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Schiitische Schreinkomplexe und ihre Sammlungen 

Kabinette der Kuriositäten, religiöse Objekte und die Entwicklung moderner Museen im Iran - Leila Tavangar Ranjbar

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Foto: Georg Dörr

Das Teilprojekt zu schiitischen Schreinkomplexen und ihren Sammlungen fokussiert auf das Thema von Musealität, Religion und Materialität im schiitischen Raum Irans. Der materielle Aspekt religiöser islamischer Kultur ist im schiitischen Bereich besonders bedeutsam: Dort liegt eine religiöse Praxis vor, für die zahlreiche Bilddarstellungen, Prozessionen und der Besuch von heiligen Orten und Schreinen charakteristisch ist. Seit dem 16. Jahrhundert wurden bedeutende Schreine zu Pilgerzentren ausgebaut und mit umfangreichen Stiftungen, auch von wertvollen Einzelobjekten, beschenkt (Rizvi 2009, 2001). Neben Kunstsammlungen an herrscherlichen Höfen entstanden somit im Laufe der Frühen Neuzeit Sammlungen von Objeken verschiednster Provenienz und Zielsetzung an den großen schiitischen Schreinkomplexen wie Ardabil, Mashad oder Qom. Neben Handschriften und Koranexemplaren fanden sich dort Geschenke und Stiftungsobjekte von Pilgern und Patronen sowie religiöse Kult- und Ritualobjekte. Auf Grund ihres Wertes oder ihrer Ästhetik wurden diese Objekte auch nach dem Ende ihrer aktiven Nutzung, aufbewahrt. Im schiitischen Bereich sind das u.a. Leuchter, Lampen und Objekte, die Prozessionen und Trauerrituale begleiten, wie Prozessionsstandarten, aber auch z.B. Musikinstrumente (Husaini 2012). Diese vormodernen Sammlungen von Objekten, die teils einen Nutz- teils einen Ritualcharakter aufweisen, wurden im Prozess der Modernisierung im 20. Jahrhundert in Museen nach westlichem Vorbild umgebaut oder in staatliche Museen, die nach westlichem Vorbild gestaltet wurden, integriert. Das Projekt sucht diese Wandlungsprozesse und die sich verschiebende Wahrnehmung solcher Objekte innerhalb der schiitischen religiösen Kultur zu beschreiben, zu deuten und zu verstehen. Dafür werden Fragen nach Präsentation und Wahrnehmung von religiösen Objekten behandelt. Analysiert wird, welche Unterschiede es macht, ob ein religiöses Objekt in einem sakral-religiösen Kontext (wie z.B. im Museum des Schreins in Mashad) oder in einem säkularisierten Museum (wie z.B. in der Islamabteilung des iranischen Nationalmuseums) gezeigt wird. Gefragt wird auch, welche Objekte ausgestellt und welche im Magazinbereich verwahrt werden. Mit Blick auf die Besucher*innen der Sammlungen in Iran beschäftigt sich das Projekt damit, wie diese auf religiöse Objekte im Kontext von archäologisch, kunsthistorisch oder ethnologisch ausgerichteten Ausstellungen reagieren.