30.09.2026 Ein Buch, gerechnet wie ein Globus
Veranstaltungsverzeichnis zum Jubiläum 500 Jahre Universität Marburg
Das Veranstaltungsverzeichnis der Philipps-Universität zur Feier ihres 500-jährigen Bestehens führt mit 287 Veranstaltungen von Oktober 2026 bis Dezember 2027 durch das Jubiläumsjahr. Es hat die Form einer Kugel. Sebastian Peetz hat es konzipiert, gestaltet und programmiert: mit sphärischem Satzraster und einer Weltkarte, deren Mittelpunkt Marburg ist. Das Buch liegt an verschiedenen Stellen in der Universität zum Mitnehmen aus.
500 Jahre als Bauplan des Buchs
Jede der 72 Seiten des Programmhefts ist ein Halbkreis, am Bund gerade, außen rund beschnitten. Aufgeschlagen ergeben zwei Seiten einen Kreis, die Kugel im Schnitt. Aufgefächert wird der Buchblock zur Kugel im Raum. Ihr Radius misst 152,7 Millimeter: das Gründungsjahr 1527, in Millimeter gesetzt. Der Halbkreis nimmt zugleich die Grundform des Jubiläumslogos auf.
Einen Vorläufer hat das Werk im ›Codex rotundus‹, einem kreisrunden Stundenbuch des 15. Jahrhunderts, einer Handschrift, die es nur einmal gibt. Peetz hat das Original in der Dombibliothek Hildesheim begutachtet und die runde Buchform in die dritte Dimension geführt. Er nennt sie ›Codex sphericus‹. „1527 war das gedruckte Buch das jüngste Medium der Welt. Luther hat mit ihm die Reformation verbreitet, und aus deren Geist entstand diese Universität", sagt Peetz. „Heute ist das Buch das langsamste Medium, das wir haben. Deshalb kann es, was ein Link nicht kann: bleiben. Ich habe eine Form gesucht, die es nur als Buch geben kann, gerechnet wie ein Globus und genäht wie im 16. Jahrhundert."
Das Raster: Meridiane, Breitenkreise und gerade Zeilen
Das Satzraster ist aus Meridianen und Breitenkreisen entwickelt, eine Kugel, in die Fläche übersetzt. Die Geometrie wurde erst gerechnet, dann gezeichnet. Sie bestimmt Spalten, Bildformate, Abstände, Seitenform und Karte. Die Spaltenbreiten folgen dem Kosinus, der die Verkürzung der Breitenkreise zu den Polen hin beschreibt. Die Bilder werden seitlich von Meridianen, oben und unten von Breitenkreisen begrenzt. Die Textzeilen verlaufen dennoch vollkommen gerade. Gekrümmt ist der Raum, in dem der Text steht, nicht die Schrift. Mehr als fünfzig Suchmuster (GREP-Ausdrücke) steuern den Satz bis ins mikrotypografische Detail.
Die Karte: die Welt, von Marburg aus gesehen
Auf einer Doppelseite wird aus der gedachten Kugel die bewohnte. Die Weltkarte wurde eigens für das Verzeichnis berechnet und programmiert. Sie ist eine Azimutalprojektion mit der Alten Universität Marburg im Zentrum (50,8079° N, 8,7718° O). Jeder Ort der Erde kann Mittelpunkt einer solchen Karte sein. Seit Kopernikus ist die Mitte keine Tatsache mehr, sondern ein Standpunkt. Der Standpunkt dieser Karte ist Marburg. Sie verzeichnet 303 Orte mit 368 Studienkooperationen auf allen Kontinenten.
Von Marburg aus bleibt jede Richtung erhalten. Jede Linie vom Mittelpunkt ist der kürzeste Weg zum Ziel. Eine radiale Spreizung rückt das dichte europäische Netz auseinander, ohne die Rangfolge der Entfernungen zu verändern. Selbst die Ortsnamen weichen nur entlang ihres Richtungsstrahls aus. Der Rand der Karte, 20.015 Kilometer entfernt, ist in Wahrheit ein einziger Punkt: der Antipode Marburgs im Südpazifik. Dass dabei etwas verzerrt werden muss, hat Gauß bewiesen. Kartieren heißt entscheiden, was bewahrt wird.
Das Objekt: offen gebunden wie zur Gründungszeit
Gebunden ist das Verzeichnis in sichtbarer Fadenheftung, sechs Lagen zu je zwölf Seiten, aus einem einzigen Papier von der ersten bis zur letzten Seite. So wurden Bücher gemacht, als die Universität gegründet wurde: gefalzt, zu Lagen zusammengetragen, vernäht. Die Abbildungen sind Originale aus Archiv und Fundus der Universität.
Als die Universität gegründet wurde, lernten Studenten in ganz Europa die Astronomie aus einem Lehrbuch mit dem Titel ›De sphaera‹, von der Kugel. Dass die Erde rund ist, war gelehrtes Wissen. Fünf Jahre zuvor war das letzte Schiff Magellans von der ersten Weltumsegelung zurückgekehrt. Aber diese Kugel stand still, in der Mitte der Welt. In denselben Jahren arbeitete Kopernikus an der Rechnung, die sie in Bewegung setzte. Seither ist die Kugel kein Bild mehr, sondern eine Aufgabe: Sie will vermessen, berechnet und projiziert werden.
Der Inhalt: eine Universität bei der Arbeit
Das Verzeichnis führt chronologisch durch das Jahr. Ein Register ordnet jede der 287 Veranstaltungen einer von dreißig Tätigkeiten zu, vom Erinnern über das Forschen bis zum Feiern, gebündelt in den sechs Perspektiven Wissen, Erkenntnis, Orientierung, Bildung, Gemeinschaft und Wirkung. Wer es liest, sieht der Universität bei der Arbeit zu.
„Wissen wächst, wenn es geteilt wird", sagt Prof. Dr. Evelyn Korn, Vizepräsidentin für Universitätskultur und Qualitätsentwicklung. „Dieses Programm trägt die Handschrift vieler Menschen. Es ist ein Jubiläum zum Mitmachen und zeigt, wie eine Universität arbeitet: gemeinsam und über Grenzen hinweg."
Das Verzeichnis in Zahlen
- 72 Seiten, jede ein Halbkreis
- Kugelradius 152,7 mm, nach dem Gründungsjahr 1527
- 287 Veranstaltungen, 30 Tätigkeiten, 6 Perspektiven
- Zeitraum: Oktober 2026 bis Dezember 2027
- Weltkarte: Azimutalprojektion, Zentrum Alte Universität Marburg (50,8079° N, 8,7718° O)
- 303 Orte, 368 Studienkooperationen, alle Kontinente
- Kartenrand in 20.015 km Entfernung: der Antipode Marburgs im Südpazifik
- Satzraster aus Meridianen und Breitenkreisen, Spaltenbreiten nach dem Kosinus, Textzeilen horizontal
- Über 50 GREP-Ausdrücke steuern die Typografie
- Sichtbare Fadenheftung, 6 Lagen zu je 12 Seiten, ein einziges Papier
- Konzept, Gestaltung und Programmierung: Sebastian Peetz, peetz & le peetz design
- Die Universität dankt ihren Unterstützerinnen und Unterstützern sowie der IGEPA group für die Bereitstellung des Papiers.
Über Sebastian Peetz
Sebastian Peetz (*1968 in Hannover) ist Künstler, Typograf und Buchgestalter. Er studierte Typografie, Zeichnen und Design am Art Center College of Design (Europe) in der Schweiz, schloss 1992 mit Auszeichnung ab und arbeitete von 1993 bis 1996 in Paris mit Philippe Apeloig. Peetz versteht das Buch als räumliche Denkfigur, in der Inhalt, Raster und Form eine Einheit bilden. U.a. sein skulpturales Bid Book für Hannovers Bewerbung als Kulturhauptstadt Europas 2025 wurde mehrfach international ausgezeichnet.