In der Haut des Feindes
In einem Projekt der Marburger Friedens- und Konfliktforschung tauschten Griechen und Türken die Rollen
Kosovo, Kongo und Kaschmir, Tschetschenien, Molukken und Nahost ... Ein Blick in die Tageszeitung genügt, um die Relevanz unseres Projekts zu erfassen: Sind feindliche Einstellungen über situative Einflüsse abbaubar?
Das interdisziplinäre Nebenfach Friedens- und Konfliktforschung gibt es seit vier Jahren an unserer Universität. Es war der erste Studiengang der Friedens- und Konfliktforschung in Deutschland. Rund 120 Studierende beginnen jährlich mit dem neuen Studiengang, viele von ihnen sind nur wegen der Friedens- und Konfliktforschung nach Marburg gekommen.
Das Hauptziel des neuen Fachs ist, die Studierenden dafür zu qualifizieren, dass sie Konflikte und ihre Regelungsmöglichkeiten analysieren können. Dazu müssen sie lernen, sich in andere, oft zur eigenen Ansicht gegensätzliche Positionen hineinzuversetzen. Denn nur wenn die Interessenkonstellationen der Konfliktparteien verstanden werden, besteht die Chance, in einen Streit regelnd eingreifen zu können. Rollenspiele und Szenarien haben sich als geeignetes Mittel erwiesen, um unterschiedliche Interessenkonstellationen herauszuarbeiten. In einem Rollenspiel übernehmen und verteidigen die Teilnehmer die Positionen und Interessen von Konfliktparteien aus realen Konflikten. So wurden in den Einführungsseminaren der Friedens- und Konfliktforschung Konferenzen abgehalten oder gegensätzliche Interessen in Form einer Talkshow präsentiert. Die Evaluierungen zeigten, dass Studierende, die bei einem Rollenspiel zu ihrer eigenen Meinung konträre Positionen vertreten mussten, ein größeres Verständnis für die gespielte Ansicht entwickelten.
Rollenspiele zur Bearbeitung komplexer Konflikte?
Für eine Gruppe von Studierenden um den Gründer der Marburger Friedens- und Konfliktforschung, den Soziologie-Professor Ralf Zoll, stellte sich die Frage ob die in den Seminaren gemachten Erfahrungen generalisierbar sind. Lassen sich mit Rollenspielen auch komplexe internationale Konflikte erfassen oder sogar bearbeiten? Diese Fragen wurden in folgender Forschungshypothese zusammengefasst: "Feindliche Einstellungen sind über situative Einflüsse wenigstens teilweise abbaubar. Zumindest lassen sich die eigenen Positionen problematisieren." Aufgrund guter Kontakte zur Aristoteles-Universität in Thessaloniki entschieden wir, die Fragestellung anhand der gespannten griechisch-türkischen Beziehungen zu bearbeiten. Am Beispiel des Zypernkonflikts sollte ein Modell entwickelt werden, mit dem in Konflikt geratene Interessen vermittelt werden können. Als Testlauf für dieses Modell wurde ein Workshop mit Griechen und Türken anvisiert.
Inhaltliche Vorbereitung des Workshops
Für die Alltagsebene entwickelten wir das Rollenspiel mit dem Titel "Bikommunales Treffen". Hier sollten die Teilnehmer des Workshops in die Rollen von zypriotischen Privatpersonen schlüpfen. Die griechischen Teilnehmer würden dabei die Rollen der Zyperntürken, die türkischen Teilnehmer die der Zyperngriechen übernehmen.
Das Rollenspiel auf der politischen Ebene war als Friedenskonferenz konzipiert. Wiederum mit vertauschten Rollen sollten die Teilnehmer unter Vermittlung der UNO über die Zukunft der Insel verhandeln.
Da nicht davon auszugehen war, dass alle Teilnehmer über ein fundiertes Wissen über den Zypernkonflikt besaßen, stellten wir einen einführenden Reader zusammen, der unter anderem eine von uns selbst erstellte Konfliktanalyse enthielt. Darüber hinaus mussten sowohl für das Alltagsmodul wie auch für die Friedenskonferenz Rollenbeschreibungen verfasst werden. Diese Beschreibungen erläuterten die wichtigsten Positionen der darzustellenden Rolle. Den Teilnehmern wurde nicht vorgegeben, wie sie zu handeln haben. Sie sollten in der Logik ihrer Rolle frei agieren.
Neben Rollenspielen sollte unser Modell noch weitere Mittel nutzen, die in der einschlägigen Literatur als fördernd für Einstellungsänderungen gelten. Eines dieser Mittel war, Situationen zu schaffen, in denen Griechen und Türken gemeinsame Aufgaben erledigen müssen. Dafür war in unserem Modell unter anderem ein griechisch-türkisches Medienteam vorgesehen, zu dessen Aufgaben gehörte, während der Friedenskonferenz Interviews mit den Delegationsmitgliedern zu führen und eine tägliche Nachrichtensendung zu produzieren. Damit erfüllte das Medienteam zugleich die Funktion, bei den Rollenspielern für objektivierte Selbstaufmerksamkeit zu sorgen. Durch die Fernsehnachrichten zeigte es den Teilnehmern, wie sie in ihren Rollen agierten. Der gesamte Workshop setzte zudem darauf, persönliche Kontakte zwischen Griechen und Türken zu schaffen, nicht nur durch die Rollenspiele, sondern auch durch ein gemeinsames Freizeitprogramm.
Finanzierung und Teilnehmerrekrutierung
Foto: Anna Ntemiris
Verlauf des Workshops
Nach fast einjähriger Vorbereitung war es im Oktober 1999 endlich soweit, dass wir unser Modell in Nea Karvali, Griechenland, umsetzen konnten. Kern des Workshops waren die beiden Rollenspiele.
Das bikommunale Treffen
Der eigentliche Workshop begann mit dem bikommunalen Treffen. In diesem Rollenspiel kamen die Teilnehmer als zyperngriechische und zyperntürkische Privatpersonen zusammen, in deren Leben der Zypernkonflikt tiefe Einschnitte hinterlassen hatte. Jeder von ihnen schilderte seine Alltagserfahrungen mit dem Konflikt. Insgesamt wurden in dem von der UNO veranstalteten Treffen zehn Geschichten erzählt, die Fragen wie die Flüchtlingsproblematik sowohl von einem zyperngriechischen als auch von einem zyperntürkischen Standpunkt behandelten. Sämtliche Teilnehmer wurden ihrer Rolle gerecht. Keine der Geschichten wirkte aufgesetzt, keine war auswendig gelernt. Ein Teilnehmer war so kreativ, mit einer selbst erstellten Fotocollage seine Geschichte zu verdeutlichen. Nachdem alle Geschichten vorgetragen waren, entwickelte sich eine sachliche Diskussion, an der sich ein Großteil der Rollenspieler beteiligte. Auch die vom Medienteam geführten Interviews zeigten, dass alle Teilnehmer in der Lage waren, die übernommenen Rollen und Positionen glaubhaft zu verkörpern. Das bikommunale Treffen klang aus mit einem Fest, das mit Buffet sowie griechischen und türkischen Tänzen bis weit nach Mitternacht dauerte.
Verlauf der Friedenskonferenz
Geleitet wurde die Friedenskonferenz vom UN-Generalsekretär und seinem Sondergesandten für Zypern, gespielt von den Verfassern dieses Artikels. Teilnehmer der Konferenz waren eine zyperngriechische und eine zyperntürkische Delegation sowie Griechenland und die Türkei. Innerhalb der Delegationen galt es, die Rollen des Regierungschefs, des Außenministers, des Verteidigungsministers und eines Sekretärs zu besetzen. Die Teilnehmer hatten dabei nicht die realen Amtsinhaber zu spielen, sondern in der Logik des jeweiligen Amtes zu agieren. Daher mussten sie Namen für die Personen ihrer Rolle erfinden.
Das Szenario machte einige Vorgaben, die nicht der Realität entsprachen. Zum Beispiel setzt die Teilnahme an einer Friedenskonferenz Verhandlungsbereitschaft voraus, die es aber auf Seiten der Zyperntürken im Juni 1999 – dem fiktiven Zeitpunkt der Konferenz – nicht gegeben hat. Des weiteren sollten die Teilnehmer eben nicht die Realität nachspielen. Auf der anderen Seite durfte das Rollenspiel nicht völlig unrealistisch sein, weil das der Überprüfung unserer Forschungshypothese nicht dienlich gewesen wäre. Die Teilnehmer würden wahrscheinlich kein Verständnis für die gegnerische Position entwickeln, falls sie Inhalt und Verlauf des Rollenspiels für realitätsfern halten.
Foto: Anna Ntemiris
Am Morgen des zweiten Konferenztages gerieten die Verhandlungen in eine schwere Krise. Die griechische Außenministerin beklagte mehrfach, die Türken und Zyperntürken hätten mit militärischer Gewalt gedroht. Die türkische Seite wies verärgert die Vorwürfe zurück. Trotz Vermittlungsversuchen der UNO bekam der Streit eine solche Dynamik, dass die Delegationen den Verhandlungstisch verließen. Die UN-Vermittler bemühten sich, mittels Pendeldiplomatie die Konferenz zu retten. Doch die Rollenspieler waren so sehr von der Dynamik mitgerissen, dass sie zunächst nicht einmal indirekt mit der anderen Seite verhandeln wollten. Gegen Mittag gelang es der UNO, Griechen und Türken wieder an einen Tisch zu bringen. Am Nachmittag wurde sogar das "No-War-Agreement" von 1988 neu aufgelegt. Dieser Durchbruch trug dazu bei, dass am Abend auch wieder Zyperngriechen und Zyperntürken miteinander verhandelten.
Am dritten und letzten Tag der Friedenskonferenz verhandelten die vier Konfliktparteien über Entwürfe der UNO für vertrauensbildende Maßnahmen und für eine Schlusserklärung. Bis zur letzten Minute schenkten sich die Delegationen nichts. Doch schließlich einigten sie sich auf das Schlussdokument und auf ein Paket von vertrauensbildenden Maßnahmen, das unter anderem Austauschprogramme umfasste.
Foto: Anna Ntemiris
Die Friedenskonferenz verlief für uns insgesamt zufriedenstellend. Die Bereitschaft, in eine Rolle zu schlüpfen, war durchweg gegeben. Inhaltlich waren die meisten Rollenspieler gut vorbereitet und konnten auch längere Phasen eigenständig in der Logik ihrer Rolle agieren. Ihre Identifikation mit ihrer Rolle geriet einige Male zur Über-Identifikation. Angriffe auf die Rolle, die in der Logik des Rollenspiels lagen, wurden manchmal als persönliche Attacke übel genommen. Konflikte wurden nicht nur auf der Sachebene, sondern auch auf der Beziehungsebene ausgetragen. Das spricht für unser Rollenspiel, weil es sich in der Wirklichkeit ebenso verhält. Bisweilen stand für die Spieler der Beziehungskonflikt im Vordergrund. Es ging ihnen darum, sich als Spieler voreinander zu behaupten, das eigene Gesicht zu wahren und sich keine Blöße zu geben. Das konnte so weit gehen, dass die Delegationen – versunken in der Logik des Beziehungskonflikts – gegen ihre inhaltlichen Interessen agierten. Da riskiert etwa eine Seite ein Abkommen, das objektiv gesehen ihren Interessen nutzt, weil sie glaubt, der anderen Seite "es noch mal richtig zeigen zu müssen." Sie hatte in der Hitze des Gefechts die eigenen Vorteile nicht mehr wahrgenommen. Solche Gewichtungen der Präferenzen erscheinen irrational und als Mangel des Rollenspiels. Es sei aber daran erinnert, wie irrational sich in diesem Sinne auch tatsächliche Politiker in Verhandlungen verhalten können.
Ergebnisse und Bewertung des Workshops
Der gesamte Workshop wurde forschend begleitet und empirisch evaluiert. Zu diesem Zweck wurde zu Beginn und am Ende des Workshops mit halbstandardisierten Fragebögen und Einzelinterviews die Einstellungen der Teilnehmer zur ihrer eigenen und zur jeweils anderen Volksgruppe erhoben. Die Auswertung brachte drei Ergebnisse:
- Die eigene Volksgruppe wurde nach den Rollenspielen kritischer gesehen als vorher.
- Zwar wurde am Ende des Workshops die fremde Volksgruppe immer noch schlechter beurteilt als die eigene. Die Unterschiede in der Bewertung haben aber abgenommen.
- Die fremde Volksgruppe wurde in der zweiten Erhebung deutlich besser beurteilt als in der ersten.
Die Forschungshypothese scheint demnach bestätigt: Feindliche Einstellungen sind über situative Einflüsse reduzierbar – jedenfalls kurzfristig, wie die Erhebung zeigte. Ob die Einstellungsänderungen mittel- und langfristig wirksam sind, können wir nicht sagen.
Ein Modell wie unseres kann natürlich keinen Frieden im Nahen Osten schaffen oder den Tschetschenienkrieg beenden. Dennoch ist es ein wertvolles Mittel der Konfliktbearbeitung, weil es Friedensprozesse von unten unterstützen kann, indem es Hass und Vorurteile abbaut.
Wie die meisten der griechischen und türkischen Teilnehmer waren auch wir Ausrichter mit dem Workshop insgesamt zufrieden. In Griechenland stieß unser Projekt auf große Resonanz in den Medien. Besonders freut uns, dass Gespräche darüber laufen, den Workshop in der Türkei zu wiederholen.
Timon Gremmels und Thorsten Gromes
Friedens- und Konfliktforschung
Prof. Dr. Ralf Zoll
Ketzerbach 11
35032 Marburg
Telefon: 06421 / 28-23749
| Timon Gremmels studiert Politikwissenschaft, öffentliches Recht und Friedens- und Konfliktforschung. | Thorsten Gromes studiert Politikwissenschaft, Soziologie und Friedens- und Konfliktforschung. |

