30.01.2026 1,9 Millionen Euro für medizinische Spitzenforschung

Von Behring-Röntgen-Stiftung fördert 8 innovative Forschungsprojekte in Gießen und Marburg

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Foto: Christian Stein
Die Projektleiterinnen und Projektleiter im Kreis ihrer Gratulantinnen und Gratulanten bei der Übergabe der Förderurkunden (v.l.n.r.): Stiftungsvizepräsidentin Prof. Dr. Gabriele Krombach, Stiftungspräsident Dr. Lars Witteck, Dr. Julianne Funk, Prof. Dr. Jörg-Walter Bartsch, Prof. Dr. Katrin Streckfuß-Bömeke, Prof. Dr. Rakjumar Savai, Prof. Dr. Elke Roeb, Prof. Dr. Alexander Visekruna, Dr. Annika Karger, Stiftungsvizepräsident Prof. Dr. Roland Lill, Dr. Alexandra Kupke, Dr. Francesca Ferrante, der Marburger Medizindekan Prof. Dr. Michael Hertl und Dr. Maria Camila Melo-Narvaez.

Wie entstehen schwere Herzrhythmusstörungen, warum verliert das Immunsystem bei Krebs seine Schutzfunktion, und wie führen Infektionen oder frühe Entzündungsprozesse zu dauerhaften Organschäden? Diese grundlegenden Fragen der modernen Medizin stehen im Mittelpunkt der aktuellen Förderprojekte der Von Behring-Röntgen-Stiftung. In der diesjährigen Förderrunde unterstützt die Stiftung acht herausragende Forschungsvorhaben, die sich mit den molekularen Ursachen schwerer Erkrankungen sowie mit neuen diagnostischen und therapeutischen Ansätzen befassen.

 Bereits zum 19. Mal fördert die Von Behring-Röntgen-Stiftung innovative medizinische Projekte an der Philipps-Universität Marburg und der Justus-Liebig-Universität Gießen. Insgesamt stellt sie dafür rund 1,9 Millionen Euro zur Verfügung. Die Förderurkunden wurden am Donnerstag, 29. Januar 2026, bei einer Feierstunde am Stiftungssitz im Marburger Landgrafenschloss überreicht.

 „Medizinische Forschung geht uns alle an“, sagte Stiftungspräsident Dr. Lars Witteck bei der Übergabe. „Was heute in der Grundlagenforschung untersucht wird, entscheidet darüber, wie Krankheiten morgen diagnostiziert und behandelt werden. Mit unserer Förderung geben wir ausgewählten Projekten in Marburg und Gießen den nötigen Rückenwind, damit dieser Fortschritt uns allen zugutekommt.“

Gefördert werden vier Einzelprojekte von Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern sowie vier standortübergreifende Gemeinschaftsprojekte. Die Auswahl erfolgte durch einen unabhängigen wissenschaftlichen Beirat aus mehr als 30 eingereichten Anträgen. Die Projekte sind auf eine Laufzeit von bis zu drei Jahren angelegt.

Die geförderten Projekte im Überblick

Krebsforschung: Tumorbiologie, Immunsystem und personalisierte Therapie

Makrophagen als Treiber des Lungenkrebses (Marburg / Gießen)

Im Tumorgewebe von Lungenkrebs spielen Immunzellen eine zentrale Rolle. Besonders Makrophagen, eine wichtige Gruppe von Immunzellen, tragen häufig dazu bei, dass Tumore wachsen und sich ausbreiten. In ihrem gemeinsamen Forschungsprojekt untersuchen Prof. Dr. Rajkumar Savai (Gießen) und Prof. Dr. Jörg-Walter Bartsch (Marburg), wie das Enzym ADAM8 diese Prozesse steuert. Ziel ist es, ADAM8 sowohl als diagnostischen Marker als auch als möglichen therapeutischen Angriffspunkt zu evaluieren. Das Projekt wird mit 299.097 Euro gefördert.

Energiestoffwechsel von Immunzellen im Lungenkrebs (Gießen)

Warum Immunzellen im Tumor ihre eigentlich schützende Funktion verlieren, ist bislang nur teilweise verstanden. Die Nachwuchswissenschaftlerin Dr. Annika Karger (Gießen) untersucht, wie der Energiestoffwechsel von Makrophagen ihr Verhalten im Tumorgewebe beeinflusst. Im Fokus steht dabei ein mitochondriales Protein, das zentrale Stoffwechselprozesse steuert. Langfristig sollen die Ergebnisse dazu beitragen, Immunzellen gezielt so zu beeinflussen, dass sie Tumore wieder wirksamer bekämpfen können. Die Fördersumme beträgt 199.734 Euro.

Epigenetische Regulation bei Leukämie (Gießen)

Bei der Entstehung von Blutkrebs spielen neben genetischen Veränderungen auch epigenetische Mechanismen eine entscheidende Rolle. Dr. Francesca Ferrante (Gießen) untersucht, wie ein bislang wenig erforschter epigenetischer Regulator die Aktivität eines zentralen Signalwegs beeinflusst, der an der Leukämieentwicklung beteiligt ist. Neben der molekularen Grundlagenforschung wird geprüft, ob neue Wirkstoffe die Wirksamkeit bestehender Chemotherapien verbessern können. Die Stiftung unterstützt dieses Projekt mit 198.820 Euro.

Funktionelle Analyse von TP53-Mutationen (Marburg)

Das Tumorsuppressorgen TP53 gilt als „Wächter des Genoms“ und ist bei etwa der Hälfte aller Krebserkrankungen verändert. Allerdings unterscheiden sich diese Mutationen stark in ihrer biologischen Wirkung. Dr. Julianne Funk (Marburg) analysiert systematisch tausende TP53-Varianten und untersucht deren Einfluss auf Tumorwachstum und Therapieansprechen. Ziel ist es, genetische Veränderungen künftig besser zu interpretieren und personalisierte Behandlungsstrategien zu ermöglichen. Das Projekt wird über zwei Jahre mit 199.615 Euro gefördert.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen und genetische Risikofaktoren

Genetische Ursachen des plötzlichen Herztods (Marburg / Gießen)

Der plötzliche Herztod zählt zu den häufigsten ungeklärten Todesursachen, insbesondere bei jungen Menschen ohne vorherige Symptome. In rund 30 Prozent der Fälle bleibt die Ursache selbst nach dem Tod unklar. Ein Forschungsteam um Prof. Dr. Niels Decher (Marburg) und seine Kooperationspartner Prof. Dr. Samuel Sossalla (Gießen) und Prof. Dr. Katrin Streckfuß-Bömeke (Würzburg) untersucht seltene genetische Veränderungen in Ionenkanälen, die für die elektrische Steuerung des Herzens entscheidend sind. Ihr Ziel ist es, genetische Risikofaktoren zu identifizieren und damit langfristig eine verbesserte Vorsorge sowie diagnostische und therapeutische Ansatzpunkte zu ermöglichen. Die Förderung beträgt 299.297 Euro.

Infektionen, Entzündung und Organversagen

Mechanismen der Nipah-Virus-Infektion im Gehirn (Marburg)

Das Nipah-Virus gehört zu den gefährlichsten bekannten Viren und verursacht schwere Erkrankungen des zentralen Nervensystems. Die Nachwuchswissenschaftlerin Dr. Alexandra Kupke (Marburg) untersucht, wie das Virus in das Gehirn eindringt, sich dort vermehrt und die Immunantwort des Körpers beeinflusst. Mithilfe moderner Zell- und Gewebemodelle werden die Mechanismen der Virusausbreitung und der Gewebeschädigung analysiert. Ihr Ziel ist es, neue Ansatzpunkte für antivirale Therapien zu identifizieren. Das Projekt wird mit 198.120 Euro gefördert.

Wechselwirkungen von Hepatitis B und Fettlebererkrankung (Marburg / Gießen)

Chronische Hepatitis-B-Infektionen und metabolisch bedingte Fettlebererkrankungen sind jeweils eigenständige Risikofaktoren für Leberkrebs. Treten beide Erkrankungen gemeinsam auf, verstärken sie sich gegenseitig. In einem gemeinsamen Projekt untersuchen Prof. Dr. Elke Roeb (Gießen) und Prof. Dr. Alexander Visekruna (Marburg), wie Entzündungsprozesse und Stoffwechselveränderungen in der Leber zusammenwirken und zur Krebsentstehung beitragen. Ziel ist die Identifikation molekularer Signalwege für zukünftige Therapieansätze. Die Fördersumme beläuft sich auf 290.355 Euro.

Entwicklung und Langzeitfolgen früher Schädigungen

Frühgeburt und langfristige Lungenschäden (Marburg / Gießen)

Frühgeborene Kinder sind häufig auf intensivmedizinische Unterstützung angewiesen, etwa durch Sauerstoffgabe oder künstliche Beatmung. Diese lebensrettenden Maßnahmen können jedoch die empfindliche Lungenentwicklung beeinträchtigen. Dr. Maria Camila Melo-Narvaez (Marburg) und Dr. Dharmesh Hirani (Gießen) untersuchen, wie frühe Zellveränderungen die Lungenstruktur dauerhaft beeinflussen. Im Fokus stehen seneszente Zellen, also vorzeitig gealterte Zellen, die entzündliche Prozesse verstärken und die normale Lungenentwicklung stören können. Ziel ist es, relevante Risikofaktoren besser zu verstehen und daraus Ansatzpunkte für präventive Behandlungsstrategien abzuleiten. Die Stiftung fördert das Projekt mit 227.308 Euro.

Hintergrund

Die im Marburger Landgrafenschloss ansässige Von Behring-Röntgen-Stiftung wurde am 8. September 2006 vom Land Hessen als rechtsfähige Stiftung des bürgerlichen Rechts errichtet. Gegründet wurde sie im Zuge der Fusion der Universitätskliniken Gießen und Marburg im Jahr 2005 und der anschließenden Privatisierung 2006 mit dem Ziel, an beiden Standorten neue Perspektiven für die Hochschulmedizin zu sichern und zu entwickeln. Dem Stiftungsvorstand gehören als Präsident der ehemalige Regierungspräsident Dr. Lars Witteck und als Vizepräsidenten die Gießener Radiologin Prof. Dr. Gabriele Krombach und der Marburger Biochemiker und Zellforscher Prof. Dr. Roland Lill an. Ein mit 16 namhaften Forschenden besetzter wissenschaftlicher Beirat hat die Aufgabe, die der bei der Medizinstiftung eingereichten Förderanträge zu bewerten sowie Projekte und Themenschwerpunkte zu empfehlen.

Die Von Behring-Röntgen-Stiftung schreibt in der Regel jedes Jahr zum 30. Juni eine Förderrunde aus. Bisher konnte sie rund 28 Millionen Euro für fast 160 Projekte bewilligen.

(Pressemitteilung der Von Behring-Röntgen-Stiftung)

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