14.07.2026 Dialekt trainiert Gehirn so gut wie Zweisprachigkeit
Marburger Forschungsteam untersuchte Hirnstruktur bei Dialektsprechenden – Veröffentlichung in „Nature: Scientific Reports“
Dialekt galt in Deutschland jahrzehntelang als Bildungshindernis. Ein interdisziplinäres Forschungsteam der Philipps-Universität Marburg hat jetzt das Gegenteil gezeigt: Dialektkompetenz wirkt sich nach einer aktuellen Studie positiv auf die sprachlichen Fähigkeiten aus. Der Erwerb eines Dialekts neben der Standardsprache führt demnach zum selben hirnphysiologischen Ausbau wie Zweisprachigkeit und fördert genau die sprachlichen Fähigkeiten, die für den Erwerb und Gebrauch von weiteren Sprachen benötigt werden.
Die Ergebnisse der Studie publizierte das Autorenteam um den Marburger Phonetiker und Neurolinguisten Prof. Dr. Mathias Scharinger und den früheren Direktor des Forschungszentrums Deutscher Sprachatlas, den Dialektologen Prof. Dr. Jürgen E. Schmidt, in „Nature: Scientific Reports“.
In der nun veröffentlichten Studie hat das interdisziplinäre Team der Universität Marburg aus den Bereichen Neurolinguistik, Dialektologie, Physik und Medizin erstmals die sprachverarbeitenden Gehirnbereiche von Dialekt- und Nichtdialektsprechenden mit hochauflösenden bildgebenden Verfahren (MRT) vermessen.
„Es ist bekannt, dass der frühe Erwerb einer zwei- oder mehrsprachigen Kompetenz dazu führt, dass bestimmte Bereiche des sprachverarbeitenden Gehirnnetzwerks stärker ausgebaut sind als bei einsprachig sozialisierten Personen. Wir wollten der Frage nachgehen, welche Rolle die Dialektbeherrschung in diesem Zusammenhang spielt“, erläutert Prof. Dr. Jürgen E. Schmidt.
Wer im heutigen Deutschland mit einem Basisdialekt aufgewachsen ist, ist zugleich seit der Kindheit mit der medial omnipräsenten Standardsprache vertraut und beherrscht in der Regel zwei Sprachformen (Varietäten) des Deutschen. Solche Personen verfügen daher im Gegensatz zu den nur im Standarddeutschen Sozialisierten über eine „bivarietäre“ bzw. „bilektale“ Kompetenz.
In der Studie wurden 26 dialektkompetente Personen aus der nördlichen Hälfte Hessens mit 23 nur im Standarddeutschen sozialisierten Personen verglichen. Im Gegensatz zu dem deutschlandweit bekannten Regiolekt des Frankfurter Raums zeichnen sich die zentral-, ost- und nordhessischen Dialekte durch eigenständige Sprachstrukturen aus, die sich von der Standardsprache unterscheiden und von „einsprachigen“ Deutschen nicht verstanden werden.
Als Maß für die Dialektbeherrschung wurde ein Test für den „ai“-Laut verwendet, der so genannte „ai“-Test. Er wurde am Deutschen Sprachatlas entwickelt und beruht auf einer Lautentwicklung: Der schrift- und standardsprachliche [ai]-Laut geht entweder auf einen vordeutschen Diphthong (Laut aus zwei verschiedenen Vokalen), also /äi/ oder /ai/ zurück (wie in Bein), oder auf den Langvokal /i:/ (wie in Iis von Eis).
Zunächst in der Schrift, dann in der regionalen Umgangssprache und noch später in der Standardaussprache sind diese Laute im Lauf der vergangenen 500 Jahre zusammengefallen. Dagegen ist der historische Lautunterschied in praktisch allen Dialekten bis heute erhalten, allerdings in zum Teil stark gewandelter Form: Je nach Dialekt kann Bein daher Been, Bään, Baan oder Boan lauten. Auch haben die historischen Diphthonge und die Langvokale oft ihre Wortzuordnung getauscht.
„Einsprachig“ Standarddeutsche scheitern an dem Versuch, den vorgegebenen hochdeutschen ai-Wörtern die korrekte Dialektform zuzuordnen. Ob und in welchem Maß eine vorgeblich dialektkompetente Person die ortstypischen Dialektformen und Wortzuordnungen beherrscht, wurde anhand der einzigartigen Dialektdokumentation des Forschungszentrums überprüft.
„Für die Untersuchung der hirnmorphologischen Stukturdifferenzen haben wir zwei sich ergänzende Standardmaße verwendet, die kortikale Dicke, also den Querschnitt der Großhirnrinde, und das Volumen der ,grauen Substanz‘“, erläutert Prof. Dr. Mathias Scharinger. „Das wichtigste Ergebnis der Studie ist, dass sich die Hirnstruktur von Bilektalen, also Menschen, die einen Dialekt und das Standarddeutsche beherrschen, in bestimmten Teilen des sprachverarbeitenden Netzwerks (siehe Abbildung) signifikant in Dicke und Volumen im Vergleich zu nur Standarddeutsch Sprechenden unterscheidet.“
Beide Maße weisen demnach bei Dialektsprechenden in diesen Teilen höhere Werte auf, und zwar in vergleichbaren Regionen, die auch bei zwei- und mehrsprachigen Personen identifiziert werden konnten. Es handelt sich vor allem um drei Bereiche: die mittlere Schläfenlappenwindung (beidseitig), der unter anderem eine wichtige Rolle in der Lautverarbeitung zugeschrieben wird, der innenliegende Inselkortex, der als Kern des sprachprozessierenden Netzwerks gilt sowie der orbito-frontale Kortex, der die kognitive Kontrolle und damit auch das Code-Switching unterstützt.
Die Leistung im „ai“-Test der dialektkompetenten Versuchspersonen korrelierte zudem mit dem Volumen in der beidseitigen mittleren Schläfenlappenwindung. „Damit konnte bestätigt werden, dass die Unterschiede zwischen den Dialekt- und Nicht-Dialektsprechenden in der Tat auf Übung und Training im Dialekt zurückgehen“, ergänzt Scharinger.
Originalpublikation: Mathias Scharinger/ Jürgen E. Schmidt/ Jens Sommer/ Andreas Jansen (2026) Brain-structural differences underlying dialect competence in the bilingual network. In: Nature: scientific reports. 16: 20055; DOI: https://doi.org/10.1038/s41598-026-59884-y; https://rdcu.be/frpMf.
Kontakt:
Prof. Dr. Mathias Scharinger
Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas
Philipps-Universität Marburg
Tel.: 06421 28-24699
E-Mail: mathias.scharinger@staff.uni-marburg.de
Prof. Dr. Jürgen E. Schmidt
Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas
Philipps-Universität Marburg
Tel.: 06421 28-24526
E-Mail: schmidtj@staff.uni-marburg.de