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Weiblich gleich jung gleich schön?

Ein Marburger Symposium beleuchtete die "Wechseljahre" aus ethnographischer und kulturvergleichender Perspektive

Das Thema "Wechseljahre" findet in unserer Gesellschaft nur wenig Raum außerhalb des Sprechzimmers des Gynäkologen. In aller Regel zwingt gesellschaftlicher Druck hinsichtlich Gesundheit, ewiger Jugend und Schönheit Frauen in die Medikalisierung der Menopause.

Osteoporose, Adipositas (Fettleibigkeit), Schwindel, Hitzewallungen, Schlaflosigkeit und Reizbarkeit sind nur einige Gefahren und unangenehme Begleiterscheinungen des Klimakteriums, mit denen Frauen über 40 zu rechnen haben. Nach Meinung der Mediziner sind die menopausal bedingten Beschwerden bei zwei Dritteln der Betroffenen behandlungsbedürftig. Hormonelle Therapien sollen den Frauen hier Erleichterung verschaffen, Pharmabroschüren werben mit dem Versprechen von Jugendlichkeit und nie erlahmender Tatkraft. So wird die reife Frau, deren biologische Funktion der Reproduktion erloschen ist, zur jungen reifen Frau, die alterslos uneingeschränkten Erfolg in Heim und Beruf hat. Die Definition dessen, was in unserer Gesellschaft als weiblich gilt, wird synonym zu Jugend, Schönheit und Gesundheit verwendet. Um ihre Rolle innerhalb von Familie und Arbeitsplatz weiterhin ausfüllen zu können, wird der Frau in den Wechseljahren mittels Hormonen eine künstlich junge Identität geschaffen. Die altersbedingten allmählichen Verfallserscheinungen, die beide Geschlechter gleichermaßen betreffen, werden mit Blick auf die Frau als Erlöschen der Weiblichkeit interpretiert, sofern sie sich dem Druck, ewig jung, schön und gesund zu bleiben, widersetzt.

Und in anderen Kulturen?

Wie bewältigen demgegenüber Frauen aus anderen Kulturen die Lebenskrise, als die die so genannten Wechseljahre in unseren Breiten oft betrachtet werden? Welche sozialen Veränderungen, Verluste oder Zugewinne ergeben sich für Frauen in fremden Gesellschaften durch das Älterwerden? Diese und andere Fragen zum Thema Klimakterium wurden vom 12. bis 14. Mai in Marburg während der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Kuhlmann-Fonds geförderten internationalen Tagung "Frauen während und nach der Menopause aus ethnographischer und kulturvergleichender Perspektive" im Rahmen des Fachgebietes Völkerkunde erörtert. Die beiden Initiatorinnen, die Privatdozentinnen Dr. Godula Kosack und Dr. Ulrike Krasberg, haben als Ethnologinnen jahrelang zu frauenspezifischen Themen geforscht. Zu dem Symposium luden sie Ethnologinnen aus den Niederlanden, Frankreich, Georgien, Österreich und Deutschland ein.

Im ersten Teil der Tagung wurde deutlich, dass das Phänomen "Wechseljahre" nicht nur ein biologisches, sondern auch ein soziales und politisches Thema ist. So sollten Forscher und Forscherinnen die gesellschaftliche Stellung von Frauen und Männern, die Immanenz von intergeschlechtlichen Beziehungen und deren sozialen Stellenwert sowie den kulturspezifischen Umgang mit dem Älterwerden und den Alten in die Untersuchungen über dieses gesellschaftliche Phänomen mit einbeziehen, und dies sowohl in der eigenen als auch in einer fremden Gesellschaft.

Im zweiten Teil, in dem Beispiele für verschiedene Regionen vorgestellt wurden, zeigte sich vor allem, dass in anderen Gesellschaften weder physische noch psychische Begleiterscheinungen der Wechseljahre als derart bedrohlich und die Lebensqualität vermindernd wahrgenommen werden. Der Eintritt in die dritte Lebensphase, in der die Frauen den Status der rituellen Unreinheit verlassen und damit unempfänglich für dämonische Angriffe aus der Zwischenwelt werden, bietet den Frauen dort die Möglichkeit, sich verstärkt spirituellen Aufgaben innerhalb der Gesellschaft zu widmen. In der griechischen Dorfgemeinschaft beispielsweise übernehmen diese Frauen wichtige Funktionen im religiösen Leben. Die Rolle als Ehefrau, Hausfrau und Mutter wird in den Alltag der Dorföffentlichkeit ausgedehnt: Den Frauen obliegt die Verantwortung für die Organisation aller Belange der Kirche, wie die Ausrichtung von religiösen Festen, Wallfahrten oder der Grabpflege. Außerdem sind sie für das spirituelle Wohl der Familie zuständig und erwerben mit ihrem aktiven eigenverantwortlichen Handeln nicht nur höheres Ansehen für sich in der Dorfgemeinschaft, sondern für ihre Familien.Den metaphysischen Kräften von Frauen in Griechenland, Indien, bei den Maori (Neuseeland) und den Maffa (Nord-Kamerun) – darüber waren sich die Referentinnen einig – wird mehr Bedeutung beigemessen, wodurch sie sich höherer Achtung erfreuen. Wechseljahre werden in diesen Gesellschaften nicht als Synonym für Krankheit und Erlöschen von Weiblichkeit verwendet und gedacht, sondern den Frauen wird eine neue soziale Rolle zugewiesen. Auf diese Weise müssen sie keinen Lebensplan für das Alter entwerfen, sondern haben in ihrer sozial und kulturell definierten Rolle einen Platz innerhalb der Gemeinschaft.

Als Resümee der Tagung lässt sich festhalten, dass eine isolierte Untersuchung von Wechseljahren in fremden Gesellschaften nicht möglich ist. Vielmehr müssen soziales, religiöses wie politisches Handeln, Geschlechterbeziehung und Formen und Einstellungen gegenüber dem Zusammenleben im Kontext untersucht werden. In der Ethnologie besteht hier noch ein großer Forschungsbedarf. Die Organisatorinnen hoffen, mit einem Tagungsreader zusätzlich zu dem Symposium einen Beitrag zu diesem Thema zu leisten.

Antje van Elsbergen

Zuletzt aktualisiert: 18.12.2007 · trautmas

 
 
 
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