08.01.2021 Das Rennen um die Professur

Studie der Universitäten Marburg und Wuppertal zeigt Erfolgsfaktoren auf dem Weg zur politikwissenschaftlichen Professur

Foto einer Hand, die Bauklötze hochsteigt
Foto: Colourbox.de
Für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine wichtige Frage: Welche Schritte helfen auf dem Weg zur Professur?

Produktivität oder Prestige? Eine Studie unter Federführung des Instituts für Soziologie der Philipps-Universität Marburg untersucht, welche Faktoren den Weg zur Professur in der Politikwissenschaft begünstigen. Dafür haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Philipps-Universität Marburg und der Bergischen Universität Wuppertal Daten von über 1.400 Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftlern in Deutschland untersucht. Ein wesentlicher Fokus lag dabei auch auf der Frage, warum Frauen in der Politikwissenschaft nach wie vor unterrepräsentiert sind. Über ihre Ergebnisse berichtet das Forschungsteam in PLOS ONE.

„Junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stehen unter großem Druck. Das deutsche Wissenschaftssystem unterliegt dem Alles-oder-nichts-Prinzip. Entweder man schafft es in eine Professur oder man ist raus“, sagt Prof. Dr. Martin Schröder vom Institut für Soziologie der Universität Marburg, der die Studie gemeinsam mit Prof. Dr. Mark Lutter von der Bergischen Universität Wuppertal und Doktorandin Isabel Habicht durchgeführt hat. „Eine wichtige Frage für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist daher, welche Faktoren erfolgversprechend sind, um eine Professur zu erlangen. Genau dieser Frage widmen wir uns. Ganz wichtig war uns dabei auch die Chancen für Frauen in der Politikwissenschaft zu betrachten“, sagt Schröder. Es gibt viele politikwissenschaftliche Studien, die sich mit der Rolle der Frau im politischen Geschehen auseinandersetzen – warum sind Frauen seltener Parlamentarierinnen, Parteivorsitzende oder Ministerinnen? „Bislang ist aber unklar, warum Frauen in der Politikwissenschaft an sich weniger erfolgreich sind als Männer. Genau darauf möchten wir eine Antwort finden“, sagt Schröder.

In der Studie wurden Daten von über 1.400 Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftlern ausgewertet, von denen 247 Männer und 109 Frauen eine Professur innehaben. Innerhalb der Studie wurden verschiedene Faktoren untersucht, unter anderem die Zeit seit der ersten Publikation oder seit der Habilitation, internationale Aufenthalte, Abschlüsse und Auszeichnungen, Drittmittel oder auch die Elternschaft.

Die Daten zeigen: Sowohl die Anzahl als auch die Qualität von Publikationen spielen eine wichtige Rolle für den akademischen Erfolg in der Politikwissenschaft. „Kann eine Kandidatin oder ein Kandidat viele Publikationen in renommierten Fachzeitschriften vorweisen, trägt das erheblich zur Legitimierung einer Professur bei. Doch unsere Ergebnisse zeigen auch, dass nicht nur die Produktivität eine Rolle spielt“, sagt Schröder. Damit schlägt die Studie in eine Kerbe, die vielen Sorgen bereitet. Zählt im Wissenschaftssystem am Ende nur noch, wer am meisten Geld und Prestige mitbringt? „Ja, Forscherinnen und Forscher, die Geld mitbringen, sind wünschenswertere Kandidatinnen und Kandidaten. Eine Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft zum Beispiel signalisiert Potenzial für zukünftige Forschungsergebnisse. Auch das Prestige einer Promotion an einer renommierten, internationalen Universität beispielsweise spielt eine Rolle“, sagt Schröder. Das gelte aber tatsächlich vor allem für ausländische Universitäten. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ihren gesamten Karriereweg an einer oder mehreren deutschen Exzellenzuniversitäten absolvierten, mindern sogar ihre Chance auf eine politikwissenschaftliche Professur. „Eine überraschende Erkenntnis, die wir in jedem Fall in weiteren Studien weiter untersuchen möchten“, sagt Schröder.

Belege für die Benachteiligung von Frauen bei der Besetzung von Professuren in der Politikwissenschaft konnten Schröder und sein Team nicht finden. Im Gegenteil: Frauen mit vergleichbarer Produktivität haben 32 Prozent höhere Chancen, eine Professur zu erhalten als Männer. Doch was erklärt dann, dass es wesentlich weniger Professorinnen gibt als Professoren? „Unsere Daten legen nahe, dass Frauen den Wissenschaftsbetrieb verlassen, bevor sie überhaupt für eine Professur in Frage kommen. Zur Förderung von Frauen in der Politikwissenschaft sollte man sich also auch darauf konzentrieren, warum Frauen die Wissenschaft verlassen, anstatt anzunehmen, dass sie bei der Besetzung von Professuren benachteiligt werden“, sagt Schröder.

Originalveröffentlichung: Martin Schröder & al.: Publishing, signaling, social capital, and gender: Determinants of becoming a tenured professor in German political science, PLOS ONE 2021, doi: 10.1371/journal.pone.0243514

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