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Hohlräume im Gehirn

Hirnchirurgen aus aller Welt trafen sich auf der "Neuroendoscopy 2000"

Wie finde ich mich im Gehirn zurecht? Das ist das Grundproblem, das sich jedem Neurochirurgen stellt. Er muss nicht nur den Ort des krankhaften Geschehens aufspüren, sondern ihn überdies für den chirurgischen Eingriff zuverlässig wieder finden. Auf der Tagung "Neuroendoscopy 2000" versammelten sich Ende März an der Klinik für Neurochirurgie 200 Hirnchirurgen aus aller Welt, um Fortschritte auf diesem Gebiet zu diskutieren.

Die Endoskopie ist bereits eine über hundert Jahre alte Technik. Durch ein starres Rohr, das in seiner einfachsten Version mit einer Optik und einer Lichtquelle ausgestattet ist, wird Einblick in den Körper genommen. Angewendet wurde die Endoskopie zunächst zum Nachweis von Blasensteinen, wozu das Endoskop durch die Harnröhre vorgeschoben wurde. Am Gehirn wurde das Gerät zwar schon 1914 ausprobiert, doch in großem Stil hat sich die Technik erst seit zehn Jahren durchgesetzt.

Voraussetzung für die Endoskopie sind also Hohlräume, die auch im Gehirn vorhanden sind, die Hirnkammern. Ihr Inhalt sei "kristallklar wie Quellwasser" berichtet Professor Helmut Bertalanffy, Direktor der Neurochirurgischen Klinik. Häufig lassen sich schon mit einem Blick Geschwülste erkennen oder Gefässmissbildungen, die auf das Hirngewebe drücken oder zu platzen drohen.

In seiner modernen Version enthält ein Endoskop auch einen Kanal, um Gewebsproben zu entnehmen. Trotzdem hat es nur einen Durchmesser von sechs Millimetern, zerstört also wenig Gewebe beim Vordringen ins Gehirn. Bei dieser "minimal invasiven Chirurgie" sind Endoskope also nicht nur Orientierungs-, sondern zugleich Operationsinstrumente.

Hervorragende Anatomie-Kenntnisse sind die Voraussetzung für die Neurochirurgie, denn kaum ein Gehirn sieht genauso aus wie im Anatomie-Atlas. Helmut Bertalanffy vergleicht die Probleme, die sich ihm bei anatomischen Varianten stellen mit der Orientierung in einer fremden Stadt, in der die vorgesehene Reiseroute auch noch durch Straßensperren verlegt ist. Ein wichtiges Anwendungsgebiet, das in Marburg diskutiert wurde, ist etwa die Behandlung des Hydrocephalus, zu gut deutsch des "Wasserkopfs". Häufig sind hier die Abflüsse für das Hirnwasser verstopft. Entweder kann hier ein neuer Abfluss mit einem Ventil gelegt werden, der Hirnwasser in den Bauchraum ableitet. Endoskopie hilft, diese aufwändigen "Shunts" zu vermeiden, weil es häufig auch ausreicht, Hirnkammern miteinander zu verbinden. Dazu muss ein Loch in die Membran gebrannt werden, die die Hirnkammern auskleidet. Durch den freien Kanal im Endoskop kann dazu ein Draht vorgeschoben werden, und mit einem Stromstoß wird das Gewebe verkocht. Die geschaffene Öffnung bleibt meist auf Dauer offen. Zusammen mit der Firma Erbe Elektromedizin aus Tübingen hat der Privatdozent Dr. Dieter Hellwig diese Technik weiterentwickelt.

Endoskope liefern aber nicht nur einen optischen Eindruck aus dem Gehirn. Durch feine Kanäle lassen sich auch Sonden vorschieben, die chemische Größen messen. So kann der Gehalt des Hirnwassers an Sauerstoff und Kohlendioxid festgestellt werden und – besonders wichtig – der pH-Wert, also die Ansäuerung. Andere Sonden erlauben die Konzentrationen der Transmitter zu messen, das sind die Stoffe, mit denen Nervenzellen ihre Botschaften austauschen.

Nicht nur Endoskopie

"Neuroendoscopy 2000" war der seltene Fall eines Kongresses, der mehr hielt als sein Titel versprach, denn endoskopische Themen machten nur etwa die Hälfte der Beiträge aus. Professor Bertalanffy glaubt, dass die Marburger Universitätsklinik in Sachen Geräteausstattung den weltweiten Vergleich nicht zu scheuen braucht. Neu in Marburg ist die "stereotaktische Konvergenzbestrahlung" in der Klinik für Strahlentherapie unter Professorin Rita Engenhart-Cabilic. Bei der Strahlentherapie von Tumoren zerstören die Röntgenstrahlen nicht nur das Zielgebiet, sondern auch gesundes Gewebe, das davor und dahinter im Strahlengang liegt. Das Problem lässt sich mit der neuen Technik lindern, bei der die Röntgenstrahlen während der Therapie aus unterschiedlichen Richtungen durch das Gehirn geschickt werden und ihre Dosis nur in dem vorgesehenen Areal konzentrieren.

Die Magnetresonanz-Tomographie liefert Bilder von einem fantastischen Detailreichtum und erlaubt sogar, weißes von grauem Gehirngewebe zu unterscheiden. Da mit dieser Technik der Wassergehalt des Gewebes abgebildet wird, stechen auch Tumoren deutlich hervor. Im Experimentierstadium befinden sich Versuche, das bildgebende Verfahren der Magnetresonanz während der laufenden Operation einzusetzen. Bisher mussten für Aufnahmen vom Gehirn die Patienten ihren Kopf in eine Röhre zwängen, was naturgemäß ein gleichzeitiges Operieren ausschließt. Inzwischen gibt es jedoch in Deutschland drei offene Magnetresonanz-Tomographen. Da sie mit extrem starken Magnetfeldern arbeiten, muss auch das gesamte OP-Besteck aus nicht-magnetischen Materialien gearbeitet sein, etwa Titan. Bertalanffy hält es noch für zu früh einzuschätzen, ob diese Technik Vorteile bringt.

Für die Ausbildung von Neurochirurgen ist die "virtuelle Endoskopie" gedacht. Aus Bildern vom Computer- oder Magnetresonanztomographen wird das dreidimensionale Modell eines Gehirns erzeugt. Der Neurochirurg kann dann am Bildschirm durch die Hirnkammern "fliegen" und dabei den endoskopischen Eingriff simulieren. Ein Nachteil dieser Technik ist, dass bisher die Darstellung am Bildschirm noch keine Farbe erlaubt.

Die Tagung fand zum 70. Geburtstag von Professor Bernhard Bauer statt, der die Neurochirurgie in Marburg begründet und 20 Jahre lang geleitet hat. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit war die Endoskopie. Man kann nur staunen, wie sehr sich das Gebiet in dieser Zeit entwickelt hat.

utz


Zuletzt aktualisiert: 18.12.2007 · trautmas

 
 
 
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