Geschichte der Marburger Anatomischen Sammlung
Seit nahezu 15 Jahren ist die historische anatomische Lehrsammlung
am Fachbereich
Humanmedizin der Philipps-Universität, in der regelmäßig Führungen
und Demonstrationen anatomischer Präparate durchgeführt werden, für die
Öffentlichkeit zugänglich. Eingebettet in den medizinhistorischen
Kontext des 19. Jahrhunderts und aufbauend auf einem ausgedehnten
Fundus makroskopisch- und mikroskopisch-anatomischer, embryologischer und vergleichend-anatomischer
Präparate aus zwei Jahrhunderten anatomischer Forschung wird in fünf
thematisch unterschiedlich ausgerichteten Räumen die komplexe Struktur
des menschlichen und tierischen Organismus und die Entwicklung seiner
Erforschung dokumentiert.
Die Marburger Anatomie kann wie die Universität auf eine lange
Tradition zurückblicken: bereits einer der ersten Ordinarien der
Medizin, Johannes Eichmann (gräzisiert Dryander, 1500-1560), führte zwischen
1535 und 1558 öffentliche Sektionen durch, die der Genehmigung des
Landgrafen bedurften. Das Collegium medicum war seit der Universitätsgründung im ehemaligen
Franziskanerkloster am Barfüßertor untergebracht und blieb dort für
fast 250 Jahre. Hier wurde die Ausbildung der Medizinstudenten durch
wechselnde Ordinarien durchgeführt, bis im Jahre 1786 das Theatrum
anatomicum des in Kassel aufgelösten Collegium Carolinum nach Marburg
verlegt wurde, nachdem der in Kassel wirkende berühmte Christian
Heinrich Bünger Anatom und Naturforscher Samuel Thomas Soemmerring (1755-1830) nach Mainz
berufen worden war. Das Kasseler Gebäude wurde an der Marburger
Ketzerbach in der Nähe der Elisabethkirche wieder aufgebaut und beherbergte die
Anatomie bis zum Umzug 1842 in einen Neubau am gleichen Standort (heute
Pharmazeutisches Institut).
In der napoleonischen Zeit Anfang des 19. Jahrhunderts wurde nach
Auflösung der Universität Helmstedt der Anatom Ernst Bartels
(1778-1838) nach Marburg berufen, der seinen Schüler Christian Heinrich
Bünger (1782-1842) mitbrachte. Bartels verließ Marburg bereits nach
einem Jahr, Bünger blieb jedoch als Prosektor und ab 1812 als Direktor des Anatomischen Instituts bis zu
seinem Tode im Jahre 1842.
(Abb. rechts: Christian Heinrich Bünger, der Begründer der Marburger
Anatomischen Sammlung (Ölgemälde im Besitz des Anatomischen Instituts,
Künstler unbekannt))
(Abb. unten: Skelett eines riesenwüchsigen Mannes aus der Helmstädter
Anatomie, im Marburger Katalog von 1811 mit der Bezeichnung "Langer
Anton" versehen.)
Bünger fand bei seinem Amtsantritt
nur einige wenige, teilweise schlecht erhaltene Stücke einer
anatomischen Sammlung vor, einige Präparate kamen aus dem Besitz
Soemmerings, andere waren von Bartels aus Helmstedt mitgebracht worden.
Büngers Sammelleidenschaft und seinem meisterhaften präparatorischen
Geschick ist es zu verdanken, dass während seiner Amtszeit eine der
schönsten und umfangreichsten Sammlungen Deutschlands entstand. Er trug
etwa 3000 Präparate zusammen und stellte einen großen Teil von diesen
selbst her. Viele Stücke aus der Büngerschen Sammlung sind bis heute im
Museum zu bewundern.
Büngers Nachfolger Franz Ludwig Fick (1813-1858) und Friedrich Matthias
Claudius (1822-1869) komplettierten die Sammlung u.a. durch eine
Auswahl von Rassenschädeln und eine große Anzahl von Präparaten zur Morphologie des Innenohres.
1867, nach der Übernahme der Universität durch die preußische
Verwaltung, wurde aus Berlin der Anatom Nathanael Lieberkühn
(1821-1887) berufen, dessen Spezialgebiet die Entwicklungsgeschichte
war. Mit seinem Freund und Kollegen Guido Richard Wagener (1822-1896) sowie seinen
Schülern Hans Strahl (1857-1920) und Emil Gasser (1847-1919) begründete
dieser die "Marburger Anatomenfamilie", die sich insbesondere auf dem
Gebiet der Embryologie einen Namen machte. Ergebnis der gemeinsamen
Arbeit war eine umfangreiche histologische Schnittsammlung menschlicher und
tierischer Embryonen, die ebenfalls noch heute Teil der
Sammlung ist.
1887 folgte Gasser seinem Lehrer Lieberkühn auf den Lehrstuhl und
setzte bei seinen Berufungsverhandlungen den aus Platzmangel dringend
notwendig gewordenen Institutsneubau durch. Der Bau direkt neben dem
1880 errichteten Pathologischen Institut am Mühlgraben in der "Unteren
Rosenstraße" (heute Robert-Koch-Straße) wurde im Jahre 1902
fertiggestellt und bot genug Platz für Unterricht, Forschung und die
anatomische Sammlung. Gasser, ein publikumsscheuer Junggeselle, war
zwar wissenschaftlich nicht so bedeutend wie seine damaligen
Fakultätskollegen Kossel und Behring, schuf jedoch während seiner Amtszeit eine
erwähnenswerte Reihe von Unterrichtsmaterialien, die der anatomischen
Sammlung einverleibt wurden. Gasser führte die embryologische Tradition fort, während die
Interessen seines Nachfolgers Ernst Göppert (1866-1945) eher auf
vergleichend-anatomischem Gebiet lagen.
Nach dem ersten Weltkrieg gab es nur noch wenige Neuzugänge in der
Sammlung. Das Interesse an der Herstellung von makroskopischen
Präparaten war in den darauffolgenden Jahren nicht mehr sehr groß, man
wandte sich mehr und mehr der histologischen und zytologischen Forschung zu. Im zweiten Weltkrieg
blieb das anatomische Institut unzerstört, so daß nur wenige
Sammlungsstücke verlorengingen. Die Sammlungsgegenstände wurden in den
folgenden Jahren zum Teil magaziniert und konnten erst 1985, als der
gesamte Bestand in das Dachgeschoß des benachbarten Pathologischen
Instituts (Robert-Koch-Str. 6) transferiert worden war, wieder der
Öffentlichkeit präsentiert werden.
In den letzten Jahren wurden verstärkt Bemühungen gemacht, neben der
Anatomiegeschichte auch andere Bereiche der Medizingeschichte im
Marburger Museum anatomicum darzustellen. In Zukunft soll unter
Einbeziehung der historischen Schätze anderer Fachrichtungen aus dem
anatomischen ein medizinhistorisches Museum werden.


