21.10.2020 Universität Marburg vergibt Frauenförderpreis 2020

Auszeichnung für Prof. Dr. Katja Becker, Prof. Dr. Dominik Heider und Dr. Pierre Hecker

Foto: Christian Stein
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Familienfreundliche Arbeitsbedingungen in der Medizin stärken, Hemmschwellen bei naturwissenschaftlichen Fächern abbauen und systemkritischen Wissenschaftlerinnen in der Türkei Gehör verschaffen – Prof. Dr. Katja Becker, Prof. Dr. Dominik Heider und Dr. Pierre Hecker haben sich in besonderer Weise für die Förderung von Frauen engagiert. Dafür erhalten sie den mit 2.500 Euro dotierten Frauenförderpreis 2020 der Philipps-Universität Marburg.

„Ich gratuliere der Preisträgerin und den Preisträgern herzlich und bedanke mich für ihre Tatkraft. Sie leisten einen wichtigen Beitrag, dass Frauen in einer bisher von Männern dominierten Umgebung besser Fuß fassen“, sagt Prof. Dr. Katharina Krause, Präsidentin der Philipps-Universität. „Denn noch immer sind Frauen in der Wissenschaft unterrepräsentiert, besonders in naturwissenschaftlichen Fächern. Mit dem Frauenförderpreis setzen wir ein wichtiges Zeichen für die Gleichstellung und stärken das Engagement der Mitglieder der Universität“, sagt Krause und ergänzt: „Ich bedanke mich auch beim Beirat des Frauenförderpreises, der die Preisträgerin und die Preisträger ausgewählt hat.“

Dr. Nina Schumacher, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Universität Marburg: „Wir decken mit dem diesjährigen Preis gleich drei Felder ab, die in der gegenwärtigen Gleichstellungsarbeit von besonderer Bedeutung sind. Neben der Stärkung von Frauen in Führungspositionen und der Förderung von Naturwissenschaftlerinnen, ist die stetige Positionierung gegen antidemokratische und antifeministische Tendenzen in den letzten Jahren zu einer Aufgabe geworden. Ich freue mich besonders, dass auch dieses gesellschaftspolitische Engagement im Rahmen der diesjährigen Preisverleihung sichtbar wird.“

Seit 2008 ist Dr. Katja Becker Professorin für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Fachbereich Medizin der Philipps-Universität Marburg und Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Ihr Engagement für die Förderung von Frauen, das Verständnis und die besondere Fürsorge für die Familienbedürfnisse der ihr anvertrauten Mitarbeiterinnen wird unter anderem in der Personalstruktur der Klinik deutlich: Der Frauenanteil ist sowohl bei den Professuren (3 von 3), Oberärztinnen und Oberärzten (4 von 8) sowie bei den wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Beschäftigten (61 von 78, der Pflegebereich ausgenommen) sehr hoch. Dies begründet sich unter anderem auch darin, dass für Frauen, die aus familiären Gründen in Teilzeit arbeiten möchten nach Lösungen gesucht wird, wie sie ihre Leitungsfunktion möglichst behalten können – dies ist nicht nur in der Medizin immer noch selten. Zum Thema „Karriere mit und ohne Kind“ zu informieren und zu beraten, ist Becker ein persönliches Anliegen – sie hat eine entsprechende Lehrveranstaltung sowie individuelle Beratungsmöglichkeiten für Medizinstudentinnen ins Leben gerufen. Auch für künftige Chefärztinnen für Kinder- und Jugendpsychiatrie ist sie eine wichtige Ratgeberin. Als Mentorin des Deutschen Ärztinnenbundes unterstützt sie darüber hinaus Mentees in ihren unterschiedlichen Karrierestufen. „Vielen Dank für diese Ehrung und den Preis, den ich gerne stellvertretend für die großartigen Frauen in unserer Klinik annehme. Erfolg in der Wissenschaft und auch in der Krankenversorgung ist immer das Ergebnis von vielen und gutem Teamplay und nicht von Einzelpersonen“, sagt Becker.

Prof. Dr. Dominik Heider, Leiter der Arbeitsgruppe Data Science in der Biomedizin am Fachbereich Mathematik und Informatik der Universität Marburg, hat innerhalb der Universität aber auch darüber hinaus sichtbare Zeichen für die Förderung von Frauen in der Wissenschaft gesetzt. Ein Beispiel: Mit dem von ihm eingeführten Programm „Women in Science“ macht Heider am Fachbereich Werbung dafür, dass Absolventinnen den Schritt in Richtung Forschung wagen. Das Konzept sieht vor, dass in jedem Semester eine Mathematik- bzw. Informatik-Professorin einer anderen Universität nach Marburg eingeladen wird, um einen wissenschaftlichen Vortrag vor einem breiten Hochschulpublikum zu halten. Im Anschluss werden alle Männer gebeten, den Hörsaal zu verlassen. Die anwesenden Frauen, also in der Regel Master-Studentinnen, Doktorandinnen und Postdoktorandinnen, können dann Fragen an die Professorin richten. Ziel ist in erster Linie, die Angst vor einer Karriere in der vermeintlichen Männerdomäne zu nehmen. Darüber hinaus fördert Heider aktiv den Frauenanteil in seiner Arbeitsgruppe – sowohl auf Postdoc-Ebene als auch bei den Promovierenden beträgt dieser 50 Prozent. Der Anteil an weiblichen Mitarbeiterinnen ist damit überproportional, verglichen mit den anderen Arbeitsgruppen des Fachbereichs. „Ich bedanke mich für den Preis und freue mich darüber, dass meine Bemühungen und meine Arbeit gesehen und honoriert werden“, sagt Heider. „Doch eigentlich sollten Aufmerksamkeit, Fokus und Wertschätzung den engagierten, herausragenden und exzellenten Wissenschaftlerinnen, mit denen ich zusammenarbeiten darf, gelten. Stellvertretend für sie nehme ich diesen Preis entgegen und betrachte ihn als Ansporn für den Einsatz für gleichberechtigtes Arbeiten und wertschätzendes Miteinander auf allen Ebenen“, sagt Heider. Diesen Einsatz bringe er nicht zuletzt als Vater zweier Töchter am Beginn ihres Bildungsweges, die er in eine Zukunft ohne Diskriminierung in der Wissenschaft begleiten möchte.

Dr. Pierre Hecker ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet Islamwissenschaft am Centrum für Nah- und Mittelost-Studien (CNMS) der Philipps-Universität. Seit 2017 leitet er das deutsch-türkische Forschungsprojekt „Atheism & The Politics of Culture in Contemporary Turkey“ und setzt sich in besonderer Weise für türkische Wissenschaftlerinnen ein. Das türkische Wissenschaftssystem steht durch die Politik der AKP Regierung bereits seit Jahren stark unter Druck. Es sind besonders Frauen von Repressalien betroffen, die sich im Rahmen der Petition „Akademiker*innen für den Frieden“ („Academics for Peace“) engagiert haben. Viele wurden aus dem Universitätsdienst entlassen, strafrechtlich verfolgt und als angebliche Terrorhelferinnen stigmatisiert. So wird den Frauen einerseits ihre Lebensgrundlage und soziale Sicherheit entzogen und andererseits systemkritische Genderforschung, die viele Wissenschaftlerinnen betrieben haben, unterbunden. Hecker setzt sich unter anderem mittels Vorlesungsreihen mit Wissenschaftlerinnen der „Academics for Peace“, Mentoring und der Beantragung von Finanzierungshilfen für diese Kolleginnen aktiv dafür ein, türkische Wissenschaftlerinnen und ihre Themen sichtbar zu machen. Darüber hinaus organisierte er in der Vergangenheit Exkursionen und Veranstaltungen für Studierende, die die Arbeit lokaler LGBTQ- und Frauenrechtsorganisationen (z.B. KA.DER, Uçan Süpürge) thematisierten. „Die kritische Forschung türkischer Wissenschaftlerinnen zu Frauen- und Menschenrechtsfragen muss sichtbar bleiben und gerade auch in die Lehre Eingang finden, um die Studierenden für diese Themen zu sensibilisieren“, sagt Hecker. „Nur auf diese Weise kann einem autoritären Popularismus, wie wir ihn aktuell in der Türkei erleben, begegnet werden. In diesem Sinne hoffe ich, dass wir an der Universität Marburg die Zusammenarbeit mit türkischen Wissenschaftlerinnen weiter stärken können.“

Hintergrund: Frauenförderpreis der Philipps-Universität

Ausgezeichnet werden Mitglieder oder Angehörige der Universität Marburg, die sich in besonderer Weise für die Förderung von Frauen im wissenschaftlichen oder nichtwissenschaftlichen Bereich engagiert haben. Die Auszeichnung ist mit 2.500 Euro dotiert und wird seit 1998 alle zwei Jahre vergeben. Die feierliche Verleihung des Preises 2020 konnte aufgrund der Coronavirus-Pandemie nicht stattfinden, soll aber nachgeholt werden.  

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