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Kolumbien – ein Land mit zwei Gesichtern

Reisestipendium für eine Diplomarbeit über die kolumbianische Tourismusindustrie

Der schlechte Ruf Kolumbiens im Ausland verwundert niemanden. Die Nachrichten über Drogenkartelle, violencia (s.u.) und guerrillas haben in der Welt ein Bild hinterlassen, das die vielen Schönheiten, die das Land zu bieten hat, völlig außer acht lässt. Auch nach der Zerschlagung der Kartelle von Cali und Medellín hat sich noch nicht sehr viel geändert. Mindestens einmal im Jahr wird in den USA, aber auch in anderen Ländern, die Empfehlung ausgesprochen, nicht nach Kolumbien zu reisen. Aufgrund der immer wieder vorkommenden Entführungen von Touristen ist dies wenig erstaunlich.

Auch meine Familie war nicht besonders über meinen Plan erfreut, nach Kolumbien zu reisen. Aber ich wollte ja nicht in die Kokaanbau- oder Guerrillagebiete des Landes fahren, die zumeist in unzugänglichen Berg- oder Tieflandregionen liegen. Zielregion meines dreimonatigen Forschungsaufenthaltes, der der Datenerhebung für meine Diplomarbeit im Fach Geographie diente, waren zwei kleine Departments an der westlichen Abdachung der Zentralkordillere Kolumbiens: Caldas und Quindio, die mit 9.733 km2 nur 0,85% der Gesamtfläche Kolumbiens einnehmen. Während Caldas von sehr steilen Berghängen geprägt ist, überwiegt im Quindio eine sanftere Hügellandschaft. Diese beiden Departments waren bis 1966 Teil einer Region, die zusammen mit einem dritten – Risaralda – als Viejo Caldas bezeichnet wurde und die für die kolumbianische Wirtschaft von zentraler Wichtigkeit war und ist: Es ist das Hauptanbaugebiet für Kaffee, das wichtigste agrarische Exportprodukt des Landes.

Ziel der Reise war eine Untersuchung zur Tourismusentwicklung im ländlichen Raum der Departments, denn der Viejo Caldas hat in den letzten Jahren einen wahren Boom im Tourismussektor erfahren. Neben der Datenerhebung zu strukturellen Merkmalen des Angebotes waren die Bedeutung des Tourismus für die Beteiligten vor Ort sowie die Möglichkeiten des Marketing und der Tourismusförderung zentrale Bestandteile der Betrachtungen.

Die Kolumbianer entdecken die Region als neues Reiseziel, das eine willkommene Abwechslung zum altbekannten Strandtourismus bietet. Der internationale Tourismus hat in der Kaffeezone, so wie im ganzen Land, aufgrund der politischen Rahmenbedingungen kaum Gewicht.

Das Zauberwort für die Tourismusentwicklung im Viejo Caldas ist der "Agroturismo", was bei uns mit etwas Phantasie ungefähr mit "Ferien auf dem Bauernhof" vergleichbar ist. Seit 1989 die Kaffeepreisregulierung durch das internationale Kaffeeabkommen ausgesetzt wurde, haben die Kaffeepflanzer mit immer schlechteren Preisen zu kämpfen und viele versuchen nun durch die Vermietung ihres Herrenhauses, der Finca, einen Nebenerwerb zu erwirtschaften, der den Einkommensverlust aufzufangen hilft. Die Finca wird von den Wohlhabenderen in der Regel nur an den Wochenenden benutzt sodass sie dieses "tote Kapital" nun nutzen wollen.

Leider sind viele dieser wunderschönen Häuser im Laufe der Zeit einer Modernisierungswelle zum Opfer gefallen. Es gibt daher auch viele moderne Fincas, die vor allem aufgrund ihres höheren Komforts nachgefragt werden. Ein positiver Aspekt des aufkommenden Tourismus ist das wachsende Bewusstsein für das kulturelle Erbe und die Bemühungen von Privatpersonen, ihre traditionelle Finca weitgehend zu erhalten.

Kaffee und Natur

Wenn nun die Finca bezogen ist und der Swimmingpool ausprobiert wurde, mit dem die meisten der Häuser ausgestattet sind, wird die Gegend erkundet, gewandert oder ausgeritten. Touristische Hauptattraktion ist der "Parque del Café" im Quindio, der ein Kaffee-Museum beherbergt und auf dem weitläufigen Gelände dem Besucher einen Eindruck von der "Kultur des Kaffees" vermitteln will, also von der Geschichte und dem Leben der Bewohner des Viejo Caldas, die "Paisas" genannt werden. Dort wird daher auch auf Architektur, Sagen und Mythen der Region eingegangen. Allerdings wird der Park zurzeit derartig erweitert, dass man in Zukunft wohl eher einen Vergnügungspark nordamerikanischen Vorbilds dort erwarten kann.

Auch die Natur ist ein großer Anziehungspunkt, nicht nur der "Nevado del Ruiz", jener Vulkan, der 1985 zu traurigem Ruhm kam, als bei einem Ausbruch durch eine Schlammlawine mehrere Dörfer vernichtet wurden und mehr als 22.000 Menschen umkamen. Der den Vulkan umgebende Nationalpark ist besonders interessant, weil man in kürzester Zeit alle Klimastufen bis über 5.000 Meter über dem Meeresspiegel kennen lernen und eine artenreiche Fauna und Flora betrachten kann. Die Kulisse einer durch den kolumbianischen Nationalbaum, der höchsten Palmenart der Welt (palma de cera), bestimmten Landschaft kann in einem wunderschönen Tal im Quindio bewundert werden.

Die Kaffeezone wirbt im nationalen Kontext vor allem mit der Friedfertigkeit der Region. Die "Paisas" bezeichnen sie daher häufig auch als "kolumbianische Schweiz": Aktivitäten der Guerilla und Paramilitärs erreichen höchstens Randbereiche der Departments. Das ist ein großer Vorteil. Besonders, wenn in der Hauptsaison die Straßen zur Atlantikküste – vor allem nach Cartagena – nicht als sicher gelten, kann die Region von den vor allem dorthin gerichteten Touristenströmen profitieren. Weitere Vorteile der Region bestehen in der, im nationalen Vergleich, sehr guten Infrastruktur und einem höheren Lebensstandard der Bevölkerung, was vor allem auf Investitionen der Federación de Cafeteros, dem privaten Wirtschaftsverband aller kolumbianischen Kaffeepflanzer, in den letzten 30 Jahren zurückzuführen ist.

Die Bewohner der Kaffeezone haben außerdem den Ruf besonders herzlich zu sein. In der Tat kann man sich sehr schnell davon überzeugen, dass die "Paisas" liebenswürdig, hilfsbereit, fröhlich und äußerst gastfreundlich sind.

"Paisas" sind ursprünglich die Bewohner des nördlich gelegenen Departments Antioquia, aus dem Mitte des 18. Jahrhunderts ein großer Strom verarmter Bauern, in der so genannten "Colonisación Antioqueña", nach Süden zog, um noch unbesiedeltes Land urbar zu machen und sich eine Lebensgrundlage zu schaffen. Sie brachten ihre Kultur, Folklore und Architektur mit, die heute den besonderen Reiz einer Reise in die Kaffeezone ausmachen.

Die Region hat jedoch jüngst einen herben Rückschlag erfahren, als am 25. Januar 1999 ein Erdbeben mit der Stärke 6,0 auf der Richterskala die meisten Ortschaften vor allem im Quindio teilweise zerstörte. Einige Stadtviertel der Department-Hauptstadt Armenia wurden dem Erdboden gleichgemacht, circa 1.200 Menschen kamen ums Leben und Tausende wurden obdachlos. Die Auswirkungen des Erdbebens auf die weitere Entwicklung des Tourismus im Quindio, das als das erfolgreichste der drei Departments in der neuen Branche galt, bleiben abzuwarten.

Nicht nur Gewalt

Kolumbien ist ein Land mit zwei Gesichtern. Die Gewalt, die durch Drogen, Guerilla, Paramilitärs und das Militär aufrechterhalten wird, ist vor allem durch die Nachrichten ein Bestandteil des täglichen Lebens, jedoch findet dieser "Krieg" nur in bestimmten Gebieten des Landes statt, die man relativ problemlos umgehen kann.

Auf der anderen Seite stehen außergewöhnlich gastfreundliche und nette Menschen, wunderschöne Natur und eine kulturelle Vielfalt, die verblüffen.

Für mich war diese Reise, die mir einen Blick auf das andere, das weitgehend unbekannte Gesicht Kolumbiens ermöglichte, eine der positivsten und schönsten Auslandserfahrungen und ich möchte mich an dieser Stelle sehr beim Marburger Universitätsbund bedanken, durch dessen Reisestipendium mir diese Reise ermöglicht wurde.


violencia

Als violencia, das heißt "Gewalt", wird ein gewaltsam ausgetragener, politisch motivierter Konflikt bezeichnet, der seinen Höhepunkt zwischen 1948-58 erreichte. Allein in diesem Zeitraum forderte er, 200.000 Todesopfer und vertrieb etwa 800.000 Menschen aus den betroffenen Gebieten.


Der Marburger Universitätsbund vergibt wieder ein Reisestipendium in Höhe von 2.000 Mark. Das Stipendium ist für Marburger Studierende bestimmt, die an eine der Partnerhochschulen der Philipps-Universität wechseln wollen. Anträge sind zu richten an die Geschäftsstelle des Marburger Universitätsbundes, Bahnhofstraße 7, 35037 Marburg, Telefon 06421 28-24090. Als Unterlagen erbeten werden: Lebenslauf, Studiennachweis und Begründung des Antrags.

Hella Jaster-Lascano

Zuletzt aktualisiert: 07.01.2008 · trautmas

 
 
 
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