08.03.2018 100 Jahre Frauenwahlrecht

Frauen in der Politik: Vom Ausschluss bis zur Kanzlerin als "Mutter der Nation"

gemaltes Plakat mit Frau und Mann und roter Fahne
Abbildung: SPD/AdsD
Das Wahlplakat mit dem Titel "Frauen! Gleiche Rechte - Gleiche Pflichten. Wählt Sozialdemokratisch!" wurde in der Wahl zum Reichstag 1919 verwendet. Es wurde von Fritz Gottfried Kirchbach gestaltet und von der Rotophot AG in Berlin gedruckt.

Seit 100 Jahren dürfen Frauen in Deutschland wählen und gewählt werden. Dieses Jubiläum ist auch an der Philipps-Universität Marburg Thema. Einen Tag vor dem internationalen Frauentag fand die Frauenvollversammlung der Universität statt, die von der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten Dr. Nina Schumacher veranstaltet wurde. Bei der Frauenvollversammlung am 7. März 2018 warfen Prof. Dr. Annette Henninger Professorin für Politik und Geschlechterverhältnisse  und Dr. Dorothee Beck, die in Marburg über mediale Repräsentationen von Spitzenpolitikerinnen promoviert hat, einen Blick zurück: Wie kam es 1918 zur Einführung des Frauenwahlrechts? Und was hat sich seitdem in der Politik verändert?

Bei den ersten Wahlen zum Weimarer Reichstag im Januar 1919 lag der Frauenanteil bei knapp neun Prozent. Dieser Anteil wurde erst 1983 wieder erreicht. Ab 1987 ging es weiter aufwärts, als die Grünen mit einer quotierten Liste in den Bundestag einzogen, gefolgt von Quoten bei der SPD und der Linken und Quoren bei CDU und CSU. Doch mit dem Einzug der AfD und der Rückkehr der FDP, beides Parteien, die die Quote ablehnen, sank bei der Bundestagswahl 2017 der Frauenanteil wieder von 36,5 auf 31 Prozent.

Als die Sozialdemokratin Marie Juchacz 1919 als erste Frau ans Rednerpult des Reichstags trat und ihre Rede mit „Meine Damen und Herren“ begann, verzeichnete das Protokoll „Heiterkeit“. Als 1970 Lenelotte von Bothmer, ebenfalls Sozialdemokratin, im Hosenanzug im Bundestag redete, erntete sie helle Empörung. Inzwischen hat sich vieles geändert. Am sichtbarsten: Seit 12 Jahren hat Deutschland eine Kanzlerin. Sechs Regierungschefinnen gab es bislang in den Bundesländern.

Bei der Frauenvollversammlung zeichneten Henninger und Beck die zunehmende Sichtbarkeit und Partizipation von Politikerinnen in Deutschland anhand der Biografien der radikalen Wahlrechtskämpferinnen Minna Cauer (1841 bis 1922), Anita Augspurg (1857-1943) und Lida Gustava Heymann (1868-1943) sowie entlang der Karriere von Angela Merkel (geboren 1954) nach. Letztere entwickelte sich in der medialen Öffentlichkeit von – abschätzig – „Kohls Mädchen“ zu „Mutti Merkel“ oder auch zur „Mutter der Nation“. Die Mutter-Metapher für Politikerinnen, so erläuterte Beck, ist durchaus widersprüchlich. Einerseits zeugt sie von einer neuen politischen Fürsorglichkeit, die nur noch wenig mit Max Webers Ideal eines Berufspolitikers zu tun hat. Andererseits verweist sie auch heute noch auf die traditionelle Frauenrolle in der Familie.

Mit dem Thema 100 Jahre Frauenwahlrecht hatte sich Ende Februar auch ein Workshop befasst, der vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wurde. Gefragt wurde bei der Veranstaltung, an der neben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auch politische Mandatsträgerinnen aus Bund, Ländern und Kommunen teilnahmen, nach Wandel und Herausforderungen nach 100 Jahren Frauenwahlrecht. Dabei ging es unter anderem um politische Repräsentation jenseits der Quote, Vorstellungen von Männlichkeit in der Politik, Frauen in der „Neuen Rechten“, die Partizipation von Migrantinnen, Medienbilder von Politikerinnen und die Situation von Bürgermeisterinnen.  Die beiden US-amerikanischen Forscherinnen Sarah Wiliarty PhD, Expertin für die Parteienlandschaft in Deutschland an der Wesleyan University in Middletown, und Louis Davidson Schmich PhD, die an der Universität Miami zu Quoten im politischen Feld international forscht, bildeten den thematischen Rahmen des Workshops mit der Entwicklung von Szenarien für ein feministisches Utopia sowie zukünftigen Fragestellungen für die Forschung über Frauen in der Politik.

An der Philipps-Universität bilden diese Veranstaltungen den Auftakt für eine weiterführende Forschungsagenda zum Thema Demokratie und Geschlecht.

Weitere Informationen

Die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Philipps-Universität veranstaltet gemeinsam mit dem Gleichstellungsreferat der Stadt Marburg und dem Frauenbüro des Landkreises Marburg-Biedenkopf am Donnerstag, 8. März, ab 17 Uhr eine Demonstration zum Internationalen Frauentag unter dem Motto „Wir sind viele, wir sind stark“. Die Demonstration beginnt am Hauptbahnhof Marburg.

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