10.07.2020 Die Herkunft der Dinge

Philipps-Universität ist beteiligt an Provenienzforschung zu ethnographischen Objekten in Mittelhessen

Trommel aus Holz mit Bespannung seitlich aufgenommen
Foto: Elke Sichert
Trommel, vermutlich aus Tansania, 1918. Ethnographische Sammlung Marburg.

Gegenstände aus vermutlich kolonialen Kontexten stehen im Mittelpunkt des Projektes „Provenienzen von ethnographischen Objekten in Mittelhessen“. Das Gemeinschaftsprojekt des Oberhessischen Museums Gießen und der Philipps-Universität Marburg wird vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg mit rund 120.000 Euro gefördert.

Der ethnographische Bestand des Gießener Museums ist nahezu unerforscht, allerdings haben sich in der Vorbereitung einer ersten Ausstellung 2019 Verknüpfungen mit der Marburger Ethnographischen Sammlung aufgetan. Das Forschungsprojekt untersucht nun an Hand von Sammlerpersönlichkeiten und Forscherbiographien Parallelen im Bestand der beiden Sammlungen. Die Forschung setzt bei Objekten aus Kamerun und Tansania an und soll zu einem Austausch mit den Herkunftsgesellschaften führen. Das Projekt stellt einen ersten Schritt zur Offenlegung kolonialer Verflechtungen Mittelhessens dar.

Kuratorin Dr. Dagmar Schweitzer de Palacios (Marburg) und Museumsleiterin Dr. Katharina Weick-Joch (Gießen) betonen, das Bündeln und gemeinsame Erfüllen der Aufgaben stärke und erweitere die Position beider Standorte. Gleichzeitig werden Grundstrukturen für weitere Vorhaben gelegt. Die beiden Ethnographischen Sammlungen in Gießen und Marburg weisen historische Verknüpfungen auf. Vor allem die Überschneidung von Personen und Sammlern auf universitärer Ebene, die möglicherweise an beiden Sammlungen mitgewirkt haben, und die Übereinstimmung bestimmter Herkunftskontexte der Objekte versprechen Forschungspotenzial.

Vorgesehen ist die Aufarbeitung von Objekten aus Herkunftskontexten, die in beiden Sammlungen vertreten sind und nachweislich aus kolonialen Kontexten des heutigen Kamerun und Tansania stammen. Das Projekt ist zunächst auf 12 Monate angelegt, um Verdachtsmomente aufzuspüren, Verbindungen beider Sammlungen zu benennen und die Zusammenarbeit mit den Herkunftsgesellschaften weiter zu konkretisieren.

Die Ethnographische Sammlung der Philipps-Universität-Marburg wurde in den späten 1920er Jahren gegründet, schon bevor es einen Lehrstuhl für Völkerkunde (heute Fachgebiet Kultur- und Sozialanthropologie) gab. Seit ihrem Bestehen bildeten ihre Objekte Thema von Seminaren und Vorlesungen. Die Ethnographische Sammlung wird auch aktuell in Lehrveranstaltungen einbezogen. Im Rahmen eines wissenschaftlichen Forschungsprojektes entstand 2018 die Ausstellung „Die Wirklichkeit des Mythos - Mythen der Yukpa aus Kolumbien und Venezuela“.

Hintergrund

Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg ist national und international der zentrale Ansprechpartner zu allen Fragen unrechtmäßig entzogenen Kulturgutes. Seit Januar 2019, als das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste aufgrund eines Fördermandats des Stiftungsrats um einen Fachbereich für koloniale Kontexte erweitert wurde, ist es möglich, die Förderung von Projekten zu beantragen, die sich mit Kultur- und Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten befassen. Das Zentrum unterstützt in der ersten Förderrunde 2020 fünf Projekte mit insgesamt rund 650.000 Euro.

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