28.10.2020 Was Stadtsoziologie und Halbleiterforschung verbindet

Philipps-Universität vergibt Promotionspreise für das Jahr 2019

Gruppenfoto vor Haupteingang der UB mit großer Platana in der Mitte des Bildes
Foto: Gabriele Neumann
Dr. Laura Czech (von links), Vizepräsidentin Prof. Dr. Sabine Pankuweit, Dr. Theresa Roth und Dr. Lars Bannow trafen sich mit Abstand zum Gruppenfoto für den Promotionspreis vor dem Gebäude der Universitätsbibliothek. Ausgezeichnet wurden außerdem Dr. Jessica Wilde und Dr. Benedict Klein (nicht im Bild).

Fünf Promotionen zeichnet die Philipps-Universität Marburg für das Jahr 2019 mit dem Promotionspreis aus. Die Forschungsgegenstände der ausgezeichneten Arbeiten reichen von Ritualtexten über Stadtsoziologie und Halbleiterforschung bis zu Grenzflächenforschung und Molekularbiologie.

Mit dem Promotionspreis der Philipps-Universität Marburg werden jedes Jahr hervorragende Dissertationen aus den unterschiedlichen Fachkulturen der Universität ausgezeichnet. Die herausragenden Leistungen der promovierenden wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie der wissenschaftliche Fortschritt, der mit den unterschiedlichenArbeiten erzielt wurde, stellen die wichtigsten Beurteilungskriterien dar. Die Überreichung der Auszeichnungen des Jahrgangs 2019 erfolgte am Mittwoch, 28. Oktober 2020, im Rahmen der Feier zum Tag der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, der als Hybrid-Veranstaltung wegen der Corona-Pandemie den Publikumszugang per Video-Stream ermöglichte. Insgesamt wurden 4.000 Euro Preisgeld vergeben. Ausgezeichnet wurden drei Nachwuchswissenschaftlerinnen und zwei Nachwuchswissenschaftler: Dr. Theresa Roth in der Sektion „Philosophie, Theologie, Geschichte, Erziehungs-, Sprach- und Kulturwissenschaften“, Dr. Jessica Wilde in der Sektion „Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften“, Dr. Lars Bannow und Dr. Benedikt Klein in der Sektion „Mathematik und Naturwissenschaften“ sowie Dr. Laura Czech in der Sektion „Lebenswissenschaften und Medizin“.

„Mit dem Promotionspreis würdigt die Universität die besonderen Leistungen junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am Anfang ihrer wissenschaftlichen Karriere“, sagt Prof. Dr. Sabine Pankuweit, Vizepräsidentin für Gleichstellung und Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. „Die Auszeichnung soll sie auch motivieren, den möglichen Weg in Wissenschaft und Universität weiterzugehen. Mit ihren hervorragenden Arbeiten haben sie gezeigt, dass sie die Voraussetzungen dafür in hervorragender Weise erfüllen", ergänzt Pankuweit. 

Dr. Theresa Roth: „Syntax, Semantik und Pragmatik religiöser Fachsprache. Eine Untersuchung am Beispiel altindogermanischer Ritualtexte“, Fachbereich Fremdsprachliche Philologien

Rituale in antiken Kulturen dienten zum einen der Kommunikation mit Gottheiten, zum anderen waren sie auch selbst Gegenstand von Kommunikation. In eigenen Texten wurde ihre korrekte Durchführung festgehalten und weitergegeben. Solche Ritualtexte untersucht Theresa Roth in ihrer Dissertation im Hinblick auf ihre kommunikative Funktion und ihre sprachliche Gestaltung. Umbrische Inschriften aus dem antiken Italien und hethitische Keilschrifttafeln aus dem antiken Anatolien sind die Ausgangstexte für die interdisziplinäre Untersuchung, die Methoden aus der modernen Fachsprachenforschung, der Religions- und Kulturwissenschaft, der Psychologie und der Kognitionswissenschaft mit der historischen Sprachwissenschaft verbindet. Mit den Handlungsanweisungen in Ritualvorschriften stellt die Autorin eine Vergleichbarkeit der Texte über Sprachen hinweg her.

Die Autorin wurde in Lohr am Main geboren. Sie studierte Vergleichende Indogermanische Sprachwissenschaft in Würzburg und Paris. Es folgte die Promotion in der Vergleichenden Sprachwissenschaft und Keltologie, die sie im Juli 2019 mit „Summa cum laude“ abschloss. Derzeit arbeitet sie an der Philipps-Universität Marburg im Fachgebiet Vergleichende Sprachwissenschaft und Keltologie im Akademienprojekt „Hethitische Festrituale“.  

Dr. Jessica Wilde: „Die Fabrikation der Stadt – Entwurf einer Stadtforschung auf der Grundlage der Soziologie Bruno Latours, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Philosophie

Die Arbeit Wildes setzt soziologische Stadtforschung mit der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) des französischen Soziologen Bruno Latours in Beziehung und entwickelt damit ein stadtsoziologisches Forschungsdesign. Sie zeigt auf, wie eine Neuausrichtung der Stadtsoziologie aussehen kann, wenn man der Theorie Latours folgt und Städte als komplexe Mischung aus menschlichen und nichtmenschlichen Einheiten erforscht. Dabei werden nicht nur Sozialbeziehungen als strukturierende Elemente betrachtet, sondern ebenso technische und städtebauliche Faktoren wie etwa Wasserversorgung oder U-Bahn-Linien. Die Arbeit erforscht auch wie Ingenieure, Stadtplanerinnen oder Architektinnen mit Bebauungsplänen oder der Berechnung von voraussichtlichen Verkehrsströmen der Stadt eine Form geben und an der „Fabrikation“, der Herstellung der Stadt beteiligt sind. Sie erklärt zudem, wie scheinbar neutrale Objekte im Stadtraum zu öffentlich verhandelten Angelegenheiten werden.

Die Autorin Jessica Wilde wurde in Berlin geboren. Nach ihrem Studium in Marburg folgte die Promotion im Fach Allgemeine Soziologie, die sie im Dezember 2019 mit „Summa cum laude“ abschloss. Zurzeit arbeitet Wilde bei der Projektkommunikation Hagenau GmbH in Potsdam.

Dr. Lars Bannow: „Optical and Electronic Properties of Semiconductor Materials”, Fachbereich Physik

Halbleitermaterialien spielen in vielen Bereichen eine wichtige Rolle, zum Beispiel in der Telekommunikation oder bei der Umwandlung von Energie in Solarzellen. Lars Bannow untersucht in seiner Arbeit optische und elektronische Eigenschaften von neuartigen Halbleitermaterialien. Dabei kombiniert er zwei Methoden: Mit der Dichtefunktionaltheorie berechnet er die elektronischen Eigenschaften, mit dem Halbleiter-Bloch-Ansatz die optischen Eigenschaften. Die Kombination ermöglicht eine präzise Vorhersage der opto-elektronischen Eigenschaften mit einem Minimum an experimentellen Daten als Grundlage. Neuartige Halbleitermaterialien wie die verdünnt-wismuthaltigen Systeme Ga(AsBi) und In(AsBi) stellen derzeit einen möglichen Kandidaten für effizientere Halbleiterlaser in der Telekommunikation dar. Das hybride organisch-anorganische Perowskit Methylammonium Bleiiodid (MAPbI3) bildet einen Ansatz für kostengünstige Solarzellen mit einer vergleichsweise hohen Effizienz bei der Umwandlung von Energie.

Der Autor wurde in Offenbach geboren und studierte in Darmstadt und Marburg. Er arbeitet heute in der Softwareentwicklung der Firma Schneider GmbH & Co. KG in Fronhausen. Seine Promotion in der Theoretischen Halbleiterphysik schloss er im Juni 2019 mit „Summa cum laude“ ab.

Dr. Benedikt Klein: „The Surface Chemical Bond of Non-alternant Aromatic Molecules on Metal Surfaces”, Fachbereich Chemie

Die Arbeit untersucht die Grenzflächen zwischen organischen Halbleitern und ihren Metallkontakten. Speziell wird der Einfluss der Lagebeziehungen von alternierenden und nicht-alternierenden Molekülen auf die Eigenschaften der Metall-Organik-Grenzflächen untersucht. Moleküle mit alternierender Topologie besitzen nur Ringe mit einer geraden Anzahl an Atomen, bei Molekülen mit nicht-alternierender Topologie kommen auch Ringe mit einer ungeraden Anzahl an Atomen vor. Klein konnte nachweisen, dass Moleküle mit nicht-alternierender Topologie eine stärkere Wechselwirkung mit Oberflächen zeigen.

Der Autor wurde in Zweibrücken geboren, studierte in Marburg und schloss seine Promotion im Fachgebiet Physikalische Chemie im Dezember 2019 mit „Summa cum laude“ ab. Derzeit arbeitet er am Fachbereich Chemie der University of Warwick in Coventry (GB).

Dr. Laura Czech: „The osmoprotectants and chemical chaperones ectoine and 5-hydroxyectoine: enzymes, import, export and transcriptional regulation”, Fachbereich Biologie

Die Arbeit von Laura Czech befasst sich mit der Anpassungsstrategie von Mikroorganismen an hochosmolare Umweltbedingungen. Mikroorganismen müssen sich dynamisch an die Osmolarität ihres jeweiligen Lebensraums anpassen, um Wasserverluste und damit den Tod zu vermeiden. Im Zentrum der Arbeit steht die Biosynthese von zwei Schutzsubstanzen gegen Osmostress: Ectoin und sein Derivat Hydroxyectoin. Ectoine erfüllen wichtige Schutzfunktionen für Mikroorganismen und besitzen nützliche physikalisch-chemische und funktionserhaltende Eigenschaften.  

Laura Czech wurde in Weilburg geboren und studierte in Marburg, wo sie ihre Promotion im Fach Molekulare Mikrobiologie im November 2019 mit „Summa cum laude“ abschloss. Sie arbeitet derzeit am Zentrum für Synthetische Mikrobiologie (Synmikro) an der Philipps-Universität Marburg. 

Kontakt

-