03.04.2018 Burg Rheinfels im Hauch der Globalgeschichte

Der Chinamissionar Martino Martini auf Dienstreise zum Vatikan (1654)

Foto: © Bildarchiv Foto Marburg / Michael Jeiter

Zu den herausragenden Persönlichkeiten, die zur Frühneuzeit in den Verbindungen zwischen Europa und China wirkten, zählt der aus Trient stammende Jesuit Martino Martini (1614-1661). Sein Leben, Werk und Wirkung beschäftigen seit zwei Generationen intensiv die internationale Forschung, weit über Italien und China hinaus

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Foto: Niklot Klüßenforf

Martini wirkte von 1642 bis 1651 und von 1658 bis zu seinem Tod in Hangzhou als Missionar in China. Seine Argumente für die Tolerierung der chinesischen Totenriten reformierten die Einstellung des Vatikans gegenüber China. So wurde das für die praktische Theologie der Kirche bedeutende Akkomodationsedikt des Heiligen Offiziums vom 23. März 1656 zum Meilenstein für die Missionserfolge der Jesuiten bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts. Anders als in der früheren Missionspraxis der Dominikaner und Franziskaner ließ man chinesische Neuchristen ihre althergebrachten Riten und Zeremonien weiterführen. Fortan galt die im Konfuzianismus verankerte Ahnenverehrung als weltliche Praxis.

Für den blutigen Krieg der vierziger Jahre, in der die aus der Mandschurei kommenden Qings in China die seit 1368 regierende Ming-Dynastie ablösten, war Martini mit seinen Kontakten zu beiden Seiten ein gefragter Zeitzeuge in Europa. Der als Wissenschaftler hochangesehene Pater vermittelte dies 1654 in dem Buch vom „Tartarischen Krieg“, ein Jahr später erschien sein Hauptwerk, der „Neue Atlas von China“. Martini nutzte die sechsjährige, geradezu abenteuerliche Dienstreise zur Berichterstattung beim Vatikan für den Druck seiner Arbeiten, die Gewinnung von Missionaren und Kontakte zu Sponsoren. Als der Missionsprokurator Martini endlich 1654 aus den Niederlanden nach Rom beordert wurde, war er bereits prominent. In seinen letzten Jahren kam er in der Kirche für die Chinamission und in der Wissenschaft zu einer Wirkung, die weit über seine Zeit hinausging.

In diesem globalgeschichtlichen Fragenkreis setzt Professor Niklot Klüßendorf Akzente mit einer landesgeschichtlichen Quelle. Diese bringt auch im Hinblick auf das umfangreiche, sechs Sammelbände umfassende Oeuvre des Paters neue Aspekte. Einen Höhepunkt seiner der Reise nach Rom bildete die Station auf Burg Rheinfels oberhalb von St. Goar am Mittelrhein. Vom 25. bis zum 27. Juli 1654 besuchte er Landgraf Ernst I. von Hessen-Rheinfels (* 1623, † 1693). Dieser gehörte zur Linie Hessen-Rotenburg, die 1627 zur Versorgung der Kinder von Landgraf Moritz dem Gelehrten (reg. 1592-1627, †1632) aus dessen zweiter Ehe als ein Viertel aus der Landgrafschaft Hessen-Kassel abgetrennt wurde. Als staatsrechtliche Besonderheit unterstand die „Rotenburger Quart“ bei eingeschränkter Landeshoheit der Hauptlinie Kassel. Ernst gelang es nicht, sein Ländchen in ein souveränes Reichsterritorium umwandeln zu lassen.

Ernst trat 1652 in Köln unter jesuitischem Einfluss zum Katholizismus über und strebte die Wiederannäherung der Konfessionen an, so durch Ausrichtung von Religionsgesprächen. Der vielsprachige frühere Militär, der mit Geistesgrößen in aller Welt, so mit Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), korrespondierte, informierte sich bei Martini aus erster Hand über die Mission in China und ließ das Gehörte zu Papier bringen. So sorgte er für eine einzigartige Dokumentation der Vortrags- und Predigtreihe Martinis über die Mission und die Landeskunde von China.

Ernst I. sandte den Text an den landgräflichen Hof seines Neffen Wilhelm VI. in Kassel. Denn der prestigeträchtige Besuch aus dem fernen, für seine Kunst und Kultur in der fürstlichen Sphäre geschätzten China sollte die Reputation des einzigen hessischen Landgrafen katholischen Glaubens steigern.

Niklot Klüßendorf, Werbung für die Mission der Jesuiten in China. Pater Martino Martini zu Gast bei Landgraf Ernst I. von Hessen-Rheinfels (1654), in: Herold-Jahrbuch, N. F., Bd. 22 (2017), S. 101-153, 8 Abb. (ISSN 1432-2773; ISBN 978-3-9804875-3-5 ). Bezugsquelle: Herold e. V., Archivstraße 12-14, D-14195 Berlin, E-Mail: .

Foto der Burg: Bildarchiv Foto Marburg / Michael Jeiter

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