30.03.2026 Leben mit bipolarer Störung: „Ihr seid nicht allein!“
Einblicke in das Leben und den Umgang mit einer bipolaren Störung zum World Bipolar Day am 30. März.
Wir freuen uns sehr, dass uns in diesem Jahr zum Welttag der Bipolaren Störung am 30. März einer unserer Expert*innen mit gelebter Erfahrung* Einblicke in das Leben und den Umgang mit einer bipolaren Störung gibt.
*Expert*innen mit gelebter Erfahrung sind Menschen, die selbst mit einer bestimmten Erkrankung leben, oder deren Partner*innen, Angehörige, oder Freund*innen betroffen sind.
Zum Einstieg in die Thematik fasst Prof. Dr. Irina Falkenberg, Klinikerin und Expertin zum Thema Bipolare Störungen, sowie Projektleitung in den SFB/TRR 393 Projekten A06 und RTG, die wichtigsten Fakten zu dieser Erkrankung zusammen:
Die bipolare Störung ist eine psychische Erkrankung, von der etwa 1–2 % der Bevölkerung betroffen sind. Bei der bipolaren Störung schwankt die Stimmung ungewöhnlich stark zwischen verschiedenen Extremen. Betroffene erleben sowohl Phasen der Depression mit Symptomen wie gedrückter Stimmung, Antriebslosigkeit, Schlafstörungen und verminderter Freudfähigkeit, als auch Phasen der Manie oder Hypomanie. In diesen Zeiten sind sie oft ungewöhnlich energiegeladen, brauchen wenig Schlaf, fühlen sich übermäßig selbstsicher, sind sehr aktiv oder treffen riskante Entscheidungen. Zwischen diesen Episoden können viele Menschen über längere Zeit eine stabile Stimmung haben.
Die Ursachen der bipolaren Störung sind komplex. Meist spielen mehrere Faktoren zusammen: eine genetische Veranlagung, Veränderungen in der Regulation von Botenstoffen im Gehirn sowie belastende Lebensereignisse oder Stress. Wichtig zu wissen ist, dass die Erkrankung nichts mit persönlicher Schwäche zu tun hat. Sie ist eine medizinisch gut beschriebene und behandelbare Erkrankung.
Die Behandlung besteht in der Regel aus mehreren Elementen. Medikamente wie sogenannte „Stimmungsstabilisierer“ helfen, starke Stimmungsschwankungen zu verhindern. Ergänzend unterstützen psychotherapeutische Verfahren dabei, Frühwarnzeichen zu erkennen, mit Stress umzugehen und einen stabilen Alltag zu gestalten. Auch regelmäßiger Schlaf, strukturierte Tagesabläufe und Unterstützung durch Familie oder soziale Netzwerke spielen eine wichtige Rolle.
Mit einer guten Behandlung können viele Betroffene ein erfülltes und erfolgreiches Leben führen. Entscheidend ist eine frühzeitige Diagnose, denn nur dann kann auch die passende Behandlung rechtzeitig eingeleitet werden was sich nachweislich positiv auf den weiteren Verlauf der Erkrankung auswirkt. Aufklärung über die bipolare Störung kann dazu beitragen, Vorurteile und Stigmatisierung zu verringern. Dadurch werden Symptome häufiger früher erkannt, Diagnosen eher gestellt und wirksame Therapien können rechtzeitig beginnen.
„Leben mit bipolarer Störung“ – Interview mit einem Experten mit gelebter Erfahrung
Wann und wie haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass „etwas anders“ ist mit Ihrer Stimmung?
Ich habe bereits in der Schulzeit immer wieder gemerkt, dass ich Stimmungen unterworfen bin, insbesondere depressiven Stimmungen. An manische Episoden in der früheren Kindheit kann ich mich nicht erinnern. Die erste manische Phase habe ich in einem Austauschjahr in Amerika erlebt, welche mit Angstzuständen und Verfolgungswahn endete. Ich habe damals vermutet, dass ich daran selber schuld bin und durch eine bessere Lebensführung vermeiden kann, dass dies erneut geschieht. Ich habe deshalb in den Jahren danach versucht, Erlebnisse und Umgebungen zu vermeiden, welche meine Stimmung stark beeinflussen.
Wie hat die Erkrankung Ihren Alltag beeinflusst (z. B. Arbeit/Studium, Familie, Freundschaften)? Wie haben Menschen in Ihrem Umfeld (privat oder beruflich) auf die Diagnose reagiert?
Mein Alltag war oft dadurch geprägt, dass meine Stimmungen meine Konzentrationsfähigkeit, sowie meine Fähigkeit, mich auf andere Menschen einzustellen, stark beeinflusst hat. Dies führte dazu, dass meine Wahrnehmung anderer Menschen und meiner gesamten Umgebung stark von dem jeweiligen Stimmungszustand abhängig war. Dies hat alle Lebensbereiche relativ stark beeinflusst, weil ich für andere Menschen sicherlich immer ein wenig unberechenbar war. Diese sind damit sehr unterschiedlich umgegangen (von Unterstützung bis zu Kontaktabbruch). Meine Eltern haben die Erkrankung oft und lange verleugnet, phasenweise den Kontakt vollständig abgebrochen. Meine Familie (meine Frau und mein Sohn) sind eine unbeschreiblich großartige Ressource, ich habe zu ihnen vollkommenes Vertrauen, so dass ich deren Rückmeldung über Schwankungen in die eine oder andere Richtung gut annehmen kann. Freunde haben ebenfalls sehr unterschiedlich reagiert, eine ganze Reihe von Freundschaften sind an der Erkrankung gescheitert, andere haben sich durch ein tiefgreifendes Verständnis vertieft.
Bei Arbeit und Studium habe ich in den guten Phasen deutlich mehr gearbeitet, weil ich wusste, dass ich Zeiten erleben würde, in denen ich dazu nicht in der Lage sein werde.
Wie erleben Sie depressive Phasen im Vergleich zu manischen oder hypomanen Phasen? Welche typischen Anzeichen gibt es für Sie?
Die hypomanen Phasen sind am langen Ende meist mit negativen Konsequenzen verbunden - sie sind jedoch, wenn man sie gerade erlebt, ausgesprochen angenehm und geprägt durch ein übertriebenes Selbstvertrauen und Zutrauen in eigene Fähigkeiten. Im Gegensatz dazu sind depressive Phasen zumeist ungefährlich, weil ich mich in diesen Phasen in aller Regel extrem zurückziehe, sehr wenig soziale Kontakte habe und nahezu keine Entscheidungen treffe und (aus Angst) sehr wenig Geld ausgebe. Die Anzeichen dafür sind: extreme Unlust, morgens aufzustehen, Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen, generelles Desinteresse an auch sonst für mich hoch interessanten Themen und Menschen, Unlust, mich zu bewegen.
Welche Strategien oder Routinen helfen Ihnen im Alltag, stabil zu bleiben?
Folgende Strategien und Routinen haben mir bei der Bewältigung der Erkrankung sehr stark geholfen:
- Struktur im Tagesablauf, d.h. jeden Morgen aufstehen, auch wenn dies gegen erhebliche Widerstände erfolgt. Wenn irgend möglich, bringe ich meinen Sohn morgens zur Schule und mache ihm Frühstück. Dies vermittelt mir, selbst in depressiven Phasen, stets ein Gefühl von Befriedigung, dass ich meine Aufgaben als Vater wahrnehmen kann.
- Regelmäßige Bewegung - auch bei Unlust dazu. Bewegung führt nach meiner Erfahrung nahezu immer dazu, dass sich die Stimmung aufhellt.
- Disziplinierter Umgang mit Geld.-In den depressiven Phasen habe ich immer Angst vor Verarmung, diese Strategie hilft dabei, diese Angst erheblich zu reduzieren.
Welche Rolle spielen Angehörige und Freunde – was hat Ihnen gutgetan, was war schwierig?
Insbesondere die Ablehnung durch meine Eltern hat mich teilweise stark belastet, ist jedoch durch die großartige Unterstützung meiner Frau und meines Sohnes mehr als kompensiert worden.
In Bezug auf die Reaktion der Freunde war die Belastung deutlich geringer, weil mein Bedürfnis nach sozialem Kontakt insgesamt stark abgenommen hat.
Mein behandelnder Arzt ist der beste, den ich jemals hatte, und unterstützt mich in vielfältiger Weise.
Insgesamt empfinde ich eine große, aufrichtige Dankbarkeit für die große Unterstützung, die ich immer wieder erhalte und Freude, aus dieser Krankheit (auch durch dieses Projekt) etwas machen zu können, was mir Freude, Sinn und Befriedigung vermittelt.
Eine ganz erhebliche Unterstützung ist es, in depressiven Phasen von Menschen, denen ich vollkommen vertraue, zu erfahren, dass dies nur eine Phase ist, die irgendwann auch wieder beendet ist.
Haben Sie Erfahrungen mit Vorurteilen gemacht? Was war belastend, was hat geholfen?
Für mich war die Akzeptanz der Krankheit und die Unterstützung der großartigen Menschen in meiner Umgebung der größte Schutz vor der Angst vor Ablehnung und Vorurteilen. Ich habe für mich gelernt, dass eben nicht alle Menschen mit meiner Erkrankung umgehen können, und dass eben auch nicht alle, von denen ich das gedacht hätte, wahre Freunde sind.
Was hat Sie motiviert, sich für Forschung und/oder unseren SFB einzusetzen?
Für mich ist die Teilnahme an diesem Projekt in mehreren Dimensionen eine sehr heilende und angenehme Erfahrung: zum einen vermittelt es mir einen Sinn, andere Menschen, die gleiche oder ähnliche Erkrankungen haben, zu unterstützen. Eine solche Unterstützung hätte ich mir in meinen stark depressiven Phasen vor 30 Jahren gewünscht, doch diese war damals noch nicht verfügbar, und wird heute durch die Möglichkeiten des Internets, der damit verbundenen Möglichkeit, nahezu unbegrenzt zu recherchieren und Ressourcen für sich zu entdecken, ganz erheblich erleichtert. Des Weiteren macht es mir Freude, die in meiner eigenen Dissertation erlernten wissenschaftlichen Methoden in diesem Projekt wiederzufinden und darüber zu einem tieferen Verständnis des Projektes und seinen Zielen zu gelangen.
Welche Botschaft möchten Sie anderen Betroffenen und/oder deren Angehörigen mitgeben?
Ich möchte allen Betroffenen und deren Angehörigen die Botschaft mitgeben: Ihr seid nicht allein. Es gibt viele Menschen, die davon betroffen sind. Ablehnung und Vorurteile gehören nun einmal leider zum Leben dazu und werden durch die Unterstützung und Anteilnahme anderer Menschen oft mehr als kompensiert. Heilung und Umgang mit der Erkrankung funktionieren nach meiner Erfahrung nicht (wie ich zunächst vermutete) mit einem großen Wurf (einer neuen Medikation oder einer neuen Therapieform), sondern durch die Summe vieler kleiner Gewohnheiten.
Die Qualität der behandelnden Ärzte ist extrem unterschiedlich, ich habe von Totalausfall bis hin zu bestmöglicher Unterstützung (jetzt) nahezu alles erlebt. Es gibt eben leider auch Ärzte, die - sobald sie von dieser Diagnose hören - das Gespräch nach weniger als 5 Minuten damit beenden, dass sie die dafür üblichen Medikamente verschreiben.
Ich kann nur jeden motivieren, weiter zu suchen, einen Behandler zu finden, welcher Empathie, Verständnis und Kompetenz einbringt. Nach meiner persönlichen Erfahrung ist ein behandelnder Arzt, welcher diese Eigenschaften mitbringt, ein Segen für den weiteren Verlauf der Erkrankung.
Wir bedanken uns von Herzen für Ihre Offenheit und Zeit! Gibt es noch etwas, das Sie sagen möchten?
Ich habe es als enorm heilsam erlebt, im Rahmen dieses Projektes über meine Erkrankung zu sprechen und hier viel Empathie, Kompetenz und Anerkennung zu finden. Ich kann nur jeden ermutigen, solche Foren zu nutzen, um die eigene Erkrankung besser kennenzulernen und im Austausch mit anderen zu einem neuen Umgang damit zu kommen.
Weitere Informationen, Unterstützungsangebote und Kontaktadressen zum Thema Bipolare Störungen finden Sie auf der Website der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen e.V. unter www.dgbs.de.
Mehr Informationen über unseren Forschungsverbund SFB/TRR 393 finden Sie unter info.sfb-trr393.de.