28.03.2022 Spur der Himmelsscheibe von Nebra weist nach Anatolien

Hethitische Keilschrifttexte enthalten zahlreiche Beschreibungen vergleichbarer Werkstücke, die Gestirne zeigen

Fotos: Riko Süssenguth; Montage: Katja Bieber

Die berühmte Himmelsscheibe von Nebra könnte ursprünglich aus Anatolien stammen. Das schließt der Marburger Archäologe Professor Dr. Andreas Müller-Karpe unter anderem aus Keilschrifttexten der Hethiter, die ähnlich geformte Objekte wie die Himmelsscheibe beschreiben. Der Hochschullehrer berichtet über seine Recherchen in der jüngsten Ausgabe der „Schriften aus dem Vorgeschichtlichen Seminar Marburg“.
Kurz nach der Jahrtausendwende rief der Fund der Himmelsscheibe von Nebra erheblichen Wirbel hervor; seit dem Jahr 2013 zählt sie zum UNESCO-Welterbe. Die runde Bronzeplatte mit ihren goldenen Mond- und Sternsymbolen gilt als die älteste bekannte Darstellung des Nachthimmels mit seinen Gestirnen. „Angesichts der lückenhaften Überlieferung mag das Stück singulär erscheinen“, sagt Müller-Karpe, „es gibt jedoch durchaus Hinweise darauf, dass es ursprünglich kein Einzelstück war.“

Diese Indizien finden sich, wie der Archäologe darlegt, in Anatolien. Dort gibt es zwar bei weitem nicht so viele Ausgrabungsstätten wie in Mitteleuropa – daher kennt man auch kein vergleichbares Metallfundstück –, dafür aber bronzezeitliche Texte. In der kleinasiatischen Region hat man nämlich große Keilschriftarchive ausgegraben, ganze Bibliotheken in Scherben.

Im Anatolien der Bronzezeit scheinen Himmelsdarstellungen recht häufig gewesen zu sein, insbesondere als Ausstattung von Tempeln, wie zahlreiche Erwähnungen in Keilschrifttexten belegen. Es gab Abbildungen von Sonne, Mond und Sternen aber nicht nur in Form von Metallreliefs, sondern auch als Brotfladen, die bei Ritualen rund um Schwangerschaft und Geburt gereicht wurden: „Sterne aus Teig und eine Mondsichel aus Teig drückt man auf ein Brot aus 3 Handvoll Mehl und nennt es Brot der Nacht“, heißt es zum Beispiel in einem Ritualtext.

Müller-Karpe zitiert ausführlich aus den überlieferten Schriftstücken, in denen er zahlreiche Hinweise auf Metallobjekte gefunden hat, die man sich wie die Himmelsscheibe von Nebra vorstellen kann: flache, runde Werkstücke mit applizierten Mondscheiben und Sternen. Der Marburger Hochschullehrer argumentiert deshalb, dass auch die Himmelsscheibe von Nebra einen anatolischen Hintergrund haben könnte, denn die Machart des Funds unterscheidet sich erheblich von weiteren Artefakten, die zugleich mit ihm geborgen wurden, etwa von Schwertern, die handwerklich viel aufwendiger gefertigt sind. Dies spreche dafür, dass die Himmelsscheibe aus einem anderen kulturellen Kontext stamme. Auch die Metallanalysen legten nichts anderes nahe, erklärt Müller-Karpe.

„Hätte man die Himmelsscheibe in einem hethitischen Tempel gefunden, wäre ihr kaum eine derartige Aufmerksamkeit zugekommen“, vermutet der Archäologe: „Rasch wären die Parallelen in zeitgenössischen Texten benannt worden.“

Professor Dr. Andreas Müller-Karpe lehrt Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie in Marburg und leitet das Vorgeschichtliche Seminar der Philipps-Universität.

Für die Veröffentlichung der Marburger Schiften „Die Himmelsscheibe von Nebra und ihre anatolischen Bezüge“ wurde ein Symbolbild angefertigt (s. Foto oben), das die mögliche Verwendung von Himmelsdarstellungen in Form eines Brotfladens bei Schwangerschafts- und Geburtsritualen im 14. Jahrhundert v. Chr. illustriert. Das „Brot der Nacht“ wurde nach einer keilschriftlichen Beschreibung gebacken.

Originalveröffentlichung: Andreas Müller-Karpe: Die Himmelsscheibe von Nebra und ihre anatolischen Bezüge (Marburger Schriften 64), Marburg 2021

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