14.11.2017 Mittelalterliche Kirche endete im Feuer

Das Kleeblatt brachte kein Glück: Studierende legen Anlage des 8. Jahrhunderts frei

Foto: Robin Dürr
Stumme Zeugen der Geschichte: Skelette gehören zu den Funden von Leun.

Eine archäologische Grabung im mittleren Lahntal hat überraschende Ergebnisse erbracht: Studierende legten bei Leun in Mittelhessen eine frühmittelalterliche Kirche frei, die einen ungewöhnlichen, kleeblattförmigen Chor aufweist. Weitere Funde geben Hinweise darauf, warum die Anlage zerstört wurde. Die Grabungsleiter von der Philipps-Universität Marburg stellen die bisherigen Ergebnisse der mehrjährigen Grabungskampagne jetzt in einem Zwischenbericht dar, der soeben im Jahrbuch „hessenARCHÄOLOGIE 2016“ erschienen ist.

Dass bei Leun ein verschüttetes Bodendenkmal besteht, legten in der Vergangenheit nicht nur Luftaufnahmen nahe, sondern auch der sprechende Flurname: „Martinskirch“ und „Martinswies“ sind für die Fundstelle am südwestlichen Lahnufer gegenüber der Stadt überliefert. Seit dem Jahr 2015 führte das Vorgeschichtliche Seminar dort Lehrgrabungen durch.

„Überraschenderweise wurde dabei kein einfacher rechteckiger oder halbrunder Chorabschluss freigelegt“, sagt der Marburger Archäologe Professor Dr. Felix Teichner, der die Kampagnen leitete. „Vielmehr fügen sich gleich drei konchenartige Erweiterungen zu einem kleeblattförmigen Chor zusammen – ein ungewöhnlicher Grundriss, der auf die besondere Bedeutung der Kirchenanlage hindeutet.“ Auch Reste eines Altars oder Taufbeckens fand das Grabungsteam.

Die beteiligten Wissenschaftler vermuten aufgrund schriftlicher Quellen, dass die Anlage aus dem 8. Jahrhundert stammt. „Damit dürfte sie zu den ältesten Kirchenbauten im Lahn-Dill-Gebiet zählen“, hebt der lokale Grabungsleiter Robin Dürr hervor.

Neben der Kirche sowie weiteren Gebäuden fanden die Nachwuchsarchäologinnen und -archäologen auch mehrere Gräber, die stellenweise bis an die Kirchenmauern heranreichen. „Die überaus dichte Anordnung der Skelette, die teilweise in mehreren Lagen aufeinander liegen, erinnert an ein regelrechtes Massengrab“, berichtet Dürr. Unter den mehr als drei Dutzend Bestattungen fällt eine Häufung von Kinder- und Säuglingsbegräbnissen auf; Überreste von Särgen fehlen hingegen.

Warum ist die Anlage zugrunde gegangen? Zur Beantwortung dieser Frage verweisen die Wissenschaftler auf zwei besondere Fundstücke. Bereits vor zwei Jahren präsentierte das Team der Öffentlichkeit das rund 30 Kilogramm schwere Fragment einer Kirchenglocke, die aus einer hochwertigen Kupferlegierung gefertigt wurde.

Die Bergung derart großer Bruchstücke sei eine Seltenheit, weil sie wegen des hohen Materialwerts normalerweise eingeschmolzen worden seien, betonen die Forscher. Der Leuner Fund weist Spuren eines Brandes auf, ebenso wie ein Gebäude am Friedhofsrand, das verkohlte Balken birgt; vielleicht wurden die Kirche und mit ihr die Glocke also bei einem Feuer zerstört.

Dass der Brand möglicherweise nicht auf einen Unfall zurückzuführen ist, sondern bei einer militärischen Auseinandersetzung absichtlich gelegt wurde, legt ein weiterer Fund nahe: Es handelt sich dabei um eine fast 40 Zentimeter lange Eisenklinge. „Im Zuge eines Streits zwischen den Grafen Solms und der Reichsstadt Wetzlar kam es im 14. Jahrhundert zu größeren Verwüstungen im mittleren Lahntal“, führt Projektleiter Teichner hierzu aus. Weitere Aufschlüsse erwarten die Forscher nun von der wissenschaftlichen Untersuchung der Funde im Labor.

Originalveröffentlichung: Robin Dürr & Felix Teichner: „Die Glocke ruft zur Kirche…“ – ein frühmittelalterlicher Sakralbau im mittleren Lahntal, in: Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hg.): hessenARCHÄOLOGIE 2016, Stuttgart (Theiss Verlag) 2017, S. 145-148

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