22.09.2026 Zurück zur Alma Mater: Promotionsjubilare feiern in Marburg

Rund 200 Gäste, zwei Promotionsjahrgänge und ein Wiedersehen nach Jahrzehnten: Zum silbernen und goldenen Promotionsjubiläum kehrten rund 100 ehemalige Promovierende an ihre Universität zurück

Foto: Christian Stein
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Rund 200 Gäste, zwei Promotionsjahrgänge und ein Wiedersehen nach Jahrzehnten: Zum silbernen und goldenen Promotionsjubiläum kehrten rund 100 ehemalige Promovierende an ihre Universität zurück. Gemeinsam mit früheren Weggefährtinnen und Weggefährten feierten sie ihre Jubiläen und ließen Erinnerungen an ihre Promotionszeit aufleben.

1976 und 2001 waren in vielerlei Hinsicht besondere Jahre: 1976 landete Viking 1 als erste Raumsonde erfolgreich auf dem Mars, Apple wurde gegründet und die Concorde nahm ihren Linienbetrieb auf. Ein Vierteljahrhundert später gingen Wikipedia und iTunes online, Apple stellte den ersten iPod vor und die Anschläge vom 11. September veränderten die Welt nachhaltig. Für die ehemaligen Promovierenden der Philipps-Universität Marburg markieren die beiden Jahre jedoch vor allem eines: den Abschluss ihrer Promotion.

Zum silbernen und goldenen Promotionsjubiläum kehrten die Alumni aus ganz Deutschland und dem Ausland an ihre Alma Mater zurück. 25 oder 50 Jahre liegen zwischen damals und heute – manche Erinnerungen fühlen sich trotzdem erstaunlich nah an. Im Publikumsgespräch erzählten die Silber- und Goldjubilare von ihrer Promotionszeit in Marburg: von prägenden Momenten in Forschung und Universität, von Freundschaften und langen Abenden mit Kommilitoninnen und Kommilitonen. Die Erzählungen machten deutlich, wie sehr sich Universität und Promotionsalltag in diesen Jahrzehnten verändert haben – und wie viele Erinnerungen geblieben sind.

Ein Fest in der Aula der Alten Universität

In der festlichen Atmosphäre der traditionsreichen Alten Aula der Philipps-Universität überreichte Vizepräsidentin Prof. Dr. Sabine Pankuweit den Jubilarinnen und Jubilaren ihre Ehrenurkunden. Gleichzeitig zeichnete sie sechs junge Promovendinnen und Promovenden mit dem Promotionspreis der Philipps-Universität aus. Mit dem Preis würdigt die Universität jährlich herausragende Dissertationen aus vier Fachkulturen und die wissenschaftlichen Leistungen des Nachwuchses. So trafen an diesem Abend zwei Generationen wissenschaftlicher Laufbahnen aufeinander: diejenigen, die vor 25 oder 50 Jahren ihre Promotion abgeschlossen haben, und diejenigen, die am Beginn ihrer wissenschaftlichen Karriere stehen.

Die in drei Sektionen jeweils geteilten Promotionspreise wurden verliehen an Dr. Anna Christina Scheiter und Dr. Ulrika Mientus (Sektion Philosophie, Theologie, Geschichte, Erziehungs-, Sprach- und Kulturwissenschaften), Dr. Peter Michael Schwarz und Dr. Giuseppe Meneghini (Sektion Mathematik und Naturwissenschaften), Dr. Julianne Funk und Dr. Larissa Knöchelmann (Sektion Lebenswissenschaften und Medizin). Vizepräsidentin Prof. Dr. Sabine Pankuweit gratulierte den Preisträger*innen: „Ihre herausragenden Arbeiten sind weit mehr als eine persönliche Bestleistung. Sie sind auch ein Aushängeschild unserer Universität und repräsentieren unsere wissenschaftliche Qualität. Gleichzeitig stärken Ihre Erkenntnisse langfristig das jeweilige wissenschaftliche Feld und dokumentieren dadurch, dass an der UMR Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit gefunden werden."

Ausgezeichnete Promotionen 2024

Dr. Anna Christina Scheiter: ‚Hama‘ als Erinnerungsfigur. Tabu, Schweigen und der Kampf um Deutungshoheit in der syrischen Literatur

In ihrer Dissertation am Fachbereich Fremdsprachliche Philologien zeigt Anna Christina Scheiter, dass Literatur nicht nur Geschichte dokumentiert, sondern aktiv an Erinnerung, Identität und der Aushandlung von Macht, Gerechtigkeit und Aufarbeitung mitwirkt. Das Massaker von Hama 1982 war ein zentrales Instrument der Machtsicherung des Assad-Regimes, wurde jedoch jahrzehntelang tabuisiert und nicht systematisch aufgearbeitet. Die Dissertation untersucht anhand literarischer Texte und Zeitzeug*inneninterviews, wie Hama erinnert, verschwiegen und unterschiedlich politisch gedeutet wird.

Dr. Ulrika Mientus: Über „vollwertiges“ Mensch-Sein und die Legitimation von Gewalt. Ein Aushandlungsprozess zwischen Opferverbänden, Entschädigungspolitik und medizinischer Wissensproduktion im Lichte der NS-Zwangssterilisationen und „Euthanasie“ (1945-70)

Die Arbeit am Fachbereich Geschichte und Kulturwissenschaften untersucht die jahrzehntelangen erfolglosen Bemühungen von Zwangssterilisierten und „Euthanasie“-Geschädigten um Anerkennung und Entschädigung in der Bundesrepublik und zeigt, wie ihre Erfahrungen und Forderungen nach 1945 gedeutet und abgewehrt wurden. Anhand umfangreicher Quellen und der Perspektiven der Betroffenen wird deutlich, dass insbesondere Medizin, Psychiatrie und Ministerialbürokratie ihre Deutungsmacht einschränkten und das NS-Konzept der „Erbkrankheit“ teilweise in die Nachkriegsgesellschaft fortwirkten. Die Studie macht damit sichtbar, wie umkämpft die Anerkennung dieser Menschen als Träger*innen von Menschenrechten war und welche Grenzen das demokratische und menschenrechtliche Selbstverständnis der frühen Bundesrepublik hatte.

Dr. Peter Michael Schwarz: Methods for Constraint Satisfaction, Error Handling, and Data Recovery in DNA Data Storage

Die Dissertation am Fachbereich Mathematik und Informatik untersucht, wie digitale Daten mithilfe synthetischer DNA langfristig, platzsparend und fehlerrobust gespeichert werden können, wobei biologische Restriktionen und mögliche Fehler berücksichtigt werden müssen. Dafür wurden unter anderem der Simulator MESA, die Kodierungsverfahren NOREC4DNA, DNA-Aeon und OFC4DNA sowie die Sequenzierungspipelines Natrix und RepairNatrix entwickelt, um Speicherung, Fehlerkorrektur und Datenverarbeitung zu optimieren. Abschließend ermöglicht DR4DNA die Wiederherstellung beschädigter Dateien, wodurch DNA-Speicher zuverlässiger werden und sich hinsichtlich Robustheit und Effizienz konventionellen Speichermedien annähern.

Dr. Giuseppe Meneghini: Hybrid Exciton Thermalization in Atomically-Thin Semiconductors

Die Dissertation am Fachbereich Physik untersucht die ultraschnelle Dynamik von Exzitonen in zweidimensionalen Übergangsmetalldichalkogeniden (TMDs) und deren Heterostrukturen, insbesondere die Bildung, Relaxation und Zerfallsprozesse von Hybrid- und Moiré-Exzitonen. Mit einem fortgeschrittenen Vielteilchenansatz konnte erstmals gezeigt werden, dass phononenvermittelter Ladungstransfer zwischen den TMD-Schichten auf Femtosekunden-Zeitskalen durch dunkle Hybrid-Exzitonenzustände erfolgt. Zudem zeigt die Arbeit, dass unter bestimmten Bedingungen langlebige angeregte Exzitonenzustände mit effizienter Lichtemission entstehen können, wodurch sich neue Perspektiven für Lichtquellen und Quantentechnologien eröffnen.

Dr. Julianne Funk: Decoding the TP53 mutome: CRISPR perspectives on functional diversity and therapeutic interventions

Die Dissertation am Fachbereich Medizin liefert mit einer CRISPR-basierten Hochdurchsatzmethode eine umfassende funktionelle Analyse von 9.225 TP53-Mutationen und schafft damit eine wichtige Grundlage für die präzisere Klassifikation bislang unklarer Varianten und die personalisierte Krebsmedizin. Die Arbeit verbindet diese Daten mit innovativen Therapieansätzen, darunter die gezielte Korrektur von RNA-Verarbeitungsfehlern sowie die Reaktivierung der p53-Tumorsuppressorfunktion in HPV-bedingten Tumoren, und integriert die Ergebnisse in die internationale TP53-Mutationsdatenbank PHANTMv2.0. Ergänzend entwickelte neuartige Lungenkrebs-Mausmodelle mit hochauflösendem Tumormonitoring ermöglichen die realitätsnahe Untersuchung von Krankheitsmechanismen und neuen Behandlungsstrategien und stärken damit die translationale Krebsforschung.

Dr. Larissa Knöchelmann: Addressing Affective Polarization: Intellectual Humility in Controversial Political Debates

Die Dissertation am Fachbereich Psychologie untersucht intellektuelle Bescheidenheit – also das Anerkennen eigener Wissensgrenzen – als möglichen Ansatz, um politischen Dialog und gesellschaftlichen Zusammenhalt trotz zunehmender Polarisierung zu stärken. Die Studien zeigen, dass intellektuelle Bescheidenheit in Deutschland zuverlässig messbar ist, die Bereitschaft zu politischen Interaktionen fördern kann und durch kurze psychologische Interventionen gezielt gestärkt werden kann. Zukünftige Forschung sollte untersuchen, ob sich diese Effekte auch im tatsächlichen politischen Verhalten zeigen und wie intellektuelle Bescheidenheit wirksamer für politische Bildung und den Abbau von Polarisierung genutzt werden kann.

Feierliche Runde mit Weggefährt*innen und Wegbegleitern

Ein Wiedersehen gab es auch zwischen ehemaligen Doktoranden und ihren akademischen Wegbegleitern: Gleich vier Promotionsbegleiter von damals waren als Ehrengäste dabei und trafen ihre früheren Doktorandinnen und Doktoranden Jahrzehnte später wieder. Und auch privat hat Marburg bei manchen Jubilaren bleibende Spuren hinterlassen: Mehrere Ehepaare lernten sich während ihrer Studienzeit an der Philipps-Universität kennen und gingen ihren weiteren Weg gemeinsam.

Für musikalische Akzente sorgten die Sängerin Ulla Keller sowie die Musiker Artur Deja und Jan Simon. Mit ihren Stücken nahmen sie das Publikum mit auf eine musikalische Zeitreise durch die vergangenen Jahrzehnte.

Beim anschließenden Weinempfang ging der Abend in geselliger Runde weiter. Ehemalige Weggefährtinnen und Weggefährten tauschten Geschichten aus, erzählten von gemeinsamen Erlebnissen und ließen ihre Marburger Promotionszeit noch einmal lebendig werden.

Seit 2018 bringt das silberne und goldene Promotionsjubiläum ehemalige Promovierende aus dem In- und Ausland an ihre Alma Mater zurück. Die Philipps-Universität würdigt damit die wissenschaftlichen Leistungen ihrer Alumni und gibt ihnen zugleich Gelegenheit, die Verbindung zu Marburg und untereinander weiterzuführen.

Organisiert wurde die Feier von der Stabsstelle Fundraising & Alumni-Service der Philipps-Universität Marburg. Unterstützt wurde die Veranstaltung vom Café Vetter und dem Marburger Restaurant Aroma, das mit seinem Catering für die kulinarische Begleitung des Abends sorgte.

Weitere Informationen
https://www.uni-marburg.de/de/universitaet/profil/universitaetundgesellschaft/fundraising

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