21.09.2026 Neue Emmy-Noether-Gruppe untersucht Verantwortung in der Strukturbildung globaler Ordnung
Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert Vorhaben mit über 1,6 Millionen Euro
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, internationale Interventionen und wachsende geopolitische Spannungen zeigen, wie fragil globale Ordnung sein kann. Zugleich greifen selbst in Krisenzeiten Staaten, internationale Organisationen und das Völkerrecht auf etablierte Vorstellungen von Verantwortung zurück, um Verhalten zu begründen, Entscheidungen zu legitimieren und Konflikte zu bearbeiten. Genau diesen Zusammenhang untersucht die neue soziologisch ausgerichtete Emmy-Noether-Gruppe „Globale Verantwortung – Möglichkeiten und Grenzen globaler Ordnungsbildung“ an der Philipps-Universität Marburg. Unter der Leitung von Dr. Henning de Vries verfolgt sie mit einem interdisziplinären Ansatz die Entwicklung globaler Ordnung von der Französischen Revolution bis in die Gegenwart – und nimmt dabei bewusst die langen historischen Linien in den Blick. Die Emmy-Noether-Gruppe wird mit über 1,6 Millionen Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.
„Aktuelle Krisen zeigen uns, wie umkämpft globale Ordnung ist. Sie erklären aber noch nicht, wie diese Ordnung überhaupt entstanden ist und warum sie trotz immer neuer Konflikte nicht einfach zerfällt“, sagt de Vries. „Wir wollen deshalb weiter zurückgehen und über mehr als 200 Jahre rekonstruieren, wie sich globale Strukturen entwickelt haben und welche Rolle Verantwortung dabei gespielt hat. Wie sind internationale Strukturen entstanden? Wie wurden Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten verteilt? Und wie konnte trotz widersprüchlicher Interessen immer wieder internationale Kommunikation ermöglicht werden?“
Verantwortung als Schlüsselbegriff globaler Ordnung
Im Zentrum der Forschung steht der Begriff der Verantwortung. Sie wird dabei nicht allein als moralische Verpflichtung verstanden, sondern als eine Struktur, die Erwartungen stabilisiert und Verhalten unter unsicheren Bedingungen ermöglicht.
„Verantwortung wird besonders dort relevant, wo nicht selbstverständlich ist, wer handeln soll, wer entscheiden darf und wem etwas zugerechnet werden kann“, erklärt de Vries. „Wir wollen rekonstruieren, wie solche Fragen bearbeitet wurden – und wie daraus Strukturen globaler Ordnung entstanden sind.“ Die Forschenden untersuchen dafür drei zentrale Bereiche: die Entwicklung des humanitären Völkerrechts und des Völkerstrafrechts, die Herausbildung staatlicher Souveränität sowie die Entstehung internationaler Organisationen – vom Europäischen Konzert über den Völkerbund bis zu den Vereinten Nationen.
Ziel der Emmy-Noether-Gruppe ist es, diese Funktion von Verantwortung historisch und soziologisch präzise zu bestimmen und empirisch zu rekonstruieren. Auf dieser Grundlage soll eine empirisch fundierte Theorie globaler Ordnungsbildung entwickelt werden, in der globale Verantwortung eine zentrale Rolle einnimmt.
Historische Entwicklungslinien statt Momentaufnahmen
Die Gruppe betrachtet drei große Phasen: vom Wiener Kongress bis 1914, von 1914 bis 1939 und von 1939 bis heute. Anhand von völkerrechtlichen Verträgen und diplomatischen Dokumenten untersucht sie, wie sich Vorstellungen von Verantwortung und internationaler Ordnung verändert haben.
„Wir wollen nicht einfach eine Geschichte internationaler Institutionen schreiben“, betont de Vries. „Uns interessiert, welche Muster sich hinter den Entscheidungen und Konflikten erkennen lassen. So können wir sichtbar machen, was sich über die Zeit verändert hat – aber auch, welche Strukturen erstaunlich stabil geblieben sind.“
Aus den historisch-soziologischen Analysen soll eine empirisch fundierte Theorie globaler Ordnungsbildung entstehen. Der Verantwortungsbegriff dient dabei als verbindendes Element.
„Globale Ordnung ist heute brüchiger und umkämpfter denn je. Umso wichtiger ist es, ihre historisch-soziologischen Grundlagen zu verstehen“, sagt Prof. Dr. Gert Bange, Vizepräsident für Forschung der Philipps-Universität Marburg. „Die neue Emmy-Noether-Gruppe verbindet eine hochaktuelle Fragestellung mit einem langfristigen historischen Forschungszugriff und stärkt damit das sozialwissenschaftliche Profil der Philipps-Universität. Ich gratuliere Dr. de Vries sehr herzlich zu diesem Erfolg und zur Einwerbung der Emmy-Noether-Gruppe. Dass wir mit seiner Gruppe mittlerweile zehn aktive Emmy-Noether-Gruppen in ganz unterschiedlichen Disziplinen haben, zeigt zugleich die große thematische Breite und wissenschaftliche Dynamik der Universität Marburg.“
Forschungsschwerpunkt globale Ordnung
Die Emmy-Noether-Gruppe knüpft an die bisherigen Arbeiten von Dr. Henning de Vries an. In seiner Dissertation untersuchte er die strukturellen Voraussetzungen internationaler Strafverfolgung und insbesondere das Verhältnis von staatlicher und internationaler Strafverfolgung im Kontext des Internationalen Strafgerichtshofs. Weitere Arbeiten beschäftigen sich mit der Zurechnung von Kriegsverbrechen und der historisch-soziologischen Entwicklung des humanitären Völkerrechts.
De Vries ist seit 2023 Geschäftsführer des International Centre for War Crimes Trials an der Philipps-Universität Marburg. Zuvor arbeitete er am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen globale Ordnung, Weltgesellschaftsforschung, Rechtssoziologie, Gewaltsoziologie und soziologische Theorie.
Zum Emmy-Noether-Programm
Die Forschungsgruppe wird im Rahmen des Emmy-Noether-Programms der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Das Programm ermöglicht herausragend qualifizierten Wissenschaftler*innen in einer frühen Karrierephase, über die eigenverantwortliche Leitung einer Forschungsgruppe ein eigenständiges Forschungsprofil zu entwickeln und sich für eine Hochschulprofessur zu qualifizieren. Die Förderung ist auf sechs Jahre angelegt.
Kontakt
Dr. Henning de Vries
Tel.: 06421 28-26895
Mail: henning.devries@jura.uni-marburg.de
Geschäftsführer
International Centre for War Crimes Trials (ICWC)
Philipps-Universität Marburg