21.10.2026 „Synthetische Biologie ist eine enorme Chance für unsere Zukunft“
Prof. Tobias Erb wurde in die deutsche Akademie der Technikwissenschaften (acatech) aufgenommen
Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts für terrestrische Mikrobiologie:
Der Mikrobiologe Tobias Erb, Direktor am Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie und Professor an der Philipps-Universität Marburg, wurde am Dienstag in Berlin in die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (acatech) aufgenommen. Die Akademie steht unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten und berät Politik sowie Gesellschaft unabhängig, faktenbasiert und gemeinwohlorientiert zu technologischen Zukunftsthemen.
Tobias Erb sieht seine Aufnahme als große Ehre und zugleich als Chance, wissenschaftliche Innovationen in Gesellschaft und Wirtschaft zu tragen. Für ihn steht eine zentrale Frage im Fokus: „Wie können wir mithilfe neuer Technologien die Welt von morgen nachhaltig gestalten und gleichzeitig Lebensstandard sowie Wohlstand sichern?“
Mikroorganismen für nachhaltige Rohstoffproduktion nutzen
In seiner Forschung widmet sich Erb der Nutzung des Treibhausgases Kohlendioxid mithilfe synthetischer Biologie als nachhaltige Rohstoffquelle. Er ist Co-Sprecher des Marburger Exzellenzclusters Microbes-4-Climate, der die besonderen Fähigkeiten von Mikroorganismen fokussiert. „Diese winzigen Organismen sind nahezu überall vorhanden und tragen seit Jahrmilliarden zum Gleichgewicht unserer Welt bei. Sie entziehen der Atmosphäre Treibhausgase, erhalten die Fruchtbarkeit der Böden und können Millionen verschiedener chemischer und pharmazeutischer Substanzen nachhaltig produzieren“, erläutert Erb. Neue Technologien eröffnen zunehmend Möglichkeiten, das Potenzial der Mikroorganismen für die Biotechnologie zu erschließen. Mithilfe synthetischer Biologie können Forschende Zellen gezielt umprogrammieren, damit sie bestimmte Stoffe herstellen oder neue Funktionen übernehmen.
Ein Beispiel ist die künstliche Fotosynthese, die Tobias Erb mit seinem Team entwickelt. Sie soll Kohlendioxid effizienter und schneller als natürliche biologische Prozesse aus der Luft filtern. Solche Ansätze könnten nicht nur die CO₂-Entnahme aus der Atmosphäre verbessern, sondern auch die Produktion von Lebensmitteln und biobasierten Rohstoffen steigern. Dadurch bietet sich die Möglichkeit, die chemische Industrie von fossilen Rohstoffen wie Erdöl unabhängig zu machen.
Laborautomation und KI beschleunigen biotechnologische Forschung
Auch die Arbeitsweise in der Forschung verändert sich schnell. In seiner Arbeitsgruppe entwickelt Tobias Erb neue Methoden, die zunehmend auf Laborautomation und künstlicher Intelligenz basieren. Am Max-Planck-Institut in Marburg sowie am benachbarten Zentrum für Synthetische Mikrobiologie sind diese Technologien bereits fester Bestandteil des Forschungsalltags. „Roboter führen inzwischen unsere Experimente durch, wodurch wir fünf- bis zehnmal schneller arbeiten. Das steigert unseren Wissensgewinn erheblich und beschleunigt die Umsetzung unserer Erkenntnisse in technologische Lösungen“, erläutert Erb.
Für seine wegweisende Forschung zur künstlichen Fotosynthese wurde der Wissenschaftler aus Marburg mehrfach ausgezeichnet. Er erhielt unter anderem den Otto-Bayer-Preis, den Future Insight Award sowie den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der als eine der bedeutendsten Auszeichnungen für Forschende in Deutschland gilt.
In seinem Labor am Max-Planck-Institut beobachtet Erb eine neue, internationale Generation von Bioingenieurinnen und Bioingenieuren. Viele entwickeln eigene Ideen, die sie nicht nur in der akademischen Forschung verfolgen, sondern auch durch die Gründung von Start-ups umsetzen möchten. Trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage sieht Erb Chancen, dass aus der Forschung in Marburg neue Biotech-Unternehmen entstehen. Die Hürden für die Umsetzung wissenschaftlicher Innovationen sind jedoch weiterhin hoch. Deshalb hält er es für wichtig, die Innovationsbereitschaft zu stärken und die Entwicklung neuer Technologien sowie deren Ansiedlung in Deutschland gezielt zu fördern. Dafür sind Rahmenbedingungen erforderlich, die Unternehmensgründungen erleichtern und den Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis beschleunigen – insbesondere im internationalen Wettbewerb.
Deutsche Akademie der Technikwissenschaften fördert Innovation
Akademien wie acatech können einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie frühzeitig und im Dialog mit verschiedenen Akteuren aus Gesellschaft und Politik Chancen und Risiken neuer Technologien bewerten. Welche Auswirkungen haben diese Entwicklungen auf den Alltag der Menschen? Wie verändern sie die Arbeitswelt, etwa in Landwirtschaft und chemischer Industrie? Und wie können sie dazu beitragen, Abhängigkeiten von fossilen Rohstoffen zu reduzieren?
Trotz der Begeisterung für technologische Innovationen ist es Erb wichtig, auch mögliche Folgen zu berücksichtigen. „Wir sollten nicht gegen die Natur, sondern mit der Natur arbeiten, um neue Lösungen gegen den Klimawandel zu entwickeln.“ Er blickt zuversichtlich in die Zukunft: „Deutschland und Europa bleiben bedeutende Innovationsstandorte und attraktiv für Forschende aus aller Welt. Entscheidend ist nun, wissenschaftliche Erkenntnisse in konkrete Anwendungen zu überführen und die Chancen neuer Technologien verantwortungsvoll zu nutzen. Das wird mitentscheiden, wie wir künftig leben – wie wohlhabend, frei und nachhaltig unsere Welt von morgen sein wird.“
Über acatech – die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften: Herausragende Forschende bilden die Grundlage der inhaltlichen Arbeit der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech). Die rund 600 Mitglieder werden aufgrund ihrer wissenschaftlichen Leistungen und Reputation in die Akademie aufgenommen. Sie stammen aus den Ingenieur- und Naturwissenschaften, der Medizin sowie den Geistes- und Sozialwissenschaften. Die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften arbeitet unabhängig, faktenbasiert und gemeinwohlorientiert. Sie berät Politik und Gesellschaft in Deutschland mit dem Ziel, nachhaltiges Wachstum durch Innovation zu fördern. Über Ländergrenzen hinweg ist sie zudem Stimme der Technikwissenschaften im Ausland.