen/Pflanzenarten; 
  • das Verhältnis von Pflanzen und Theatralität; 
  • das Verhältnis von pflanzlicher Semiotizität und Materialität;
  • Fragen der Wissensgeschichte der Pflanzen bzw. der Botanik, Pflanzengeographie, Phytomedizin usw. (und Büchners Position in einer solchen Wissensgeschichte);
  • das Verhältnis von Vegetabilität und Animalität (u.a. vor dem Hintergrund der vergleichenden Anatomie) sowie das Verhältnis von Vegetabil-Organischem und Mineralisch-Anorganischem;
  • Literaturhistorische vergleichende Pflanzenforschung (z.B. romantische und vormärzliche literarische Pflanzen im Vergleich); 
  • komparatistische Perspektiven (viele Impulse aus der Botanik kamen aus dem französischsprachigen Raum); 
  • Pflanzen bei Büchner und N.N. – J.W. Goethe, B. Brentano/von Arnim, L. Tieck, F. v. Hardenberg (Novalis), Sophie Mereau, K. v. Günderrode, H. Heine…

Bitte senden Sie Ihre Beitragsvorschläge (max. 400 Wörter) und kurze biobibliographische Angaben zu Ihrer Person in einer Datei an middelhoff@em.uni-frankfurt.de und borgards@lingua.uni-frankfurt.de. Einsendeschluss für Abstracts ist der 01.03.2022. Bei Rückfragen genügt eine Mail an die Organisator:innnen.

Bibliographie

Aloi, Giovanni (Hg.): Why Look at Plants? The Botanical Emergence in Contemporary Art. Leiden/Boston: Brill 2019.

Büchner, Georg: Sämtliche Werke und Schriften. Historisch-kritische Ausgabe mit Quellendokumentation und Kommentar (Marburger Ausgabe), hg. v. Burghard Dedner. Darmstadt 2000ff.

Büchner, Georg: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in zwei Bänden, hg. v. Henri Poschmann unter Mitarbeit von Rosemarie Poschmann. Frankfurt am Main 1992 u. 1999.

Coccia, Emanuele: Die Wurzeln der Welt. Eine Philosophie der Pflanzen [2016]. Aus dem Französischen von Elsbeth Ranke. München: Hanser 2018.

Heimgartner, Stephanie, Solvejg Nitzke, Simone Sauer-Kretschmer (Hg.): Baum und Text. Neue Perspektiven auf verzweigte Beziehungen. Berlin: Bachmann 2020.

Jacobs, Joela und Isabel Kranz: Einleitung: Das literarische Leben der Pflanzen: Poetiken des Botanischen. In: Literatur für Leser 40 (2017), S. 85-89.

Kranz, Isabel, Alexander Schwan, Eike Wittrock (Hg.). Floriographie: Die Sprache der Blumen. Paderborn: W. Fink 2016.

Laist, Randy (Hg.): Plants and Literature: Essays in Critical Plants Studies. Amsterdam, New York: Rodopoi, 2013.

Marder, Michael: Plant-Thinking. A Philosophy of Vegetal Life. New York: Suny Press 2013.

Montgomery, Beronda L. Lessons from Plants. Cambridge, MA: Harvard University Press 2021.

Ryan, John Charles: Passive Flora? Reconsidering Nature’s Agency through Human-Plant Studies (HPS). In: Societies 2012, S. 101-121.

Stiening, Gideon: Kosmologische Politik für Lenas vegetabile Seele. In: Ders.: Literatur und Wissen im Werk Georg Büchners. Studien zu seinen wissenschaftlichen, politischen und literarischen Werken. Berlin, Boston: DeGruyter 2019, S. 649-653.

Stobbe, Urte: Plant Studies: Pflanzen kulturwissenschaftlich erforschen – Grundlagen, Tendenzen, Perspektiven. In: Kulturwissenschaftliche Zeitschrift 4/1 (2019), S. 91-106.

Vieira, Patrícia, Monica Gagliano, John Ryan (Hg.): The Green Thread. Dialogues with the Vegetal World. New York: Lexington 2016.

Wandersee, James H. und Elisabeth E. Schussler: Preventing Plant Blindness. In: The American Biology Teacher 61 (1999), S. 82–86.